Re: Entscheidung

Geschrieben von Weltfremder am 20. Mai 2003 00:07:38:

Als Antwort auf: Re: Entscheidung geschrieben von HotelNoir am 19. Mai 2003 21:12:56:

Hallo HotelNoir,


>Dem kann man bis hierhin durchaus zustimmen. Die Formulierung "dürfen" deutet aber auf ein Problem hin: Du bist beschlagen mit einem Gott, der Dir Vorschriften macht und Dich auf die Probe stellt, Guerrero. Das ist ein psychologisches Problem, kein religiöses. Vater-/Elternersatz durch Anbetung eines Götzen - einer Auswahl von positiven und negativen Projektionen, aufgrund denen Du ihn kreierst, Deinen Gott.
>Abgesehen davon, dass er Illusion ist, ist es ein hässlicher Gott, einer, bei dem viele Menschen schlecht wegkommen und nur wenige oder weniges seiner Zuneigung wert sind. Er setzt hohe Ansprüche und erkennt nicht all das Gute im Menschen. Etwas das viele in ihrer Kindheit gegenüber ihren Eltern so empfinden.

Warum muss jemanden schlecht beurteilen bedeuten, dass man keine Zuneigung zu ihm hat ? Kann es sein, dass Du das Problem, dass Du Guerrero vorwirfst, selbst hast, und es deshalb an ihm zu erkennen glaubst ?
Der Unterschied zwischen der Liebe Gottes und unserer ist doch wohl folgender:
Gott beurteilt die Menschen so, wie sie sind - und wenn man jemanden durch und durch durchschaut: ich glaube nicht, dass da viel Gutes übrigbleibt, denn was immer ein Mensch tut, tut er doch zuallermeist aus Eigenliebe. Und diese hat meist noch recht schöne Formen, solange das Wetter gut ist - d.h. solange keine außerordentlichen Situationen auftauchen - aber wenn's Wetter umschlägt, dann wird sie sich als das zu erkennen geben, was sie ist: egoistisch und selbstsüchtig. Nun, wir sind wohl alle so. Aber ist es gut zu nennen, nur weil wir alle so sind ?
Gott aber liebt den Menschen, wie er ist - bedingungslos.
Der Mensch aber liebt den Menschen nur, wenn er ihm entspricht. Würde ich z.B. statt dieser Worte jetzt Worte an dich richten, die dich bestätigen und dir sagen, wie gut du dass doch erkannt hast, wäre ich Dir sicher sympatischer, als ich es so bin. Wenn ein Mensch zu Dir kommt und sich für dich interessiert, wirst Du sicher bald eine Zuneigung verspüren. Kommt aber einer und zählt Dir deine Fehler auf, wirst du ihn nicht mögen ! Das ist UNSER ALLER WESEN. Aber was soll daran gut sein ? Wenn ein Arzt zu einem Patienten kommt und ihm seine Gebrechen aufzählt und was er zu tun hat, um sie zu heilen - ist das Lieblos ? Heutzutage sind die Ärzte allerdings tatsächlich meist schon ganz anders gepolt. Sie zählen zwar dem Patienten die Gebrechen noch auf, aber stets so, dass es klingen soll, als wenn den Patienten an seiner Krankheit keine geringste Schuld trifft und es nur die Schuld der unvollkommenen Natur oder allerlei anderer Umstände ist, dass der Mensch krank geworden ist. Diese Sprache ist uns angenehmer. Und zur Heilung werden Pillen verschrieben, die man leicht schlucken kann, ohne dabei seine Lebensgewohnheiten irgend großartig umstellen zu können. Dass die Krankheit aber durch ein Missachten der Ordnung aufgetreten ist, das wagt sich nahe schon kein Arzt mehr zu sagen. Und dass sie nur wirklich und nachhaltig geheilt werden kann, wenn man sein Leben an der nun einmal existierenden Ordnung ausrichtet, sagt einem schon gar kein Arzt mehr, denn dann würden wir ihn böse, verleumderisch und frech nennen - obwohl wir es besser wissen ! Und warum ist das so ? Weil wir uns nicht an der Wahrheit, die offen vor uns liegt, orientieren, sondern an den Begierden unseres Körpers: Trägheit, Faulheit, Esslust und Geilheit. Wenn wir nur darin nicht gestört werden oder es uns gar noch durch einen frechen Arzt stittig gemacht wird.

Dass wir schlecht wegkommen, bei diesem Gott, das ist wohl richtig. Aber wenn wir uns mal versuchen würden objektiv selbst zu betrachten mit nur einem Vorsatz: den der Wahrheit über uns selbst, dann würden auch wir bei uns schlecht wegkommen. Die Früchte, die wir in aller Welt hervorgebracht haben zeigen es doch: wir haben wundervolle Dinge hervorgebracht ! Und woraus ? Aus dem Erkennen der Wahrheit und der Nutzbarmachung der Ordnung dieser Wahrheit. Die Sache hat nur einen bedeutenden Haken: Wir sind immer nur soweit bereit, die Wahrheit und die Ordnung anzuerkennen, wie sie uns in den Kram passt. Läuft die Realität aber mit unserem Wollen nicht konform, wird sie verleugnet und wenn nötig öffentlich verdreht. Würden z.B. globale Umweltprobleme existieren, wenn wir nur nach Wahrheit gesucht hätten und danach, Nutzen zu bringen ? Hätten wir die Konsequenzen unserer Handlungen nicht viel früher einsehen müssen und dementsprechend anders handeln ? Haben wir sie nicht früher gesehen ? Aber es war den Menschen noch seit jeher egal, was wird, wenn nur im jetzt alles schön bequem ist.

Wir haben uns selbst in diese Lage manövriert und dieser Gott tut alles, um uns daraus zu helfen. Aber wir wollen es offensichtlich gar nicht, denn die Medizin ist bitter und bedeutet, dass wir unsere Bequemlichkeit aufgeben müssen. Und mehr noch als das: dass wir aufhören müssen ständig für nichts anderes zu sorgen, als dass wir persönlich - jeder für sich - seine geilen Begierlichkeiten befriedigen kann. Und inzwischen sind wir soweit, dass die Welt, die wir uns erschaffen haben, in sich zusammenstürzt, weil sie nicht an der Realität ausgerichtet war und somit auf losem Sand gebaut. Und den Arzt, der uns immer noch nachdrücklich sagt, was wir tun müssen, um das Schlimmste für uns selbst zu vermeiden, nennen die Meisten von uns böse, weil er uns und unsere Welt nicht anerkennt, wie wir sind, sondern uns ändern will, damit unser Sein und unser Erschaffenes Bestand haben möge - und damit auch unser Glück !

Was deine Erklärung mit der Kindheit und den Elternkomplexen angeht, kann ich Dir dazu nur entgegnen, dass mir so eine Antwort in keiner Weise eine Befriedigung geben würde, geschweige dass das eine Antwort auf eine Warum-Frage sein könnte.
Das ist für mich, als wenn ich die Existenz der weißen Schachfiguren mit der der schwarzen begründen würde.

Viele Grüße,
Weltfremder


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