Re: Einige Anmerkungen sowie eine Frage zu Pocken(impfungen) und Terroristen
Geschrieben von Swissman am 23. Januar 2003 00:07:35:
Als Antwort auf: Re: Einige Anmerkungen sowie eine Frage zu Pocken(impfungen) und Terroristen geschrieben von HELMUT am 20. Januar 2003 23:16:55:
Hallo Helmut,
>Da zu dieser Zeit in der Stadt angeblich an ca. 50 Menschen die Pocken eingepfropft wurden und nicht alle daran so krank wurden wie bei seinen Prüfling, war seine Schlussfolgerung, dass die Impfung (damals gab es das Wort Einpropfung) im großen und ganzen die Menschen vor Pocken schützt und man daran weiterarbeiten muss.
Das geschilderte Verfahren ist auch als "Inokulation" bekannt, dies im Gegensatz zu Jenners "Vakzination". Bedauerlicherweise werden die beiden Begriffe zumindest in der Englischen und Französischen Sprache (in anderen Sprachen wahrscheinlich auch) heute als Synonime gebraucht, was vermutlich nicht unwesentlich zur Entstehung von Unklarheiten und Verwechslungen beigetragen haben dürfte.
Bei der Inokulation wird, bzw. wurde so verfahren, wie von Dir bereits zutreffend geschildert wurde. - Theoretisch ist es tatsächlich möglich, auf diese Art Immunität gegen Pocken zu erhalten, aber in der Praxis ist das Risiko inakzeptabel hoch: Der Eiter muss nämlich genau zum richtigen Zeitpunkt entnommen werden, um in der gewünschten Weise zu wirken - erfolgt die Entnahme zu früh, sind noch lebensfähige Variola-Viren darin enthalten, die den Patienten selbstverständlich mit grösster Sicherheit infizieren werden. Wartet man aber allzu lange, hat bereits die Verschorfung eingesetzt und die Antikörper sind abgestorben, sodass überhaupt keine Wirkung eintreten kann. - Um die Relationen zu zeigen: Wir sprechen von einem Zeitfenster von wenigen Stunden (die genaue Dauer ist zudem noch individuell unterschiedlich), innerhalb dessen der Eiter die gewünschte Immunisierung bewirken kann.
Dieses Verfahren wurde denn auch recht bald wieder eingestellt - es war zumindest ebenso gefährlich, wie nichts zu tun. Genaugenommen wurde dabei das Rad sogar mehrmals erfunden, denn bereits antike chinesische und ägyptische Schriften beschreiben die Vorgehensweise.
Bei der Herangehensweise Gaubius' sehe ich zudem eine weitere Gefahr: Je nachdem, wie weit der Bindfaden mit dem Eiter transportiert werden musste, kann bereits Verwesung eingesetzt haben (dem Variola-Virus macht dies nichts aus - Pockenleichen sind noch mehrere Wochen lang infektiös), wobei ein ganzer Coktail von Giftstoffen entsteht.
Demgegenüber verwendete Jenner einen nahen Verwandten des Variola-Virus', den Erreger der Kuhpocken (um genau zu sein: Irgendwann - mutmasslich bereits sehr früh - muss der zur Impstoffproduktion verwendete Stamm mutiert sein, denn die heute vorhandenen Impfstoffe enthalten einen Vaccinia-Virus genannten Stamm, der sich von den Kuhpocken in einigen Punkten unterscheidet, aber trotzdem die gewünschte Wirkung entfaltet).
Aufgrund seiner sehr engen Verwandtschaft zu Variola verleiht eine Kuhpocken-Infektion zugleich eine weitgehende Immunität gegenüber den Pocken. Die Betonung liegt dabei auf "weitgehend", denn "nur" die grosse Mehrzahl (deutlich über 90% - den genauen Prozentsatz weiss ich im Moment nicht) ist danach wirklich immun. Die anderen profitieren in den meisten Fällen trotzdem, da sie wenigstens eine Teilimmunität entwickeln und im Falle einer Pockenerkrankung einen milderen Verlauf erwarten dürfen. Und dann gibt es auch noch einige Pechvögel, bei denen überhaupt keine Wirkung eintritt.
Zu welcher Gruppe eine bestimmte Person gehört, lässt sich bedauerlicherweise nicht vorhersagen.
Anerkanntermassen ist der Pockenimpfstoff nicht ungefährlich, denn technisch gesehen handelt es sich dabei um eine (normalerweise) lokal begrenzte Infektion mit mildem Verlauf. - Ein gewisser, im Vergleich zu anderen Impstoffen sehr hoher, Prozentsatz erleidet Nebenwirkungen, deren Folgen von unangenehm bis tödlich reichen (die Literatur nennt 1 - 2 Todesfälle pro 1'000'000 Geimpften).
>Was mich allerdings sehr stark verwundert, ist es, dass bei diesen Erkrankten niemand weiteres an den Pocken erkrankte!
Man muss bedenken, dass die Pocken damals eine gängige Infektionskrankheit waren - maximal alle paar Jahrzehnte sahen die Menschen sich einer Epidemie gegenüber: Etwa 40% der Kranken erlagen der Seuche, die Überlebenden trugen zwar zum Teil bleibende Schäden davon (Blindheit, Pockennarben, Hirnschäden, etc), waren aber für den Rest ihres Lebens gegen den Erreger immun. - Vorausgesetzt, dass die letzte Epidemie nicht allzulange zurücklag, müssen die meisten Einwohner (nämlich alle, die damals bereits lebten) immun gewesen sein und konnten daher nicht mehr erkranken. Zudem fielen sie auch als Überträger aus, sodass die Viren in ihren Möglichkeiten, neue Opfer zu finden, stark behindert waren.
Davon abgesehen ist es auch möglich, dass der "Geimpfte" sich zur Verfügung des Arztes halten musste, damit dieser ihn beobachten konnte - dies liefe dann auf eine Art Quarantäne hinaus. Bei späteren Versuchen dürften die Menschen, im Wissen, was beim ersten Versuch geschehen war, von selbst einen weiten Bogen um die Versuchspersonen gemacht haben.
>Die Kaiserin Maria Theresia erkranke an der Impfung selber und verlor durch die Impfung auch einige ihrer Kinder. Den Ärzten wurden Vorwürfe gemacht, doch sie wiesen jede Verantwortung von sich. Damals wie heute.
Da Maria Theresia bereits 1780 starb, muss sie sich dem Inokulationsverfahren unterzogen haben - die Folgen sind, mit dem heutigen Wissen, keineswegs überaschend. Gerechterweise muss man aber sagen, dass die Epidemiologie damals noch in den Kinderschuhen steckte, sodass man Maria Theresia schwerlich Vorwürfe machen kann.
mfG,
Swissman