Schamil Bassajew und "Khattab"
Geschrieben von Swissman am 04. September 2004 03:49:34:
Als Antwort auf: Swissman - Wahabitten haben Tschechenien Islamisiert geschrieben von Tashi Lhunpo am 03. September 2004 18:56:43:
World Islamic Front for Jihad Against Jews and CrusadersHallo Tashi Lhunpo,
Nach rund 100'000 Toten (bei einer Vorkriegsbevölkerung von ca. 900'000!) scheint es, dass in Tschetschenien die Guten grösstenteils gefallen sind, übriggeblieben ist insbesondere der Bodensatz. Nachdem der erste tschetschenische Präsident, Dschochar Dudajew, ermordet wurde, gab es in Tschetschenien faktisch keine allgemein anerkannte Regierung mehr.
In das entstehende Vakuum drängten die Wahhabiten mit Nachdruck hinein. Dazu ist zu sagen, dass die formal islamischen Völker im Nordkaukasus (auch vor der Oktoberrevolution!) relativ oberflächlich islamisiert worden waren - so ist etwa der Genuss von Schweinefleisch und gebrannten Wassern ist in dieser Gegend bei kaum einem Volk als unislamisch aufgefasst worden. Kopftücher und ähnliche "Segnungen" waren bislang relativ unbekannt. Im täglichen Leben spielte der jeweilige, tradierte Ehrenkodex meist die grössere Rolle, als die Regularien des Koran.
Der Gegensatz zum Wahhabismus könnte kaum grösser sein. Offenbar ist es den wahhabitischen Predigern gelungen, insbesondere den Bodensatz der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass der Krieg die Strafe für ihre bisherige Lebensführung sei.
Interessant ist dabei auch der Wandel, den der Feldkommandeur Schamil Bassajew durchgemacht hat: Im Ersten Tschetschenienkrieg erhielt er Verstärkung durch Ukrainer, Georgier, Balten und Armenier, die, aufgrund eigener leidvoller Erfahrung mit Moskau, de Tschetschenen gegen den übermächtigen russischen Bären helfen wollten. - Im Gegenzug unterstützte Bassajew seinerseits den rechtmässigen georgischen Präsidenten Swiad Gamsachurdija im Versuch, die kommunistische Junta unter Schewardnadse zurückzuschlagen. An den Kämpfen um die armenisch Exklave Nagorno-Karabach nahm er höchstpersönlich teil - auf Seiten der christlichen Armenier, gegen die moslemischen(!) Azerbaischaner.
Irgendwann nach dem formalen Ende des 1. Tschetschnienkrieges muss er dann dem Wahhabismus verfallen sein. Ungefähr zur selben Zeit tauchte in Tschetschenien ein dubioser Araber auf, der sich "Khattab" nannte. Sein bürgerlicher Name ist ebenso unbekannt, wie seine Herkunft: Gerüchteweise soll er in Saudi Arabien oder Jordanien geboren, später wegen seiner extremistischen Neigungen ausgebürgert worden sein. Er selbst soll in einem Interview "Moslem" als "Staatsbürgerschaft" angegeben haben.
Immerhin weiss man, dass "Khattab" vorher während längerer Zeit in Afghanistan residiert hatte. Durch seine Beziehungen soll er die "diplomatische Anerkennung" Tschetscheniens durch das Taliban-Regime arrangiert haben. Gesichert ist immerhin, dass "Khattab" in Tschetschenien grössere Summen Bargeld für den Bau von (selbstverständlich wahhabitischen) Moscheen und Koranschulen, sowie Waffenkäufe ausgab. Die Herkunft dieser Gelder scheint ebenfalls ungeklärt zu sein.
Nach seiner Ankunft in Tschetschenien freundete er sich schnell mit Schamil Bassajew an, der ihn schliesslich zu seinem Stellvertreter ernannte. Soweit bekannt, ist Khattab Anfang 1995 in Tschetschenien eingetroffen. Kurz danach, im Juni 1995, besetzte Bassajew im russischen Budjonnowsk ein Spital und nahm mehrere hundert Patienten und Angehörige als Geiseln.
Ich halte die Annahme für plausibel, dass es "Khattab" war, der Schamil Bassajew zum Wahhabismus führte. Dabei dürfte ihm die Tatsache zugutegekommen sein, dass Schamil Bassajews Frau und Kinder kurz zuvor infolge eines russischen Bombenangriffes gestorben waren...
Naheliegend ist überdies, dass "Khattab" über Kontakte zu Osama bin Laden verfügte. In diesem Fall dürfte Schamil Bassajew sich selbst und seine Gruppierung der "Weltweiten Islamischen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter" (um sich nicht die Zunge zu brechen gemeinhin eher als "Al Kaida" bekannt) zurechnen.
Dafür spricht auch die Tatsache, dass in Afghanistan eine grössere Anzahl Tschetschenien auf Seiten der Taliban gekämpft haben. - Ein vewundeter Kämpfer der Nordallianz wurde damals sinngemäss wie folgt zitiert: Die meisten Taliban seien Feiglinge, die vor ihnen davongerannt seien, sodass der Kampf gegen sie auf ein Tontaubenschiessen hinausgelaufen sei. Im Gegensatz dazu habe er es sehr genossen, gegen die tschetschenischen Al-Kaida-Söldner anzutreten - diese hätten nämlich ihre Stellung bis zum letzten Mann verteidigt. Er selbst habe sei im Nahkampf gegen sie verletzt worden.
Abschliessend war es ihm ein Anliegen, den Ausweis, den er dem Mann abgenommen hatte, in die Kamera zu zeigen, damit dessen Familie sich keine Sorgen machen müsse, dass möglicherweise als Feigling gestorben sein könnte. ;-)
"Khattab" selbst ereilte sein Schicksal um die Jahrtausendwende - über die genauen Umstände kursieren wiederum mehrere Versionen, die sich gegenseitig ausschliessen.
mfG,
Swissman
P. S.: Vielen Dank übrigens für den Buchtipp - Ich habe Masers Buch, dass Du empfohlen hattest, anfangs dieser Woche abgeschlossen.
- Re: Schamil Bassajew und "Khattab" Tashi Lhunpo 04.9.2004 13:15 (1)
- Re: Schamil Bassajew und "Khattab" Swissman 05.9.2004 00:01 (0)