Re: Von der Jägerhorde zum Massenmenschen
Geschrieben von Fred Feuerstein am 25. Juni 2006 20:35:40:
Als Antwort auf: Re: Fred, oder wie er die Welt sieht geschrieben von HotelNoir am 25. Juni 2006 19:32:51:
Hallo nochmal,
Ich habe hier einen hochinteressanten Artikel über das von uns diskutierte Thema.
Der Artikel ist von 1967 (!):....Im gleichen Heft wird jedoch die Arbeit eines anderen Autors, Paul Leyhausen vom Max-Planek-Institut für Verhaltensphysiologie, zitiert, der sich Gedanken darüber macht, ob der Mensch auch nur für eine der vielen Folgen seiner Selbst-Domestikation, nämlich für das Leben in der Masse seiner Artgenossen geschaffen sei. Leyhausen meint „nein", denn schon der Versuch der Anpassung an die Massengemeinschaften sei für den Men-schen genauso schädlich wie Medikamentenmißbrauch, Rauschgiftsucht und Alkoholismus.
Die Begründung dieser Hypothese geht von der Betrachtung der sozialen Eigenschaften des Menschen aus, der bei aller Anpassungsfähigkeit an die wechselnden Verhältnisse seiner Umwelt doch angeborene soziale Urbedürfnisse hat, die sicher mit der Sozialstrukturen zusammenhängen, wie sie die Menschheit bis zum Beginn der Jungsteinzeit besessen hat.!
Mindestens 40 000 Generationen lang hat der Mensch als Jäger und Sammler in kleinen Sozialverbänden gelebt und ist dabei wie jedes Lebewesen einem Anpassungsdruck unterworfen gewesen, der seine angeborenen Verhaltensweisen dem Leben in diesen kleinen Gruppen angeglichen hat. Wer sich überlegt, wie viele Menschen er wirklich so gut kennt, daß er mit ihnen befreundet ist, der wird finden, daß diese Zahl (samt der Familie) kaum jemals über 30 hinausgeht. Nur in einem solch kleinen Kreis fühlt sich der Mensch wohl und behaglich.
Schon als Dorfbewohner hat er nicht mehr zu allen Dorfgenossen freundschaftliche Beziehungen, denn die 400 Menschengenerationen, die gelebt haben, seit es Dörfer und Städte auf der Welt gibt, haben noch nicht genügt, um aus dem Hordenmenschen einen Massenmenschen zu machen. Biologische Anpassungsvorgänge geschehen nun einmal nur in Zeiträumen, die unsere Maßstäbe überschreiten, und dies gilt sowohl für die Veränderung der Körper als auch der Verhaltensweisen.
Auch heute, nach 400 Generationen, ist es unseren Genen noch nicht „bewußt" geworden, daß wir unsere Umwelt geändert haben und dringend neue angeborene Verhaltensweisen brauchen, die uns befähigen, auch mit hundert oder zweihundert Menschen „von Herzen und aus einem inneren Bedürfnis" befreundet zu sein. Noch benehmen sich die Menschen nur deswegen einigermaßen gesittet, weil moralische, vom Verstand gestützte Traditionen sie zu fernem möglichst reibungslosen Sozialleben zwingen. Wieviel einfacher hätte es der Mensch doch, wenn er aus innerer Neigung zu seinen fünfzig Nachbarn oder seinen fünfzig Kollegen so liebenswürdig sein könnte, wie zu seinen
engeren Freunden.Diese Anpassung der Erbfaktoren an die explosive Entwicklung der Zahl der Mitmenschen wäre gewissermaßen
eine Vorbedingung des guten Ausgangs aller technologischen Zukunftsträume.Hier hakt nun Leyhausen ein mit der Befürchtung, daß der Fortbestand der Menschheit gefährdet sei durch die nachteiligen Auswirkungen der dauernden sozialen Überforderung des "Einzelnen in den übervölkerten Städten.
Als Verhaltensforscher nennt Leyhausen dazu Tiervergleiche und wählt sein bevorzugtes Studienobiekt, die Katze. Katzen leben, wie viele andere Säugetiere, nach zwei verschiedenen Rangverhältnissen; unter den jungen Tieren bildet sich in den einzelnen Würfen bald die sogenannte absolute Hierarchie heraus. Die Kätzchen eines Wurfes machen durch viele Balgereien untereinander aus, wer der Stärkste ist. Ebenso leben die Kater eines Stadtviertels in einer absoluten Rangordnung untereinander, denn sobald sie außerhalb ihrer eigenen Hinterhöfe im Niemandsland der fremden Gärten oder Lagerplätze auftauchen, erkämpfen sie sich dort unter den konkurrierenden Katern einen festen Rangplatz. Daheim, im eigenen Jagdrevier, sind jedoch auch die schwächsten Kater kleine Könige, auch der Rangtiefste von ihnen läßt es sich nicht gefallen, wenn ein fremder Kater, und sei er noch so kräftig in das engere Revier seiner Wohnung oder seiner Scheuer eindringt. Die an den Ort gebundene, relative Hierarchie sorgt also dafür, daß das Tier innerhalb seines kleinen Reviers von keinem Artgenossen gestört wird.
Auch dem Menschen ergeht es oft ebenso: er ist König in seiner Wohnung, in seinem Garten, und kommt sich wie ein Dieb vor, wenn er das Wohnungsrevier eines Nachbarn ohne dessen Erlaubnis betritt. Zugleich aber besteht, auch beim Menschen, sobald er sein Haus verläßt, eine absolute Rangordnung: jeder Verein, jeder Betrieb, jeder Staat ist hierarchisch gegliedert.
Bezeichnenderweise verhalten sich Menschen und Katzen auch ziemlich gleich, wenn sie zu Dutzenden oder zu Hunderten zusammengesperrt werden. Vor allem tritt, daniemand mehr Platz für sich selber hat, beinahe schlagartig die absolute Rangordnung als einziges Sozialprinzip hervor; in den Gefangenenlagern zum Beispiel herrscht alsbald ein Tyrannen-System, das keineswegs zwangsläufig mit den Maßnahmen der Wächter zusammenhängen muß.Leyhausen fragt nun, ob sich der Mensch an diese absolute Rangordnung gewöhnen und unbeschadet das Leben in der Masse samt dem Zwang, immer von Mitmenschen umgeben zu sein, ertragen könne.
verschiedene Krankheiten, hohe Sterblichkeit, Geburtenrückgang und gesteigerte Aggression zur Folge, und beim Menschen gibt es ähnliche Beobachtungen.Wer nie allein sein kann, achtet krankhaft genau darauf, daß sein bißchen Territorium nicht verletzt wird; da werden im fortgeschrittenen Stadium Schnüre als künstliche Grenzen um die Betten gezogen, und da fällt die Belegschaft ganzer Baracken oft aus winzigem Anlaß übereinander her. Auf jeden Fall aber herrscht nach wenigen Wochen des ständigen engen Zusammenlebens unter Menschen jeder Kulturstufe eine gereizte, mißmutige, neurotisch-aggressive Stimmung.
Wenn die Bevölkerungslawine auf der Erde in Zukunft im selben Maße wie zur Zeit zunimmt, könnte es nun durchaus sein, daß die Stadtbevölkerung der Industriestaaten eines Tages so leben müßte, wie es die Menschen in den europäischen Flüchtlingslagern getan haben. Schon heute ist ja der Gedanke an ein eigenes Haus mit Garten für die Mehrzahl der Städter utopisch, und wo die Wohnkasernen senkrecht gebaut worden sind, muß sich schon heute jedermann in einem fast unerträglichen Maße ständig zusammennehmen, damit er seine Nachbarn nicht belästigt. Die Unfreiheit, die Einengung und damit bei uns zunächst eine Tyrannis des Behördenapparates, nehmen deutlich zu, und die Möglichkeiten des Einzelnen, sich von den Anforderungen der Gemeinschaft zu erholen, nehmen ab im selben Maße, wie die Bevölkerungsdichte zunimmt.
Diese Situation muß nicht unmittelbar zur allgemeinen Tyrannis führen, doch sie bereitet mindestens den Boden dafür vor! Leyhausen meint sogar, daß die überbevölkerte Erde eines nicht allzu fernen Tages zwangsläufig von der Massenvernichtung durch die Atombombe bedroht werde. Auf jeden Fall erscheint es ihm wie manchen anderen Forschern zwingend nötig, durch Geburtenkontrolle die Bevölkerungsdichte auf der Erde zu regulieren, damit die Menschheit eine Atempause bekommt und wenigstens mit ihrer jetzigen Entwicklung fertig werden kann.
eig. Anm.:
Der Text ist nunmehr fast 40 Jahre alt!
Wer immer noch glaubt, na das wird schon, die Menschheit wird ja immer klüger und weiser (selten so gelacht!) , und ist doch nicht so bescheuert sich selbst irgendwann auszuradieren, der möge diesen Text sorgsam lesen und sich Gedanken machen...........Mit freundlichen Grüßen
Fred
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- Re: Von der Jägerhorde zum Massenmenschen HotelNoir 26.06.2006 10:53 (0)