Gog und Magog (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens)

Aus Schauungen, Visionen & Prophezeiungen

Von Friedrich Pfister.

Die biblische Überlieferung[1]

Nach dem Propheten Hesekiel Kap. 38 f. ist Gog, im Lande Magog wohnend, der oberste Fürst in Mesech und Thubal, der mit den Völkern des Nordens in der Endzeit gegen Israel mit Schrecken hervorbrechen, aber dann von Jahwe auf den Bergen Israels vernichtet werden wird. Hier treten uns die beiden Namen als die des Israel feindlichen Königs und seines Landes zum erstenmal entgegen, während die Vorstellung von den gegen Israel in der Endzeit aus dem fernen Norden hervorbrechenden Feinden bereits älter und, wenn sie nicht mythischen Ursprungs ist[2], vielleicht durch die Skytheneinfälle im letzten Drittel des 7. Jahrhunderts. v. Chr., die bis nach Palästina drangen, hervorgerufen, sicher aber beeinflußt ist. In der Völkertafel von 1. Mos. 10, 2 begegnen uns Magog, Mesech und Thubal u.a. als Kinder Japheths, vgl. 1. Chronik 1, 5. In der Johannes-Apokalypse 20, 8 sind Gog und Magog zwei Völker, die vom befreiten Satan von den Enden der Erde zum letzten Kampf herbeigeführt werden. Die Namen Gog und Magog sind bis jetzt unerklärt.

  1. v. Orelli bei Herzog-Hauck 6, 761 ff.; Gunkel RGG.2 2, 1303, wo weitere Lit.; s. insbesondere die Kommentare zu jenen alttestamentlichen Stellen, etwa Herrmann Ezechiel (1924), 238 ff.
  2. Greßmann Urspr. d. israelit.-jüd. Eschatologie, Forsch, zur Rel. u. Lit. d. A. und N.T.s 6 (1905), 174 ff.

Die jüdisch-alexandrinische Weiterbildung

Auf dieser biblischen Grundlage beruhen in letzter Linie die apokalyptischen Vorstellungen von Gog und Magog, die im abendländischen Mittelalter eine große Rolle spielten. Dazu trat aber noch eine außerbiblische Tradition, die noch älter als die Johannes-Apokalypse ist und die ebenfalls in die Apokalypsen des Mittelalters eindrang. Wir finden sie zum erstenmal kurz erwähnt bei dem jüdischen Schriftsteller Josephus (Bell. Jud. 7, 7, 4) im 1. Jahrhundert n. Chr.: Alexander der Große habe den Durchgang, durch den die skythischen Völker aus dem Norden in die zivilisierte Welt hervorbrechen können, durch eiserne Tore verschlossen. Und derselbe Josephus identifiziert (Ant. Jud. 1, 6, 1) die Skythen mit dem Volke Magog Wir haben hier also eine Weiterbildung der im Alten Testament vorliegenden Überlieferung, wodurch erklärt werden soll, wie die wilden Nordvölker am allzu frühen Hervorbrechen gehindert werden sollen. Dabei knüpft diese Weiterbildung an die tatsächlich am Ostrand des Kaukasus bei Derbent existierende Mauer[1] an, die, in freilich voralexandrinischer Zeit errichtet, Armenien und Persien gegen die Einfälle der Nordvölker schützen sollte, und setzt diese Völker den apokalyptischen Völkern Gog und Magog gleich. Diese Erzählung ist etwa um die Wende unserer Zeitrechnung in jüdisch-alexandrinischen Kreisen entstanden[2], in denselben Kreisen, in denen auch andere jüdische Alexandersagen entstanden sind[3]: Hier gilt der Makedonenkönig als Freund der Juden, der die Religion Jahwes verkündigt, der nach Jerusalem zieht und dem Gott der Juden opfert, und der die Gebeine des Propheten Jeremias nach Alexandreia überführen läßt. Hier ist er auch ein dienendes Glied in den eschatologischen Vorstellungen als Erbauer jenes Walles gegen Gog und Magog. Dieser Mauerbau Alexanders wird dann wieder kurz erwähnt, in der im Mittelalter verbreiteten lateinischen Josephusbearbeitung des sogenannten Hegesippus[4] und, ohne daß Gog und Magog ausdrücklich genannt werden, von Hieronymus[5], Prokop[6] und dem sogenannten Fredegar[7]. Diese Sage von der Erbauung einer Mauer gegen die wilden Nordvölker durch Alexander den Großen als das Werkzeug Gottes ist, etwa im 1. Jahrhundert n. Chr., in griechischer Sprache von einem Juden ausführlich dargestellt, und dabei auch in Verbindung mit der Hesekielstelle das Hervorbrechen von Gog und Magog am Ende der Tage verkündet worden. Diese (uns nicht mehr erhaltene) Darstellung ist die Quelle der zwei Hauptströme, wodurch diese Sage im mittelalterlichen Abendland und im Morgenland bekannt wurde: Pseudo-Kallisthenes, der für den Orient, und Pseudo-Methodius, der für das Abendland wichtig wurde, die, manchmal wörtlich miteinander übereinstimmend, uns zugleich auch eine Rekonstruktion jener jüdisch-alexandrinischen Legende ermöglichen. Sie erzählte danach, wie Alexander auf seinem Zug auf Völker stieß, die sich von Menschenfleisch nährten und auch sonst scheußlichen Sitten huldigten. Da verfolgte er sie und tötete viele von ihnen, und den Rest trieb er zwischen zwei Berge, welche die Brüste des Nordens heißen. Und da betete er zu Gott – das Gebet ist aus lauter Septuagintafloskeln zusammengesetzt – und auf seine Bitten rückten die zwei Berge zusammen und diesen Engpaß verschloß Alexander durch ein eisernes Tor, das er mit einer Masse, asygxyton, bestrich. Im ganzen schloß er 22 Völker hier ein, deren Namen auch genannt werden[8], darunter Gog und Magog

  1. Es gab übrigens mehrere künstlich gesperrte Engpässe im Kaukasus, die des öftern miteinander verwechselt werden; vgl. Wuttke Die Kosmographie des Istrier Aithikos p. XLII; Pauly-Wissowa 1, 1305; 2 A, 13 f.; Ukert Geogr. d. Griechen u. Römer III 2, 113 ff.; Uhlemann Ztschr. f. wiss. Theol. 5 (1862), 272. 284 f.
  2. Pfister Berl. phil. Wochenschr. 1915, 1549 ff.
  3. Pfister Eine jüdische Gründungsgeschichte Alexandrias (S.-B. der Heidelb. Ak. 1914, 11. Abh.).
  4. De bello Jud. V, 50.
  5. Epist. 77, 8 p. 45 ed. Hilberg Corp. script. eccl. lat. 55 (1912).
  6. De bello Persico 1, 10.
  7. Chronic. 66 in Mon. Germ. Script. rer. Merov. II; darnach Otto von Freising V 9, p. 232; es handelt sich hier um die Öffnung der kaspischen Pforten für die türkischen Chazaren durch den Kaiser Heraklius i.J. 627, worüber man durch mündlichen Gesandtenbericht im Westen Kunde erhielt; vgl. Gutschmid Kl. Schr. V 421.
  8. Zahl und Namen der Völker variieren in den einzelnen Rezensionen; vgl. die Namenlisten bei Sackur Sibyllin. Texte u. Forschungen (1898), 37 und bei Pfister Münchener Mus. f. Philol. d. Mittelalters 1 (1912), 267 f.; Bousset Ztschr. f. Kirchengesch. 20 (1900), 126 ff.

Der orientalische Zweig der Überlieferung

Diese jüdisch-alexandrinische Gog-Alexandersage drang zunächst in jüngere Fassungen des griechischen Alexanderromans ein, der unter dem Namen des Pseudo-Kallisthenes bekannt ist[1], und zwar findet sie sich jetzt in den Handschriften B und C als III 26 und 29 der Müllerschen Ausgabe[2]. Diese Fassung hat für das Abendland im Mittelalter keine Bedeutung gehabt, ist uns aber besonders wichtig zur Rekonstruktion der ursprünglichen Gog-Alexandersage; auch beruhen auf ihr oder auf ihrer Vorlage eine Anzahl von orientalischen Bearbeitungen. So ist vor allem die syrische Alexanderlegende[3] in Prosa im ersten Drittel des 7. Jahrhunderts. auf Grund jener späten Fassung des Pseudo-Kallisthenes verfaßt, und auf ihr beruht das bald nachher gedichtete, gelegentlich dem Jakob von Sarug zugeschriebene syrische Alexanderlied[4]. Dagegen enthält der syrische Alexanderroman[5] in Prosa die Gog-Episode nicht. Auf der syrischen Prosalegende beruht ferner die arabische Darstellung im Koran[6] und der Auszug in der syrischen Chronik des Dionysius von Tell-Mahre[7] oder besser des Josua Stylites, wohl auch die Darstellung einer dem Ephraem Syrus zugeschriebenen Homilie[8]. Der äthiopische Alexanderroman[9] hat ebenfalls, durch Vermittlung des Arabischen, die syrische Legende aufgenommen, ebenso das persische Heldenbuch des Firdusi[10] und das gegen Ende des 14. Jahrhunderts. verfaßte türkische Alexanderepos des Ahmedi[11]. Ferner findet sich die Weissagung von Gog und Magog auch in der späteren jüdischen Apokalyptik[12].

  1. Orientierend über ihn Ausfeld Der griech. Alexanderroman. 1907; Kroll bei Pauly-Wissowa 10, 1707 ff. Über die späteren Weiterbildungen Pfister Wochenschr. f. klass. Phil. 1911, 1152 ff. und die Einl. m. Leo-Ausgabe 1913. Die neueste Bibliographie zur gesamten sagenhaften Alexanderliteratur bei Fr. P. Magoun The gests of King Alexander of Macedon. 1928.
  2. Sie werden auch im 2. Band der Ausg. von Kroll ihren Platz finden.
  3. Hrsg. mit englischer Übersetzung von Budge The history of Alexander the Great (1889) 144–158. Dazu Nöldeke Beiträge zur Gesch. des Al.Romans (Denkschr. d. Wiener Ak. 38, 1890), 27 ff.; Hunnius Das syr. Alexanderlied. Diss. Göttingen 1904.
  4. Hrsg. mit deutscher Übersetzung von Hunnius ZDMG. 60 (1906), mit englischer Übersetzung von Budge a.a.O. 163 ff. und Ztschr. f. Assyr. 6 (1891), 357 ff.; dazu Hunnius Diss.
  5. Herausgeg. von Budge The history mit englischer Übersetzung; deutsche Übersetzung von Ryssel AnSpr. 90, 1893.
  6. Sure 18; vgl. ZDMG. 8 (1854), 442 ff.; 9 (1855), 214 ff. 785 ff. In der arabischen Literatur begegnet die Erzählung dann öfters; Nöldeke Beitr. 32 ff.; so im Geschichtswerk des Dinawari im 9. Jh.
  7. Hrsg. von Tullberg 1850, 54 ff.; Nöldeke Beitr. 32.
  8. Hrsg. von Lamy Ephraemi Syri hymni et sermones 3, 187 ff.; s. aber auch Bousset Ztschr. f. Kirchengesch. 20 (1900), 116 ff.
  9. Hrsg. mit englischer Übersetzung von Budge The life and exploits of Alexander the Great. 1896. Vgl. auch den äthiopischen christlichen Roman bei Budge 2, 437 ff.
  10. Text mit französischer Übersetzung von Mohl 1836; französ. Übersetzung allein 1876–1878; über weiteren Einfluß der G.sage auf die persische Apokalyptik s. Bousset a.a.O. 120 ff.
  11. v. Hammer Geschichte der türkischen Poesie 71 ff.; Gibb Hist. of Ottoman Poetry 1 (1900), 260 ff. Eine ganze Ausgabe fehlt noch.
  12. Bousset a.a.O. 119 f.

Der abendländische Zweig der Überlieferung

Im abendländischen Mittelalter wurde die Sage von Gog und Magog vor allem bekannt durch die drei biblischen Stellen und durch die sogenannte Offenbarung des Pseudo-Methodius. Diese ursprünglich griechisch abgefaßte Schrift[1] ist etwa im letzten Drittel des 7. Jahrhunderts. n. Chr., vielleicht in Byzanz, entstanden und wurde dann in einem französischen Kloster ins Lateinische übersetzt, und diese lateinische Fassung war im Westen von größter Wirkung, so daß wir in ihr einen wichtigen Vermittler antiken und orientalischen Offenbarungsgutes an das westliche Mittelalter zu erblicken haben. Sie hat auch den Inhalt der jüdisch-alexandrinischen Gog-Alexandersage dem Abendland bekannt gemacht. Im Mittelpunkt der Offenbarungen des Pseudo-Methodius steht der Kampf der westlichen Welt gegen die mohammedanischen Araber. Gegen diese Bedrücker der Welt, die Ismaeliten, wie unser Apokalyptiker sagt, erhebt sich der Kaiser der Griechen und Römer, und nachdem er sie besiegt hat, wird Frieden herrschen. Aber der Frieden wird durch das Hervorbrechen der wilden Völker gestört, die Alexander d. Gr. einst eingeschlossen hat. Doch auch sie werden in der Endschlacht (s. 2, 815 ff.) überwunden, und der Kaiser schlägt den Sitz seiner Herrschaft in Jerusalem auf. Da erscheint der Antichrist (s. 1, 479 ff.), der Kaiser legt seine Krone auf Golgatha nieder und stirbt. Und nun ist der Antichrist allmächtig, bis er durch Christus selbst, durch den Hauch seines Mundes getötet wird, worauf das jüngste Gericht folgt. Die Gog-Alexandersage wird hier ausführlich, ähnlich wie bei Pseudo-Kallisthenes erzählt; beide Darstellungen gehen auf dieselbe griechische Vorlage zurück[2]. Pseudo-Methodius spielt dann in der Apokalyptik des Mittelalters eine große Rolle und durch seine Vermittlung drang die Gog-Alexandersage auch in mittelalterliche Alexanderromane ein, so vor allem in die interpolierte Historia de preliis[3] (in die sogenannten Fassungen J 2 und J 3) und dadurch[4] in deutsche[5], französische[6], spanische[7], englische[8], schwedische[9], italienische[10], tschechische[11] und hebräische[12] Bearbeitungen dieses Stoffes. Auch in der sogenannten Tiburtinischen Sibylle[13] werden Gog und Magog und die 22 Völker, die Alexander einschloß und die sich dann vom Norden her erheben werden, kurz erwähnt. Auch die Fassung C des Briefes des Presbyter Johannes gibt diese Episode mit Aufzählung der Namen[14], kürzer Gervasius von Tilbury[15]. In Verbindung mit der Einschließung der Judenstämme[16] gibt die Gog-Alexandersage, im übrigen der Historia J 3 folgend, in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Quilichinus in seinem lateinischen Alexanderepos, worauf wiederum das deutsche sogenannte Wernigeroder Epos beruht[17]. Eine weitere, von Pseudo-Methodius ganz abweichende und höchst merkwürdige Darstellung der Gog-Alexandersage findet sich beim sogenannten Aethicus Istricus[18], deren Herkunft mir unbekannt ist. Dieses Schwindelprodukt zügelloser Phantasie stammt etwa aus dem 7. Jahrhundert Aus ihm schöpfte die Gog-Alexander-Episode in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. der Anglonormanne Thomas von Kent für seine altfranzösische Alexanderdichtung Le Roman de toute chevalerie[19], und aus dieser kam sie in das im 14. Jahrhundert entstandene mittelenglische Epos Kyng Alisaunder[20]. Die Quelle des Aethicus mag wohl eine späte Fassung des Alexanderromans gewesen sein. Daß er insbesondere die Türken zu den apokalyptischen Völkern rechnet, mag mit dem von Fredegar[21]berichteten Ereignis des Jahres 627 zusammenhängen, worüber man im Abendlande wohl mehr erfuhr, als Fredegar überliefert[22]. Bald darauf wird wohl die Schrift des Aethicus entstanden sein.

  1. Griechischer Text hrsg. von Istrin 1897; lateinischer Text bei Sackur a.a.O.
  2. So Pfister Berl. phil. Wochenschr. 1915, 1549 f.; anders Sackur, der fälschlich ein syrisches Original voraussetzt.
  3. Text von J 2 bei Hilka Der altfranzös. Prosa-Alexanderroman (1920); Text von J 3 bei Pfister Münch. Mus. 1 (1912).
  4. Vgl. die Stammtafel bei Pfister Der Alexanderroman des Archipresbyters Leo 1913, 41.
  5. Z.B. im Alexanderbuch des Rudolf von Ems (Ausg. von Junk 1, 1928), der aber auch Pseudo-Methodius selbst beizog; vgl. Zingerle Germ. Abh. 4 (1885), 106 ff.; in der Weltchronik des Rudolf von Ems v. 1473 ff. (Ausg. von Ehrismann 1915); bei Ulrich von Eschenbach (Ausg. von Toischer 1888); Seifried (Wolf Wiener Jahrbb. d. Lit. 57, 1832, Anzeigebl. 19 ff.); Babiloth; im Basler Alexander (Ausg. von R.M. Werner 1881) u. ö.
  6. Prosaroman, Ausgabe von Hilka a.a.O. 140 f.; Alexandrinerroman, hrsg. von Michelant 1846; Thomas von Kent, s. Anm. 41.
  7. Ausgabe von Morel-Fatio Gesellsch. f. roman. Lit. 10 (1906), 261 f.
  8. Kyng Alisaunder, hrsg. von H. Weber Metrical Romances 1 (1810); neue Ausg. von A. Brandl vorbereitet. Zu den englischen G.sagen s. auch Bieling Zu den Sagen von G. und M. Progr. Berlin 1882.
  9. Konung Alexander, hrsg. von Klemming 1862.
  10. I nobili fatti di Alessandro Magno, hrsg. von Grion 1872.
  11. Fr. P. Magoun u. S.H. Thomson Speculum 3 (1928), 204 ff.; s. auch Magoun The gests 53.
  12. Samuel ben Jehouda ibn Tibbon übersetzte um 1200 eine arabische Übertragung der Rezension J 2 der Hist. de preliis.
  13. Sackur 186.
  14. Zarncke Abh. d. sächs. Ges. 7 (1879), 911, Münch. Mus. a.a.O. 268, 1.
  15. Liebrecht Gervasius 9.
  16. Vgl. Münch. Mus. a.a.O. 294 ff., wo auch der Quilichinustext ediert ist.
  17. Ausg. von Guth Deutsche Texte des Mittelalters XIII (1908), v. 5513 ff.
  18. Text bei Wuttke a.a.O. Die Auffassung Wuttkes von diesem Werk ist falsch.
  19. Ausgabe von Schneegans vorbereitet; Weynand Der Roman de toute chevalerie des Thomas von Kent. Diss. Bonn. 1911, 62 ff.
  20. S. Anm. 30; Hildenbrand Die altfranzös. Alexanderdichtung. Bonner Diss. 1911.
  21. Chronic. 66 in Mon. Germ. Script. rer. Merov. II; darnach Otto von Freising V 9, p. 232; es handelt sich hier um die Öffnung der kaspischen Pforten für die türkischen Chazaren durch den Kaiser Heraklius i.J. 627, worüber man durch mündlichen Gesandtenbericht im Westen Kunde erhielt; vgl. Gutschmid Kl. Schr. V 421.
  22. Über die Türken in der persischen Apokalyptik s. Bousset a.a.O. 122.

Geographisches

Die älteste Ansetzung der Alexandermauer ist am Kaukasus, genauer an seinem Ostrand am Kaspischen Meer bei Derbent[1]. Nach dieser Version verstand man unter Gog und Magog zunächst die Skythen, wie z.B. Josephus sagt[2]. Aber diese apokalyptischen Nordvölker wurden später auch den Tartaren[3], Hunnen, Awaren, Türken, Gothen u.a.[4] (s. o. Bd. 2, 816) gleichgesetzt, und auch der Alexanderwall wechselte seinen Platz, indem man ihn gelegentlich auch in der zu Ende des 3. Jahrhunderts. v. Chr. gegen die Hunnen errichteten chinesischen Mauer erblickte. Dies tat z.B. Sallâm der Dolmetsch, der 842 bis 844 im Auftrag des Kalifen Wâthiq eine Reise unternahm und diese Mauer, die er für die Gog-Mauer hielt, aus Autopsie, aber auch auf Grund der ihm bekannten Überlieferung beschrieb[5]. Auch der englische Arzt und Reisende John Mandeville († 1372) erzählt in seiner Reisebeschreibung ausführlich von der Gog-Mauer am Kaukasus, zum Teil aber auch nach schriftlichen Quellen; er läßt dort (wie Quilichinus u.a.) die Judenstämme eingeschlossen sein[6]. Wenn er sie der Amazonenkönigin tributpflichtig nennt, so trifft er sich darin mit Albertus Magnus[7], der sie auch jenseits der Kaspischen Berge eingeschlossen sein und von der Amazonenkönigin zurückgehalten werden läßt.

  1. Es gab übrigens mehrere künstlich gesperrte Engpässe im Kaukasus, die des öftern miteinander verwechselt werden; vgl. Wuttke Die Kosmographie des Istrier Aithikos p. XLII; Pauly-Wissowa 1, 1305; 2 A, 13 f.; Ukert Geogr. d. Griechen u. Römer III 2, 113 ff.; Uhlemann Ztschr. f. wiss. Theol. 5 (1862), 272. 284 f.
  2. So auch z.B. Hieronymus zu Hesekiel 38, 2.
  3. So auch in J 3 der Hist. de prel., danach Quilichinus, der um 1236 schrieb (Münch. Mus. 1, 267. 294); also bereits vor der Mongolenschlacht bei Liegnitz 1241.
  4. Bousset a.a.O. 119.
  5. Ausg. von de Goeje S. 124 ff. der französischen Übersetzung. Den Aufsatz von de Goeje De muur van Gog en Magog 1888, kenne ich aus dem Referat von Tomaschek WZKM 3 (1889), 103 ff. Wilson The Wall of Alexander against Gog and Magog and the expedition sent out to find it by the Khalif Wâthiq in 842 A.D. (Hirth Anniversary Volume, Asia maior 1922) ist mir unzugänglich.
  6. Ich benütze den englischen Text bei P. Hamelius Mandevilles Travels (Early English Text Society 153. 154; 1919, 1923) 1, 175 ff.
  7. Compendium theol. verit. 7, 11, Ausg. von Borgnet Bd. 34, 243 f.