Ergänzung zum Lied der Linde (Schauungen & Prophezeiungen)

Leserzuschrift @, Dienstag, 10.05.2011, 13:28 vor 4230 Tagen (3760 Aufrufe)

Guten Tag in die Runde,

Anbei noch eine Anmerkung zum Lied der Linde wie von Taurec hier:

https://schauungen.de/forum/index.php?id=8647

kommentiert.

Man gehe zu Vers 12. Dort steht:

...Bauer kaisert bis zum Wendetag...

ich kenne noch die aus rezenteren Ausgaben anstelle den Begriff "kaisern" noch "heuern" oder "keifern"

Kaisern bezieht sich hier wohl nicht auf "Bauern auf dem Kaisertrohn", quasi als Herrscher eingesetzt, SONDERN wahrscheinlich um ein uraltes Kartenspiel!

Siehe hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kaisern_(Kartenspiel)


Gab es nicht auch anderslautende Props, bei denen die Bauern ahnungslos im Wirtshaus Karten spielen und die Invasoren schauen ins Fenster rein?

Gruß!

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Re: Lindenlied 'Bauer kaisert bis zum Wendetag'

randomizer @, Mittwoch, 11.05.2011, 02:09 vor 4229 Tagen @ Leserzuschrift (3399 Aufrufe)

Hallo Mitleser,

...Bauer kaisert bis zum Wendetag...

ich kenne noch die aus rezenteren Ausgaben anstelle den Begriff "kaisern"
noch "heuern" oder "keifern"

'keifert' (1949) und 'heuert' (1950) sind Verschlimmbesserungen Adlmaiers, der Hingerls Formulierung (1920) nicht verstand.

Kaisern bezieht sich hier wohl nicht auf "Bauern auf dem Kaisertrohn",
quasi als Herrscher eingesetzt, SONDERN wahrscheinlich um ein uraltes
Kartenspiel!

Dein Gedanke ist originell, aber irrig. Der besagte Wortlaut wurzelt zweifellos, wie der ja überhaupt der Großteil des Lindenliedes, bei Konzionator (1920), der auf Seite 18 seiner Kompilation Spielbähn zitiert:

'Das deutsche Volk wird sich einen Bauer zum Kaiser wählen (jetzt ist bereits in Deutschland statt des Kaisers ein Reichspräsident!); er wird ein Jahr und einen Tag (etwas über ein Jahr?) regieren. Der die Kaiserkrone nach ihm trägt, wird der Mann sein, auf den die Welt lange gehofft hat; er wird römischer Kaiser heißen und der Welt den Frieden geben.'

Gab es nicht auch anderslautende Props, bei denen die Bauern ahnungslos im
Wirtshaus Karten spielen und die Invasoren schauen ins Fenster rein?

Freilich, erstmals gedruckt in Adlmaiers Zweitauflage (1955, S. 90), ein Zusammenhang mit dem Lindenlied darf aber ausgeschlossen werden, da Konzionator als Vorlage Hingerls unstrittig ist.

Viele Grüße,
randomizer

Was bedeutet dann kaisert deiner Meinung nach?

Georg @, Mittwoch, 11.05.2011, 16:08 vor 4228 Tagen @ randomizer (2916 Aufrufe)

Was bedeutet dann kaisert deiner Meinung nach?

Teilst du jetzt die diesbezügliche obige Deutung oder nicht?

mfG Georg

Hingerls Wörtschöpfung 'kaisern'

randomizer @, Mittwoch, 11.05.2011, 21:51 vor 4228 Tagen @ Georg (2918 Aufrufe)

Was bedeutet dann kaisert deiner Meinung nach?

Konzionator: '..einen Bauer als Kaiser erwählen'
Hingerl: 'Bauer kaisert..'

Konzionator: '..er wird ein Jahr und einen Tag regieren'
Hingerl: '..bis zum Wendetag'


Mit 'Bauer kaisert bis zum Wendetag' meint Hingerl also einen Übergangskaiser bäuerlicher Herkunft, der (ein Jahr lang) bis zum Wendetag regiert (=kaisert), um dann von dem eigentlichen glorreichen Zukunftskaiser abgelöst zu werden.

Den Einwand, soo zwingend sei die Gegenüberstellung nun auch wieder nicht, würde ich unter anderen Umständen
gelten lassen; da das Lindenlied aber generell Konzionator folgt, sowohl in Inhalt/Chronologie als auch
stellenweise im unmittelbaren Wortlaut, können wir der obigen Herleitung vertrauen.

Teilst du jetzt die diesbezügliche obige Deutung oder nicht?

Nein, im Lindenlied handelt es sich nicht um kartenspielende Bauern

Schönen Gruß,
randomizer

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Die Zeile geht auf eine Fälschung zurück

Taurec ⌂ @, München, Mittwoch, 11.05.2011, 23:55 vor 4228 Tagen @ randomizer (2951 Aufrufe)

Hallo!

Gesagt werden sollte noch, daß Spielbähn, den Konzionator zitiert und auf dem das Lindelied an dieser Stelle basiert, eine Fälschung ist.

"[...](und) Das deutsche Reich wird sich einen Bauer zum (zu seinem) Kaiser wählen.
Der wird ein Jahr und einen Tag Deutschland regieren (regiert).
Der nun die Kaiserkrone nach ihm trägt, das wird der Mann sein, auf den die Welt lange gehofft hat.
Er wird ein römischer Kaiser heißen und der Menschheit den Frieden geben.
[...]"

Da mir nicht bekannt ist, daß diese Aussage bei einer anderen, älteren, validen Quelle ebenfalls vorkäme, muß ich davon ausgehen, daß es sich der Spielbähnfälscher Schrattenholz (zumindest in dieser Form) ausgedacht hat.
In einem seiner Machwerke schreib Schrattenholz, die Aussage müsse noch in der Zukunft liegen, weil gegenwärtig (1848) kein deutsches Reich existiere, das sich einen Kaiser wählen könne. Weiter schreibt er: "Solange nicht alle deutschen Kronen und Krönchen mit aufopfernder Vaterlandsliebe in eine einzige umgeschmolzen und als nationale Strahlenkrone dem Haupte des Würdigsten von Fürsten und Volk gemeinschaftlich aufgesetzt wird, kann die deutsche Einheit nie reine Wahrheit werden." (7. Auflage des Spielbähn von 1848, zitiert aus "Spielbähn" von Henseler, 1950.)

Damit gibt sich Schrattenholz als Demokrat zu erkennen. Das macht es wahrscheinlich, daß an dieser Stelle der Wunsch der Vater des Gedanken war. Schrattenholz hätte gerne einen aus dem Volke Gewählten als Kaiser gehabt.

"Ein Jahr und einen Tag" ist entweder willkürlich gewählt oder geht auf die Redewendung "Jahr und Tag" zurück, die einfach einen unbestimmten Zeitraum bezeichnet.
1920, im Jahr nach der Gründung der Weimarer Republik, kam eine solche Aussage den Konservativen natürlich sehr gelegen und wurde von Konzionator wahrscheinlich wörtlich so verstanden, daß das Erscheinen des Erretterkaisers nach dem Interregnum durch den demokratisch gewählten Ersatzkaiser kurz bevorstehen müsste.

Hingerl hat Konzionator (und damit indirekt Spielbähn) aufgegriffen und durch seine Umformulierung quasi entschärft, so daß eine allgemeingültige Aussage entstand, die sich ohne Ablaufdatum auf die schändliche und schädliche Volksherrschaft (der Bauer kaisert = der Bauer macht den Kaiser) beziehen läßt.

Inhaltlich ist dem Vers zuzustimmen. Als Prophezeiung praktisch verwendbar ist er jedoch nicht, weil er keine seherische Grundlage hat.

Gruß
Taurec

--
„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“

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Nachtrag: Bauernkaiser

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 12.05.2011, 00:10 vor 4228 Tagen @ Taurec (3143 Aufrufe)

Hallo!

Da mir nicht bekannt ist, daß diese Aussage bei einer anderen, älteren,
validen Quelle ebenfalls vorkäme, muß ich davon ausgehen, daß es sich der
Spielbähnfälscher Schrattenholz (zumindest in dieser Form) ausgedacht hat.

Steht doch bei Henseler: Jahr und Tag geht tatsächlich auf die alte Rechtsformel zurück. Ein Bauernkaiser ist ein altes Motiv und kommt z. B. um 1500 im "Buch der Hundert Kapitel" (von einem "oberrheinischen Literaten") vor: "man wird ein puren zu eim keiser setzen".

=> Wurde von Schrattenholz jedoch demokratisch umgedeutet.

Gruß
Taurec

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Spricht hier vielleicht auch jemand den fränkischen Dialekt des Raumes Staffelstein?

Georg @, Donnerstag, 12.05.2011, 17:55 vor 4227 Tagen @ randomizer (2857 Aufrufe)

Spricht hier vielleicht auch jemand den fränkischen Dialekt des Raumes Staffelstein?

Könnte ja sein, dass das Wort eine besondere lokale Bedeutung hat
und der Autor das Versmaßes etc. wegen ein Dialektwort
aus seiner Umgebung gewählt hat?

Ein Dialektwort das Adlmaier in Traunstaun dann richtig oder falsch
übertragen hat?


mfG Georg

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Nochmal für Dich: Die Lindelied-Adlmaier-Problematik

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 12.05.2011, 19:30 vor 4227 Tagen @ Georg (3851 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 12.05.2011, 19:36

Hallo, Georg!

Mir scheint, Du liest die Beiträge hier nicht oder, wenn Du sie liest, vergißt Du sie gleich wieder.

So ist Dir offensichtlich entgangen, daß das Lindelied gar nicht aus Bad Staffelstein stammt und nicht um 1850 in der dortigen Friedhofslinde gefunden wurde.

Das Lied wurde 1920 von Martin Hingerl geschrieben und der Staffelsteiner Linde zugeschrieben. Dabei hat sich Hingerl an ein altes Sagenmotiv angelehnt, demzufolge Aussagen von unbelebten Dingen gemacht werden.
Am Ende der zweiten Auflage des Liedes von 1925 schreibt er: "Die Weissagung durch einen Baum wird keinen wundern, der das Altertum kennt oder auch nur das Büchlein von Abraham a Santa Clara 'Merks Wien!' gelesen hat, worin einmal aufgezählt wird, was schon alles gesprochen hat, ohne eine Zunge zu besitzen."

Bei Hingerl steht kein Wort davon, daß sich das Lied in dem Baum auf einem alten Schriftstück usw. befunden habe. Er schreibt, das Lied sei 1920 erstmals gedruckt worden (nämlich von ihm). Er schreibt nicht, daß das Lindelied als einziges Gedicht in einem Band, der ansonsten von ihm verfaßt wurde, von einem anderen Autoren stammte, sodaß anzunehmen ist, daß Hingerl auch das Lied geschrieben hat.
Die Übereinstimmungen vieler Textpassagen mit dem Buch von Konzionator untermauert diese Annahme. (Und das ist nur, was mir aufgefallen ist. Vielleicht hat Randomizer da noch mehr drauf.)

Die ganze altbekannte Geschichte über den geheimnisvollen Fund im Stamm taucht erst bei Conrad Adlmaier auf. Der verweist jedoch nicht auf Hingerl, sondern auf Unbekannte, in deren Besitz sich das alte Manuskript von 1850 befinden soll, auch noch in zwei verschiedenen Fassungen, einer kurzen und einer langen, die sich ergänzen.
Das läßt nur den Schluß zu, daß Adlmaiers Geschichte völlig erlogen ist.
Er hat überhaupt nichts übertragen, sondern nur abgewandelt und die Quelle verschwiegen.

Bekh, ein nicht nicht minder großer Schwadroneur, setzt dem noch die Krone auf und schreibt: "Untersuchungen des Papierzustands und der Schriftzüge ergaben, daß die vorliegende Fassung um das Jahr 1850 entstanden sein mußte."
Und das obwohl noch nie jemand das Originalmanuskript überhaupt zu Gesicht bekommen hat!

Damit kommen wir in die ungünstige Lage, daß zwei der Kernautoren der Prophezeiungsszene, Conrad Adlmaier, der die "Betreuung" Irlmaiers übernahm (tatsächlich hat er ihn, wie Berndt schreibt, aus des Gewinns wegen ausgenutzt), und Wolfgang Johannes Bekh, der einige Prophezeiungsbücher, unter anderem mit der Erstveröffentlichung des Waldviertlers, geschrieben hat, der vorsätzlichen Irreführung überführt wurden!

Deren Vorgehen entspricht im Grunde der Konstruktion des Mühlhiaslmythos, der nach Landstorfers Artikel von 1923 durch viel Phantasietätigkeit der Volksschriftsteller entstand, die den flottierenden Aussagen eine reale seherische Grundlage schaffen wollten. An der Verbreitung Mühlhiasls waren Adlmaier und Bekh ebenfalls (neben anderen) beteiligt.
Das ging sogar soweit, daß heute im Bayerischen Wald die "alte" Mühlhiaslsage als Theaterstück aufgeführt wird, obwohl dort vor 1923 so gut wie niemand mehr Mühlhiasl kannte.

Gruß
Taurec

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