Der verlassene Zoo

Lost Centuries, Dienstag, 12.01.2021, 20:00 vor 327 Tagen

Ich befinde mich in einem Zoo irgendwo in den USA. Nichts in meinem Traum deutet konkret darauf hin, dass es sich um einen amerikanischen Zoo handelt, ich weiß es einfach. Ich stehe einer Frau gegenüber, von der ich weiß, dass es sich um die Direktorin des Zoos handelt. Sie steht mit verschränkten Armen vor mir, hat sich regelrecht so vor mir aufgebaut. An ihr Gesicht kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie ist um einiges größer als ich und blickt kaltherzig von oben auf mich herab. Sie wirkt verbittert und uneinsichtig.

Ich sage ihr, dass der Zoo keine Besucher hat und dass es nötig sei, dass sie Geld investiere, um den Zoo zu modernisieren, denn alles sei veraltet. Als Beweis zeige ich ihr eine Art Kaninchenkäfig, der auf einem Tisch neben uns steht. Er ist aus Holz, wirkt aber sehr baufällig. In ihm befinden sich etwas Heu und kleine leuchtend grüne Insekten, die sich in seinem Inneren hin- und herbewegen. Ich zeige ihr die Vorderseite des Käfigs, dessen Gitterstäbe vollständig verrostet sind. Mit einem Finger schiebe ich die Vorderseite mühelos zur Seite, so dass ein Spalt zum Rahmen frei wird. Sofort beginnen die Insekten herauszukrabbeln und sich ihren Weg in die Freiheit zu suchen. Sie sehen aus wie Heuschrecken oder Grashüpfer.

Ich sage ihr: "Sehen Sie, der Käfig taugt nichts mehr. Das Gitter kann sie nicht mehr drinnen halten." Doch die Frau scheint sich gar nicht für mich und den Käfig zu interessieren. Teilnahmslos erwidert sie mir, dass alles in Ordnung sei, und dass der Zoo genügend Besucher habe. Es gebe keinen Grund, etwas zu ändern.

Wortlos drehe ich mich um und gehe langsam von der starrsinnigen Frau weg. Jetzt laufe ich durch den Zoo, auf einem breiten hellen Schotter- oder Kiesweg. Ich bin der einzige Besucher. Rechts und links von mir stehen Käfige. Aber es sind seltsame Käfige: sie sind so hoch wie ein Haus oder reichen noch höher in den Himmel. Sie sehen gewaltig aus, riesig. Doch die haushohen Gitterstäbe sind rostig. Die Bauten um die Gitterstäbe sind aus Stein und erinnern an die Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts in amerikanischen Großstädten: protzig, schwer und Reichtum und Macht repräsentierend. Doch alles wirkt heruntergekommen und vernachlässigt. An den Gitterstäben ranken bis fast ganz nach oben Unkraut und Schlingpflanzen, das massive Gemäuer hat Schäden. Alles ist überwuchert mit Pflanzen und Büschen.

Und dennoch wirkt der ganze Zoo leblos, geradezu ausgestorben. Nichts bewegt sich, überall herrscht Totenstille. Kein Tier ist zu hören. Sind da überhaupt noch Tiere? Wegen des Unkrauts kann ich nicht in die Käfige hineinschauen, die Blätter versperren den Blick nach Innen. Vegetieren sie nur noch dumpf vor sich hin? Oder sind sie bereits tot?

Über dem Zoo liegt eine merkwürdige bleierne Schwere. Der Himmel ist grau, das Licht diffus und wirft keine Schatten. Auch die Umgebung um mich herum wirkt trotz der überbordenden Pflanzenwelt seltsam farblos und kraftlos, die Farben wirken matt und dumpf auf mich.

Auf einmal stehe ich vor einem Wald. Er gehört noch zum Zoogelände, scheint aber etwas abgelegen zu sein. In den Wald führt ein kleiner Trampelpfad, auf dem ich weiter laufe. Er führt mich kreuz und quer zwischen die Bäume hindurch. Ständig biege ich ab, mal nach rechts, mal nach links. So laufe ich eine ganze Weile immer tiefer in den Wald, bis ich auf einmal zu einer Gruppe von Personen komme. Es handelt sich um junge, kräftige Männer, die alle auf Bänken an einem Tisch sitzen. Sie essen, trinken und unterhalten sich lebhaft. Ab und zu lachen sie laut. Ich kann jedoch nicht verstehen, worüber sie so angeregt sprechen. Sie tragen leuchtend bunte karierte Holzfällerhemden. Ich kann keine Gesichter erkennen, denn ein Teil der jungen Männer sitzt mit dem Rücken zu mir auf den Bänken, und die übrigen, die sich mir zugewandt hingesetzt haben, werden durch die anderen teilweise verdeckt.

Mein Blick fällt auf ein kleines schlichtes Holzhaus oder eine einfache Blockhütte, die die Männer zu bauen begonnen haben. Bisher haben sie jedoch nur das Fundament und einen Teil der Wände errichtet. Ich gehe zu der Hütte hin. Das Fundament besteht aus massiven, dicken schweren Holzbalken und Brettern. Sie sind roh bearbeitet und zurechtgehauen. Das Holz ist unbehandelt, ohne Farbe oder Lack, und hat seine natürliche helle Farbe. Trotz ihrer Einfachheit und Bescheidenheit wirken das Fundament und die bereits errichteten Wände unglaublich stabil. Ich fasse die Balken in der Wand an. Sie fühlen sich stark und massiv an, ihre Oberfläche ist rau und grob bearbeitet, das Holz ist frisch geschlagen. Alles wirkt fest und solide gebaut.