"Frage der Weltanschauung" (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS @, Mittwoch, 19. Mai 2010, 01:24 (vor 3815 Tagen) @ DvB6743 mal gelesen

Moin DvB!

Nur kurz, weil's mir nicht um Rechthaberei geht und es sich ab jetzt auch immer mehr von unseren Forenthema entfernt - aber Du an der Sache interessiert bist:

Dann behaupte ich aber genauso weiter, daß es eine Frage der Weltanschauung ist, daß man sich kloppen will, daß man sich verteidigen/überleben will, daß man wie ein Bauer eben sein bäuerliches Leben leben will usw. ... darum scheint es mir nicht nicht weiterführend.

Wer sich einfach kloppen will (im Kindergarten, auf dem Schulhof, auf dem Feuerwehrball, in "seinem" Revier in Berlin-Kreuzberg oder London), der gibt mit seinem in die Tat umgesetzten Willen noch keine Weltanschauung zu erkennen. So einer mag streitlustig sein, oder sich gegenüber seinem Kontrahenten oder seiner eigenen Clique als überlegen darstellen wollen, oder plötzlich "ganz einfach" Lust am Zuschlagen gehabt haben oder welches Motiv auch immer, und ohne Zweifel ist er damit auch immer mit irgendwelchen Gedanken durchtränkt, mal mit mehr oder weniger dumpfen, bierseligen, imponierwütigen, "gefrusteten" (wofür nicht nur Sozialpädagogen oft sehr viel Verständnis haben) oder sonst welchen. Zur "Weltanschauung" wächst das Ganze aber erst heran, wenn es einem gelingt, seiner Klopperei (oder der anderer) sowas wie eine ganze Theorie zur Seite zu stellen, die diesem Tun eine Art höhere Weihe gibt, eine Art Adelung, Berechtigung. Z.B. der Art: "Das Leben ist Kampf", "in unserer Gesellschaft herrscht das Gesetz des Dschungels", "die Bullen sind Schweine", "die Kameltreiber gehören...", "die Deutschen sind..." usw.

Um sich "verteidigen/überleben" zu wollen, dazu braucht's keine Weltanschauung. Das geht ganz einfach. Das gehört nämlich zur Natur des Menschen. Der Wille zur Existenz, zur Selbstbehauptung ist schon als unmittelbares Gefühl da, vor jeder weltanschaulichen Akrobatik. Wer z.B. zuckte nicht unwillkürlich (!) zurück bei einem drohenden Schlag, wiche aus oder hielte dagegen, und neben den vielen physischen Varianten gibt es jede Menge anderes, je nach Situation, Psychisches, Verbales, Juristisches... Natürlich kann man sich über dieses Thema auch weltanschaulich äußern, wie ich gerade. Aber wenn Du mich angreifen, bedrohen würdest, würde ich je nach meiner Einschätzung der Lage und Deiner Potenz mich wehren, ganz ohne ein Fitzelchen von Weltanschauung. - Allerdings kann man sogar eine Weltanschauung dahingehend basteln, dass man lieber auch noch die andere Backe hinhält. Das aber ist un-natürlich, un-menschlich, keine der unmittelbaren Empfindung entspringende Reaktion - sondern Ideologie pur, von sehr wenigen möglicherweise tatsächlich gegen sich selber brutal durchgesetzt, also gelebt, und nicht nur auf den Lippen getragen.

Auch beim Bauern und dessen Willen zum "bäuerlichen Leben" ist es nicht anders. Auch hierfür reicht die bloße Gefühlswelt, die Empfindung. Und darin liegt ja auch nichts Herabwürdigendes (gilt nicht auch die Liebe als eine schöne, wenn nicht die schönste menschliche Empfindung überhaupt?) Das Eingebundensein in die Natur, das Leben mit dieser, die Liebe zur und die Bindung an die Scholle, die Heimat - auch daraus lassen sich Weltanschauungen basteln (durchaus auch von Leuten, die selber gar keine Bauern sind), doch sind die keineswegs notwendiger Ausgangspunkt, die Ursache oder zwingende Begleiterscheinung bei Männern und Frauen, ihr Leben lang einen Hof mit Vieh oder Feldern zu bewirtschaften, den sie ererbt oder in den sie eingeheiratet haben. Ebenso wenig wie die, die mit ihrer Familientradition brechen und Elektriker oder Bankkaufmann werden, diese Entscheidung als Jugendliche aus weltanschaulichen Gründen getroffen haben müssen. Das geht in den meisten Fällen anders, eine Nummer kleiner.

Übrigens: Bei der "marxistische Sekundärbedeutung" gebe ich Dir Recht. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass heute der Begriff "Ideologie", wenn er überhaupt benutzt wird, mit etwas Negativem, Anrüchigem, Falschem verbunden wird, also ganz in der marxistischen Sprachregelung. Eigentlich reicht es schon zu sagen, "das ist doch pure Ideologie" - und das damit Belegte ist irgendwie schon widerlegt, in die Ecke gestellt.

Gruß
Richard


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