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Surreale, symbolhafte Schauungen (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Dienstag, 12.01.2021, 19:30 (vor 48 Tagen) @ detlef (653 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Dienstag, 12.01.2021, 19:37

Hallo!

Daß die Schauungen insgesamt surrealer geworden wären, erkenne ich eigentlich nicht. Im Grunde ist das Datenmaterial zu dünn, der Zustrom neuer Schauungen zu gering, um eine solche Aussage zu treffen. (Wissenschaftlich ausgedrückt: Die Größe der Stichprobe ist zu gering, um eine signifikante Aussage über die Grundgesamtheit machen zu können.)
Aus meiner subjektiven Sicht ist es eher eine Folge dessen, daß wir das "klassische Prophezeiungsszenario" weitgehend in die Tonne getreten und die paar validen Schauungen, die nunmehr frei im Raume stehen, erschöpfend durchgekaut haben. Dadurch wurden zwangsläufig solche Träume, Schauungen, bzw. Traumschauungen interessanter, die sich nicht mit realistischen Bildern an den (obsoleten) Kanon halten, sondern einen eigenen Zugang zu Zukunft und Weltgeschehen aufweisen. Träume wie jene von Lost Centuries (die ich für bemerkenswert halte und nicht für derartig surreal, daß man daraus nichts ableiten könnte – werde mich dazu dieser Tage mal äußern), wären zu Zeiten, als wir hier Kriegs- und Katastrophenschauungen mit dem Ziele diskutierten, einen belastbaren Ablauf zu konstruieren, wohl kaum eingebracht worden. Gleichwohl gab es diese Träume. Diese Zeiten sind nicht allzulange her, Lost Centuries älteste Träume (die "schwule Prozession", laut einer E-Mail von ihm) indes schon viele Jahre alt.

Derzeit sieht es so aus, daß die Welle bzw. der Hype, der zuvor über Jahrzehnte auf die Jahrtausendwende zulief und noch ca. 12 bis 15 Jahre nachhallte, sich gebrochen hat. In einem ähnlichen Schwange befand sich das Abendland um das Jahr 1000 herum. Derartige Jahreszahlen lassen den Hang zur Endzeitprophetie anschwellen. Dann entstehen nicht nur Werke wie der Antichrist des Mönches Adso (dessen moderne Nachfolger z. B. Adlmaier, Berndt und Bekh heißen), sondern es wurden womöglich durch Selbstinduzierung und Einklinken sensibler Geister in den übergeordneten Strom des kollektiven Unbewußten auch dazu passende Schauungen häufiger.

Sollte nun tatsächlich die Zahl der surrealen Schauungen zunehmen oder Schauungen tendenziell surrealer werden, könnte dies meines Erachtens ein Zeichen sein, daß der Grad verstandesgesteuerter Verfälschung, den die Fixierung auf ein Prophezeiungsszenario mit sich bringt, geringer wird. Im Gegenzuge werden die Schauungen tiefer, greifen mehr in den Urgrund bzw. das Vor- und Unbewußte, also in den Bereich, wo das menschliche Wesen mit dem "Weltgeiste" verbunden ist und die Fäden des Schicksalsgewebes berührt werden können. Davor war es mehr Selbstbespiegelung im Massenwahne.
Dies brächte aber unweigerlich einen Grad der Symbolhaftigkeit mit sich, der weniger präzise Aussagen als generelle Qualitätseinschätzungen der Zeit erlaubt. In Lost Centuries Fall wirkt es eher wie ein Bild von Hieronymus Bosch oder Salvador Dali, das man auf intuitivere Weise begreifen muß. Dieser Bereich kann eigentlich nur surreal sein, weil das dort Wahrgenommene die Begriffsfähigkeit des irdischen Verstandes übersteigt (dessen Fähigkeiten durch die gesellschaftlichen Auflösungsprozesse eher noch geringer werden).

Das ist aber hoch spekulativ, da (wie gesagt) die Datengrundlage allzu dünn ist. Vielleicht hat sich auch nur das "Overton-Fenster" dieses Forums verschoben. ;-)

Gruß
Taurec


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