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Zu Varenas Quelle und zum Fälschungsverdacht (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Sonntag, 01.11.2020, 08:06 (vor 116 Tagen) @ randomizer (1153 Aufrufe)

Hallo, Randomizer!

Schön, wieder von Dir zu lesen, und endlich mal wieder ein quellenkundlicher Artikel! :clap:

Auffälligerweise ist in dieser Quelle weder von Briefen noch dem prophetischen Franzosen selbst die Rede, es wird lediglich auf Rühl (statt Rill) aus Untermühlhausen verwiesen.

Interessant, daß Varena offenbar so falsch informiert war, daß er sogar dachte, "Rüll" wäre selbst der Seher und lebte in einem Orte "Untermühlhausen bei Geretshausen in Frankreich". Da ist einiges durcheinandergeraten.
Varena kann offenbar keinen direkten Kontakt zu Frumentius oder seinem Umfelde gehabt haben. Vielmehr ist anzunehmen, daß der Brieftext über Umwege zu ihm gelangte, woraus sich auch offensichtliche Verschiebungen wie "und zwar geschieht alles im Winter" statt des eindeutig als Allegorie auf den Fall der schlechten Menschen gemeinten "als wie wenn's im Winter schneit" erklärt.

Nachdem die Stelle "Die Engländer, Amerikaner und Franzosen werden mit sich selbst genug zu tun haben. Der 3. Weltkrieg wird nur 28 oder 58 Tage dauern" in den Feldpostbriefen selbst gar nicht vorkommt, sondern allein "mündlich" überliefert ist, läßt sich wohl zumindest der Ausgangspunkt der Überlieferungskette festmachen, denn bei Behk steht hierzu: "In einer mündlichen Unterhaltung erzählte übrigens der Feldpostbriefschreiber des Ersten Weltkriegs am 07. August 1947 dem aus seinem Heimatdorf stammenden P. Balthasar Gehr [...]".
Wenn Varena bereits 1951 davon wußte (die Stelle war bislang erst bei Adlmaier 1961 nachgewiesen), muß er die Kunde der Feldpostbriefe wohl irgendwie von Pater Balthasar Gehr ausgehend (aber wohl nicht direkt von ihm) erhalten haben. Daß es sich um einen französischen Seher im Elsaß handelte, von dem Rill in Briefen lediglich berichtete, ging dabei irgendwie verloren.

@Ulrich: Deine originelle Idee, die Echtheit des 2. Briefe zu bezweifeln bzw. dessen Authentizität getrennt/unabhängig vom 1. Brief zu prüfen, hat mich beeindruckt, verblüfft und sprachlos gelassen. Die These, der erste Brief sei authentisch (1914), der zweite jedoch nachträglich (~1946) verfasst, ist dermaßen kühn, daß ich mich dazu bisher nicht äußern mochte. Deine vorgetragenen Argumente sind legitim und prüfenswert, ich mag Deiner Schlußfolgerung aber noch nicht ganz folgen. Immerhin wiegt die implizite Unterstellung der Unaufrichtigkeit Rills schwer, solch ein Vorwurf muß besonders gut begründet sein. Vielleicht finde ich nochmal Muße und Zeit, Deine These gründlicher abzuklopfen, auf jeden Fall behalte ich sie künftig stets im Hinterkopf.

Ja, das ist eine beachtliche Theorie, die einiges für sich hat. Zum einen stimmen die Angaben zwar bis zur hypothetischen Abfassung des Briefes, seitdem aber nicht mehr (was ein typisches Zeichen für ex eventu wäre); zum anderen scheint um 1950 herum wieder so ein zeitlicher "Fokuspunkt" gewesen zu sein, auf den sich die Naherwartung der Prophezeiungsszene konzentrierte. Nicht nur Adlmaiers Irlmaierschöpfung favorisierte einen "dritten Weltkrieg" 1950, für dessen Nichteintreffen er dann nachträglich eine fadenscheinige Erklärung lieferte, auch Gustafssons Johansson datierte einen Krieg "gegen die Russen und Franzosen im Jahre 1953 oder 1958". Die Feldpostbriefe schlagen in die gleiche Kerbe, was den Eindruck einer zeitgenössischen Schöpfung oder Bearbeitung unter dem Aspekt der damaligen Naherwartung zumindest verstärkt.
Konkreter, mutmaßlich eingetroffener Ereignisse stehen im zweiten Feldpostbrief im Wesentlichen:

  • Der Verlust der Krieges 1945
  • Die beginnende Ost-West-Spaltung, die in den Kalten Krieg mündete.
  • Das "teuflische Verbrechen", das den Deutschen angelastet wird und von dem sie sich (zumindest damals noch) zu emanzipieren versuchten.

Bislang als der weitgehende Abzug der Besatzungstruppen nach dem Ende der UdSSR und richtige Vorausschau interpretiert ist die Stelle: "Die Besatzungen lösen sich voneinander und ziehen ab mit der Beute des Geraubten, was ihnen auch sehr viel Unheil bringt, [...]" Diesbezüglich wäre zu diskutieren, ob es sich hierbei überhaupt um eine korrekte Vorausschau auf 1989–1991ff. handelt, oder nicht vielmehr um eine falsche Projektion in die nahe Zukunft um 1950 (baldiger Abzug der Besatzungstruppen und "drittes Weltgeschehen"), die nicht eingetroffen ist und nur zufällig 40 Jahre später durch dazu passendes Ereignisse eine scheinbare Erfüllung erfuhr.

Der Rest des zweiten Briefes enthält tatsächlich überwiegend Angaben zum "dritten Weltgeschehen", die offensichtlich auf dem europäischen Prophezeiungskanon und den typischen Akten seines Dramas fußen:

  • Sittlich-moralischer Verfall und Niedergang
  • Überfall durch Rußland (Gog und Magog aus dem Osten)
  • Diffuse Naturereignisse als Gottesstrafe
  • Vernichtung der Bösen (der russischen Machthaber)
  • Renaissance des reinen Christentums und Wiederaufstieg

Gemessen daran ist am zweiten Feldpostbrief "wenig Fleisch" und es gibt im Sinne einer dialektischen Pro- und Contrabetrachtung eigentlich kaum etwas, das sich ins Feld führen ließe, um die von Ulrich vorgebrachte Fälschungstheorie zu entkräften.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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