zum erfundenen Mönch von St. Gallen (Schauungen & Prophezeiungen)

Ulrich ⌂ @, Germering, Donnerstag, 30. April 2020, 00:37 (vor 37 Tagen) @ Frank Zintl423 mal gelesen

Hallo Frank,

In einem Lexikon des 18. Jahrhunderts ist er erwähnt:
https://www.zedler-lexikon.de/index.html?c=blaettern&id=122813&bandnummer=12&seitenzahl=0821&supplement=0&dateiformat=1%27)

ja ja, der Glaube an das geschriebene Wort...

Johannes Duft, von 1948 bis 1981 Stiftsbibliothekar in der Stiftsbibliothek St. Gallen, zitiert in seiner Schrift "Die Beziehungen zwischen Irland und St. Gallen" (1953) auf S. 33 Ludwig Traube in "O Roma nobilis. Philologische Untersuchungen aus dem Mittelalter" (1891):
"Zwei weitere irische Namen, die mit St. Gallen in Verbindung gebracht werden, sind sehr wenig bezeugt: Fortegian findet sich in den Quellen nicht, Hepidan oder Hepixannus ist einzig auf der Titelseite einer von ihm um 1072 verfaßten Vita der heiligen Wiborada als Coenobiota S. Galli genannt; daß dieser oder ein anderer Hepidan Verfasser der Annales Sangallenses maiores sei, ist eine der unbegründeten Behauptungen Goldasts."

dazu in Fußnote 5:
Vgl. Henking in MVG XIX (= NF 9),359. Traube, 0 Roma nobilis, 43: "Der Hepidanus ... ist von ihm [Goldast] erschwindelt." VgI. Heer, Mabillon, 133 f.

Gemeint ist Melchior Goldast, der als manischer Buch-Sammler auch die Stiftbibliothek St.Gallen bestohlen hat.

Wenn man den von Duft zitierten Kontext bei Ludwig Traube nachliest ( https://archive.org/details/bub_gb_bocTAAAAQAAJ ), stellt man fest, dass Melchior Goldast eine gewisse Routine in der Erfindung von Mönchen und (Schein-)Heiligen hatte:
"Aber Goldast ist nicht zu trauen. Der Hepidannus, der nach seiner Handschrift die Annales verfasst haben soll, ist von ihm erschwindelt, wie anderorts von ihm der Ottilius Sergianus, der Albius Ovidius Juventinus, der Julius Speratius, die zehn Petrone und der Magister Ruodpert." :rotfl:

Einem erfundenen Mönch später auch noch eine erfundene Prophezeiung/Vision/Offenbarung anzudichten, ist immerhin konsequent und liegt auch sonst ganz auf der Linie der (katholischen) Kirche, eine Froh-Botschaft als Droh-Botschaft zu vermarkten.

Diplomatischer (Wes Brot ich ess' ...) formuliert es Karl Schmuki:
"Karl Schmuki, Bereichsleiter Wissenschaft an der Stiftsbibliothek St. Gallen, hat zwar schon von besagtem Mönch gehört – jedoch nur von Außenstehenden. «So alle drei bis vier Jahre erhalten wir eine Anfrage zu den Visionen und Prophezeiungen eines angeblichen St. Galler Mönchs namens Hepidannus oder Hepidanus.» Einen Mönch dieses Namens hat es im Kloster St. Gallen laut Schmuki aber nie gegeben."
https://www.20min.ch/story/sagte-st-galler-moench-den-3-weltkrieg-voraus-616724900887

Gruß
Ulrich


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