Wortklauberei mit den Feldpostbriefen (Schauungen & Prophezeiungen)

Ulrich ⌂, Germering, Sonntag, 08. Dezember 2019, 18:00 (vor 78 Tagen) @ Taurec624 mal gelesen

Hallo,

wäre einem Leser der zweite FPB nicht bekannt, würde er dem ersten FPB kaum entnehmen, dass der "prophetische Franzose" nach dem Ende des prophezeiten Zweiten Weltkrieges einen Dritten Krieg angekündigt hätte: Der lapidare Satz "Am Schluß kommt noch Rußland und fällt über Deutschland her, wird aber zurückgeschlagen, weil die Natur eingreift ..." gibt das nicht her.

"Am Schluss...": Das halte ich nicht für die Bezeichnung eines zeitlich getrennten, "eigenständigen" Ereignisses. ( https://schauungen.de/forum/index.php?id=51991 ), und die Formulierungen "zweites Weltgeschehen" und "drittes Weltgeschehen" finden sich erst im zweiten FPB.

Zumal Rill im Text des ersten FPB nach diesem beiläufigen "Am Schluß"-Satz fortfährt: "... Auch von Italien sagt er, daß es gegen uns geht und in einem Jahr den Krieg erklärt und beim 2. Krieg mit uns geht. ..."
Und im schröcklichen dritten?

Auch Frumentius Renner ist aufgefallen, dass hier etwas nicht stimmt, und er bietet eine Universal-Erklärung auf der Basis einer Lieschen-Müller-Logik an:
"Da der Schreiber wiederholt den dritten Krieg übersehen hat, hat er offenkundig nach dem zweiten Krieg Ereignisse eingereiht, die erst nach dem dritten Krieg stattfinden sollen."
"Offenkundig" nur für Armageddon-gläubige Katholiken.

Die Motivation, warum Renner die Briefe 1953 in den "Missionsblätter von Sankt Ottilien" veröffentlichte, deutete er im Text an:
"Dagegen [gegen vorstehende Interpretationen der Jahreszahlen 43, 45, 47-49] steht wieder, was ein gebildeter Franzose, der 1945 in unsere Gegend kam, von dieser Prophezeiung zu erzählen wußte. Nach diesem wäre das Jahr 1953 ein sehr kritisches Jahr, in dem mit dem Ausbruch des dritten Weltkrieges zu rechnen wäre."
S.154

Das Motiv wäre eher bei solchen (Kirchenkreisen) zu vermuten, die Frumentius eine Prophezeiung zur Veröffentlichung hätten zuschachern wollen.
...
Die Fälschungshypothese ist (läßt man die Schwierigkeiten im Dritten Reich außer Acht) wegen der Gleichheit des Schriftbildes allerdings nur unter der meines Erachtens abwegigen Annahme aufrechtzuerhalten, daß der erst 1958 verstorbene Rill tatkräftig mitgeholfen hätte.

Die Frage, von welcher Seite die Initiative zu einer Fälschung ausging, die ich nicht als Fälschung im Sinne einer beabsichtigten Täuschung, sondern als "Niederschrift aus dem Gedächtnis" bezeichnen würde ( https://schauungen.de/forum/index.php?id=35337 ), möchte ich mit Rücksicht auf Randomizers Bedenken, "eine zu frühe Preisgabe der Quelle (in einem öffentlichen Forum) könnte schlimmstenfalls weitere Recherchen in dieser Richtung behindern" ( https://schauungen.de/forum/index.php?id=25641 ), einstweilen ruhen lassen, bis Randomizer die Quelle von 1951 ( https://schauungen.de/forum/index.php?id=32977 ) benannt hat.

Die Frage ist, was dieser eine Unterschied zwischen "wieder" und "wider" angesichts dessen und einer generell hanebüchenen Rechtschreibung, bei der vieles offenbar Glückssache ist, aussagt. ...
Um zu prüfen, ob das tatsächlich widersinnig ist, bräuchte man weitere Briefe Rills aus dem ersten Weltkrieg, so daß nachvollziehbar wird, wie wechselhaft seine Orthographie von einer Woche auf die andere allgemein war.

Ich wäre weniger misstrauisch, hätte Rill auch bei anderen Worten, die er innerhalb des jeweiligen Briefes wiederholt verwendete, die Schreibweise im jeweils anderen Brief gewechselt.

Dann stellt sich mir die Frage, warum nur Wortpaare untersucht wurden und nicht die gesamte Wortwahl beider Briefe auf einen Sprachgebrauch, der 1950 von 1914 zu unterscheiden hülfe.

Bei der Auszählung der zeitüblichen Verwendung einzelner Worte würde ich eine größere Streuung vermuten, deshalb halte ich deren Ergebnis für weniger aussagekräftig.
Die Liste der Wortpaare habe ich mit der Software "MAXQDA" erstellt, die jedoch nur Wortpaare berücksichtigt, die mindestens zweimal vorkommen. Man kann die Ngram-Methode auf alle (auch einmalig) verwendete Wortpaare erweitern. Mir ist der Aufwand zu hoch, aber ich habe das Programm durch Doppelimport der beiden Briefe überredet, auch die nur einmal vorkommenden Wortpaare zu listen.

Die Liste der von mir verwendeten Wortpaare, eine Gesamt-Liste der Einzelworte beider Briefe sowie jeweils eine Liste der Einzelworte, die nur in einem Brief, nicht aber im anderen verwendet werden, außerdem die gleichen drei Varianten für alle Wortpaare, liegen hier: https://www.magentacloud.de/share/x35q-h5k40

Gruß
Ulrich


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