Verklärte Sicht des Landlebens (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

aber @, Donnerstag, 28. November 2019, 22:53 (vor 15 Tagen) @ BBouvier697 mal gelesen

Mehr - das ganze - hier:
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http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=318122

Hallo,

der Verfasser (Morpheus) hat offensichtlich noch nie auf dem Land gelebt, geschweige denn in der Landwirtschaft gearbeitet. Echte Tatsachen auf den Punkt bringt hingegen die in jenem Faden folgende Antwort von Prophet:
http://www.dasgelbeforum.net/forum_entry.php?id=318145

Das soll hier keineswegs ein Plädoyer für das Stadtleben sein. Ich kenne beides, das Stadtleben und das Landleben, und ich sehe in beidem Vorteile wie Nachteile. Das heutige Bauerntum ist jedoch mindestens genauso von städtischer Intelligenz und Technologie abhängig wie der Städter selbst. Es glaubt doch hier niemand im Ernst, dass noch irgendein Bauer an einem Pflug oder einem Kuheuter selber Hand anlegt. Der moderne Milchbauer muss mehr von Automatisierungstechnik verstehen als von Rindviechern. Und wie man eine Sense hält, weiß man nicht automatisch, nur weil man auf dem Land lebt. Immerhin - auf DuRohr kann Bauer Sepp sich altertümliches Heuen mal anschauen.

Der wohlstandsverwöhnte Nachwuchs der Bourgeoisie hingegen bekommt zum Geburtstag ein sauteures Taschenmesser vom Ökospielwarenversand und lernt in der Waldorfschule Jurtenbau, Landbau, Holzbau, Bogenschießen und auf dem Ponyhof die Kutsche anzuspannen sowie den Jagdgalopp im Gelände. Und wer von den Helikopter-Eltern noch mithalten will, lässt sein Kind das Seepferdchen-Abzeichen mit 3 Jahren machen und Bronze (entspricht dem früheren Freischwimmer, den hat man zu meines Vaters Zeiten als 16-Jähriger gemacht) spätestens mit 5.

So viel frühkindliche Förderung in Sachen Ursprünglichkeit und Überlebenstraining gab's vielleicht vor 100 Jahren in Bullerbü, aber bestimmt nicht im heutigen Obstbauerndorf Tuntenhausen hinter Freising. Da rauschen gigantische, nagelneue 80.000€-Hochglanztraktoren mit gefühlten 80km/h durch den Ort und der bäuerliche Nachwuchs studiert im Hipsterkostüm BWL oder Informatik an der TUM - vielfach nur aus dem Grund, “daheim ned so viel helfen zu müssen“.

Bullerbü und Immenhof für's Kind sind allerdings ein Privileg der Besserverdienenden oder Vitamin-B-Gesegneten. Einstweilen können sich die weniger priviligierten Assikinder im Überleben an städtischen Brennpunktschulen üben und erwerben sich somit ihren Lamarck'schen Vorteil, nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns hart. Wer überlebt also eher in der Krise? Abgebrühtes Stadt- oder unverdorbenes Landei?

Aber selbst an Brennpunktschulen im Stadtgebiet habe ich schon Gemüsebeete im Schulgarten gesehen. Und bei so viel Gedeihkultur im Grund- und Hauptschullehrplan bezweifle ich, dass der erwachsene YouTube-Prepper DuRohr-Vorsorger so immens viel schlauer ist als der urbane Jugendliche, der immerhin weiß, wie er ohne Auto von Westend nach Neuperlach kommt.

Genau betrachtet ist das Gemüsegarteln für den häuslichen Bedarf nicht mehr und nicht weniger als eine Liebhaberei für Leute, die sonst nichts zu tun haben, denn der Sack Zwiebeln ist im Einzelhandel derart billig zu haben, dass der Arbeitsaufwand des Selbstanbaus den Nutzen nicht rechtfertigt, solange der Zusammenbruch der Zivilisation sich nur in den Köpfen abspielt. Freilich ist gegen ein nettes Hobby nichts einzuwenden, aber man bilde sich nicht ein, ein bisschen Holzhacken, Tomatenernten und Beerenpflücken am Waldrand mache einen zum Selbstversorger.

Freilich ist es gut zu wissen, dass man auch autark überleben könnte, weil man einen eigenen Garten, einen Generator im Keller, 500 Senfgläser gehortet und genügend Vorsorgekanäle im DuRohr angeschaut hat. Doch das alles bringt rein gar nichts, wenn man das Wichtigste vergessen hat. Mitnichten ist es nämlich eine bloße degenerative Zivilisationserscheinung, dass so viele Menschen bei einem gesellschaftlichen Zusammenbruch völlig aufgeschmissen wären. Schon in traditionellen Gesellschaften, als es noch echte Kultur gab, war es so, dass es immer auch Menschen gab, die alleine nicht überlebensfähig waren - Frauen, Kinder, Alte, Kranke, Behinderte. Alle diese waren völlig hilflos und wehrlos ohne einen tatkräftigen Versorger und Beschützer - und das sogar bei intakter Gesellschaft. Die starben halt ziemlich schnell, wenn sie niemanden mehr hatten, oder hielten am Straßenrand sitzend die Hand auf (und starben dann eben langsamer).

Genannte Personengruppen, die heutzutage einen Systemzusammenbruch nicht überleben würden, hätten eine gesellschaftliche Katastrophe auch vor 1000 Jahren nicht überlebt. Indes hätten starke, autarke, junge, gesunde Individuen freilich die besseren Überlebenschancen - und zwar damals wie heute. Es liegt also nicht zwangsläufig am Zivilisationsstadium der Dekadenz, sondern in der Natur der Sache, dass “es ganz besonders schlimm werden wird“. Der heutige Systemsklave ist nicht wesentlich dekadenter und stumpfsinniger als der damalige. Der Unterschied zu damals liegt woanders und gibt Grund zur Hoffnung. Zwischenmenschliche Bindungen beruhten in früheren Zeiten auf der Blutsverwandtschaft - die hat aber heute an Bedeutung verloren und an ihre Stelle tritt etwas anderes, bedeutenderes.

Hühnerhaltung, Regenwassertonnen und ein Kurbelradio sind trivial und nur die rein materielle Seite der Vorsorge. Die ist aber nicht so wichtig, das lässt sich alles besorgen. Um in einer Nachzivilisation zu überleben, sind ganz andere Dinge von Bedeutung, nämlich eine ausgeprägte Soziabilität und die hinreichend darauf aufbauende Vernetzung. Beides sind sattsam herausstechende Merkmale der heutigen Jugendlichen. Noch nie gab es eine Generation, die so wenig Wert auf Blutsverwandtschaft und so viel Wert auf soziale Kontakte und soziale Interaktion im Außerfamiliären legt. Und zwar online wie offline. Wer meint, Jugendliche leben ja nur in der virtuellen Welt ihres Gescheittelefons und ihre sozialen Kontakte bestehen nur dort, der irrt.

Zwar hat irgendein junger Querkopf die Maslowsche Bedürfnispyramide um zwei Basisebenen (WLAN, AKKU) erweitert, doch sind digitale Netzwerke in Wirklichkeit nur eine grobphysische Lösung zu dem geistig-seelischen Impuls, der den jungen Menschen von heute innerlich antreibt - nämlich die Verbindung mit anderen Menschen, die Kommunikation und der Austausch mit einem Gegenüber. Das über Jahrtausende entwickelte, nunmehr voll ausgewachsene Ich-Bewusstsein des Individualmenschen sucht sein Spiegelbild im Du.

War es in früheren Zeiten der Drang nach materiellem Reichtum, also nach Gold, der die Menschen antrieb, und darauffolgend bis heute das Streben nach dem Licht des Wissen und der Wahrheit, so ist der Impuls der die Zukunft der Menschheit maßgeblich bestimmen wird, die Suche nach zwischenmenschlicher Begegnung.

Im Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie beschreibt Goethe diese Entwicklung und nimmt die zukünftige Stufe vorweg:
“Wo kommst du her?“
- “Aus den Klüften, in denen das Gold wohnt.“
“Was ist herrlicher als Gold?“
- “Das Licht.“
“Was ist erquicklicher als Licht?“
- “Das Gespräch.“

Wer diesen Werdegang versteht, braucht keine Raviolidosen mehr im Garten zu vergraben.

Grüße,
und


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