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Französische Orthographie (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Taurec ⌂ @, München, Mittwoch, 27. November 2019, 15:02 (vor 9 Tagen) @ aber291 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Mittwoch, 27. November 2019, 16:20

Hallo!

Ich verstehe folgendes nicht: Wie kommt man von “en brasse“ auf “angesengt“? Alles, was mir zu “brasse“ einfällt, hat mit Armen (bras), Maßeinheiten (brasse) oder Großbesäufnissen (brasserie :prost: ) zu tun. Ich habe lange recherchiert. :lol:

In meinem Beitrag von 2010 schrieb ich noch "Et dame en brasse" und griff dort wohl auf irgend eine minderwertige Vorlage zurück, in der die Abschreibefehler kulminierten [Nachtrag: Von mir im alten Beitrag inzwischen korrigiert, weil dort einige Sonderzeichen verschwunden waren].
In der Ausgabe 1568 heißt es identisch mit dem Erstdruck des Verses von 1557 korrekt:

Subit venu l’effrayeur ſera grande,
Des principaux de l’affaire cachés:
Et dame en braiſe plus ne ſera en veue.
Ce peu à peu ſeront les grans fachés.

"Braise" steht heute noch identisch in jedem französischen Wörterbuch und bedeutet "Glut". Es ist also von einer "Dame in Glut" die Rede. Ob man hier nun eine Dame auf dem Scheiterhaufen oder eine durch sexuelle Überhitzung heißgelaufene Dirne haben will, obliegt der Ausdeutung des Lesers. :lol2:

Gegenprobe: In VIII/91 kommt beispielsweise das Wort "braſsieres" ("Gerüstete") vor, das eigentlich den Armteil einer Ritterrüstung bezeichnet und sich tatsächlich von "bras" ("Arm") ableitet. Wie zu sehen, ist es bei Nostradamus deutlich von "braise" unterschieden. (Erst heute bezeichnet "brassière" entweder ein Babyjäckchen oder frankokanadisch einen Büstenhalter.)

Mir ist noch was anderes eingefallen:
Da es im Mittelalter keine verbindliche Rechtschreibung gab, sollte man nicht immer jeden Buchstaben auf die Goldwaage legen, sondern auch mal homophone Ausdrücke betrachten, zumal Nostradamus seine Eingebungen möglicherweise gehört und nicht geschaut hat. “Et dame en brasse“ hört sich z.B. so an wie:
Édam embrasse (Die Stadt Edam umschließt)
oder: Et dame m'embrasse (Und Dame küsst mich). Ergibt das irgendeinen Sinn?

Die chaotische Rechtschreibung mag vielleicht für das Deutsche gelten, das im 16. Jahrhundert sein volles Potential noch nicht entfaltet hatte und sich erst auf dem Wege zu einer vollentwickelten Kultursprache befand.
In Frankreich war man allerdings schon bedeutend weiter. Dort setzte die Standardisierung der Rechtschreibung bereits im 14. Jahrhundert ein, nachdem Philipp VI. Französisch an des Lateines Statt zur Verwaltungssprache erhoben hatte. Entsprechend hat das Französische bis heute in der Rechtschreibung einen mittelalterlichen Lautstand bewahrt, während das gesprochene Französisch indessen sogar schon einen gänzlich anderen Sprachtypus repräsentiert. Zu Nostradamus Zeiten lag bereits eine stark standardisierte französische Orthographie vor, die sich seitdem nicht mehr von Grund auf geändert hat. Es gibt zwar Unterschiede, auch zwischen den verschiedenen Ausgaben der Centurien. Diese scheinen mir aber nicht so stark zu sein, daß es beim Verständnis zu "falschen Freunden" kommen könnte, wie es etwa dem neuhochdeutschen Leser beim Lesen nichtstandardisierten Mittelhochdeutsches regelmäßig widerfährt.
(Im Deutschen liegt gewissermaßen der umgekehrte Fall vor. Während das Französische in der Orthographie konservativ ist und lautlich die Formen bis zur Unkenntlichkeit verschleift, hat sich das Deutsche orthographisch seit dem Mittelalter stark gewandelt, wobei sich neben Vokalverschiebungen und Diphthongierungen die Grammatik im Kern unverändert erhalten hat und sogar noch komplexer wurde.)

Um das Verständnis zu verbessern, ging man bei der Standardisierung des Französischen sogar so weit, es in der Schreibung wieder dem Lateinischen, von dem es abstammte, anzunähern. Es wurden teils Buchstaben wieder eingeführt, die schon im gesprochen Französisch des Mittelalters nicht mehr vorhanden waren, z. B. führte man das "p" in "temps" (zuvor "tens") wieder ein, womöglich um eine Verwechslung mit einer Konjugationsform des Wortes "tenir" ("halten") zu vermeiden. Die Engländer, die französische Wörter vor dieser Phase übernahmen, schreiben deswegen heute "tense" für "Zeit" (lateinisch "tempus"), aber auch "gespannt". Solche Änderungen geschahen mit dem ausdrücklichen Ziel, Homophone zu unterscheiden.

Weiteres hier:
https://fr.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9forme_de_l%27orthographe_fran%C3%A7aise

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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