Perspektivwechsel (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Frank Zintl @, Lund, Montag, 07. Oktober 2019, 09:30 (vor 12 Tagen) @ BBouvier244 mal gelesen

Hallo BB

Es war ein langwieriger Prozess, wie Tschechien - damals
Böhmen und Mähren - überhaupt unter die österreichische
(habsburgische) Herrschaft gelangt ist.

Im Mittelalter hatten die böhmischen Könige dem deutsch-
römischen Kaiser den Gefolgschaftseid abgeleistet, regierten
aber ihr Land frei. Nur im Krieg mussten sie Heeresfolge
leisten. Im Gegenzug waren sie zu Kurfürsten des Reiches
avanciert. Das wissen nämlich nicht viele: einer der vier
weltlichen Kurfürsten war der böhmische König. Das steht
bereits im Sachsenspiegel von Eike von Repgow.

In der frühen Neuzeit schafften es die Habsburger sich als
Könige von Böhmen zu etablieren. Damit hatten sie eine
Doppelherrschaft inne - als Könige von Böhmen und als
deutsch-römische Könige bzw. Kaiser. Aber auch unter dieser
Personalunion wurde die Eigenart der tschechischen Reichs-
gebiete lange respektiert, auch sprachlich.

Der Prager Fenstersturz war aber eine direkte Folge der
Einmischung der Habsburger in innere Angelegenheiten, als
der Status der nordböhmischen überwiegend protestantischen
Stände seitens der gegenreformatorisch eingestellten
Habsburger nicht mehr respektiert wurde. Ferdinand II, der
ein besonderer Eiferer der katholischen Sache war, kündigte
den Status quo auf, worauf er als böhmischer König
abgesetzt wurde. Da er kurz darauf Kaiser in Wien wurde,
führte die ganze Angelegenheit schnell zum Krieg.

Nach der Schlacht am Weissen Berg praktizierte der Habsburger
Rache durch die Massenhinrichtung böhmischer Adliger - auf
das dringende Anraten eines böhmischen Adligen mit Namen
Wenzel (Vaclav) Eusebius von Waldstein (Wallenstein).

Das war die erste richtig grosse Demonstration, dass Tschechien
fortan fremdregiert war.

Im kollektiven tschechische Bewusstsein hatte man nie die
Verbrennung von Jan Hus in Konstanz 1415 vergessen.

Deshalb wählte man 1619 demonstrativ einen liberalen reformierten
Kurfürsten zum neuen König - den berühmten Friedrich von der
Pfalz.

Der Rest ist Geschichte - der Anfang des 30-jährigen Krieges.
Nach der Schlacht am Weissen Berg wurde Friedrich verjagt und
auch sein eigenes Kurfürstentum angegriffen und besetzt. Spanische
Truppen auf dem Weg zum holländischen Kriegsschauplatz durften
diese Aufgabe erledigen.

Lange Zeit waren die Tschechen als Untertanen Bürger zweiter bis
dritter Klasse. Wer Karriere machen wollte, musste sein
Tschechentum verleugnen und versuchen deutsch zu werden. Das tat
z.B. Wallenstein.

Smetana war einer der ersten, die das ganz offen NICHT mehr taten.
Ihm folgte bald sein Kollege Dvorak.

Da das Habsburgerreich aussenpolitisch Schwäche zeigte, nämlich
durch die Niederlagen 1859 im Sardischen Krieg und später 1866 im
Krieg gegen den Deutschen Bund, begann man in Tschechien etwas
mutiger zu werden.

Geschichte sollte man immer versuchen von beiden Seiten aus zu
sehen.

Da ich den 30-jährigen Krieg erwähnt habe: mit dem habe ich mich
intensiv befasst. Z.B. sieht die schwedische Geschichtsschreibung
dazu völlig anders aus als die deutsche, obwohl die gleichen
Ereignisse behandelt werden.

Im 30-jährigen Krieg wurden Konfliktlinien sichtbar, die noch in
den beiden Weltkriegen eine Rolle spielten.

Frank


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