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Begründung der Schauungs- und Prophezeiungsforschung (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Freitag, 19. Juli 2019, 20:42 (vor 64 Tagen) @ Antitaurec512 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Freitag, 19. Juli 2019, 22:41

Hallo!

Bleibt das Weltenwende-Forum: Es möchte sich zwar den Anspruch geben, wissenschaftlich zu arbeiten. Dies tut es jedoch nicht, wenn Indizien, ja sogar Indizienketten, daß etwas gefälscht, abgekupfert und/oder erdacht wurde, von der Foren-Leitung als Negativ-Beweis bzw. Falsifikation definiert werden. Derartiges ist in der Wissenschaft eigentlich nicht zulässig. Bleibt von diesem Forum im Grunde genommen nur noch die umfangreiche Sammlung von Prophetien und Schauungen übrig.

Falsifikation hat methodisch an dieser Stelle eigentlich nichts verloren. Es geht hier nämlich nicht um die Widerlegung empirischer Beobachtungen und darauf gegründeter Behauptungen durch Gegenbeispiele und Widersprüche zu anderen Beobachtungen, wie es in der empirischen Wissenschaft der Fall ist, wo diese Methode der Theorieprüfung zur Anwendung kommt.

Prophezeiungen sind dagegen Behauptungen, die ohne empirische Grundlage in der Sinnenwelt aufgestellt werden. Sie lassen sich durch keine Gegenbeobachtung widerlegen, da sie nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft betreffen und zumeist zu abstrakt sind, um mit der Gegenwart hinreichend sicher in Verbindung gebracht zu werden. Die Methode des Falsifizierens greift hier nicht, weil es sich letztlich um die Wiederlegung negativer Tatsachen handeln würde.

Beispiel:
"Beweise mir gefälligst, daß Putin nicht der Antichrist ist!" (Denkbar im Rahmen einer Diskussion über die 1999-Deutung des Nostradamusverses X/72.)
Oder:
"Beweise mir gefälligst, daß nicht Gott zum Seher XY gesprochen hat!"
Oder:
"Beweise mir, daß Maria S. keinen Terroranschlag in der Türkei gesehen hat!"

In jedem dieser Fälle ist die Satzlogik umgkehrbar, so daß sich beispielsweise auch formulieren ließe: "Widerlege mir, daß Seher XY das gesehen hat!"
Eine solche Falsifikation ist praktisch nicht möglich. Leute, die solches verlangen, betreiben eine Umkehr der Beweislast, um Kritiker mundtot zu machen und fröhlich Unsinn in die Welt setzen zu können.
Eine Widerlegung ist nur in manchen Fällen möglich, nämlich wenn der Inhalt eines Textes offensichtlich mit unserem Weltwissen unvereinbar ist, sprich erkennbarer Unsinn behauptet wird.

Das Vorgehen, das bei Schauungen und den Verbreitern von Prophezeiungen angebracht ist, bedeutet, daß die Bringschuld bei denen liegt, die solche Texte als echt behaupten wollen. Sie müssen also selbst den positiven Nachweis erbringen, daß einem Bericht eine Schauung zugrundeliegt oder eine Prophezeiung präkognitive Grundlagen hat. Es handelt sich um eine Verifizierung, also das Gegenteil einer Falsifizierung. Das ist äußerst schwierig, da Schauungen nur letzthinnig bewiesen sind, sobald sie eingetroffen sind. Um Aussagen dennoch als präkognitiv erhärten zu können, hat Alexander Gann Argumente aufgestellt:

  • Bereits eingetroffene Schauungen des selben Sehers
  • Übereinstimmung der Aussagen mit den unabhängigen Schauungen anderer (nachgewiesener) Seher
  • Inhaltliche Übereinstimmung der Schauungen mit der Realität in Belangen, die der Seher vor dem Schauungserlebnis nicht wissen konnte. (Umgekehrt wäre ein eklatanter Widerspruch der Aussage mit der Realität ein Kontraindikator für das Vorliegen einer echten Schauung im Sinne einer Falsifikation der Aussage durch Beobachtungen in der Sinnenwelt.)

An dieser Stelle soll nicht diskutiert werden, ob diese Argumente ausreichend sind oder sich noch weitere finden lassen, was zweifelsohne eine interessante Diskussion wäre und ein richtiger Schritt vorwärts innerhalb der Schauungsforschung, wenn die Formulierung weiterer Argumente gelänge. Sie dienen an dieser Stelle nur als Beispiele einer positiven Beweisführung mittels Indizien. Ein Indizienbeweis ist, anders als Du es darstellst, eine zulässige Art der Beweisführung.

Ob es die Prophezeiungsgläubigen schaffen, die entsprechenden Argumente für ihre Säulenheiligen beizubringen, ist allerdings nicht mein Problem. Wenn sie es nicht schaffen (was bei nahezu allen Texten vor den Feldpostbriefen der Fall ist), bleibt ihnen eben nur der unbelegte Glaube.

Als Grundkriterium, um überhaupt potentielle Schauungen von irgendwelchen anderen Texten unterscheiden zu können, habe ich für mich selbst formuliert und hier immer wieder dargelegt, daß eine bestimmte Grundqualität des Berichtes vorliegen muß: Es muß sich erkennbar um die Beschreibung einer Wahrnehmung handeln, weil Schauungen nichts anderes als Wahrnehmungen sind. Der Seher muß also beschreiben können, wann er ein Schauung hatte und wie sie für ihn sinnes- und empfindungsmäßig aussah. Da es offenbar auch Eingebungen in Form "stillen Wissens" oder als fremd empfundener Gedanken gibt, muß der Empfänger in solchen Fällen darlegen können, wann er eine Eingebung hatte und was genau sie von seinen eigenen Gedanken unterschied.
In jedem Falle muß es wie bei einer Zeugenaussage vor Gericht möglich sein, die Wahrnehmung von der persönlichen Interpretation zu trennen!
Wenn jemand (wie Maria S. bzw. Rubenstein) einen entsprechenden Bericht nicht beibringen kann, ist die Person gefälligst auch nicht als Seher zu betrachten.
Daß ältere Prophezeiungen diesem Kriterium nicht genügen, ist wieder nicht mein Problem. Dieses Vorgehen ist aber mitnichten unwissenschaftlich.

Werden Texte den Anforderungen an Schauungsberichte nicht gerecht, sind sie als literarisch zu betrachten. Dann greift die Methodik der Quellen- und Textkritik. Diese ist bei Wikipedia wie folgt definiert:
"Die Textkritik oder textkritische Methode (von altgriechisch κρίνω krínō 'unterscheiden, aussondern, auswählen') ist eine Methode, mit der Einflüsse der Entstehung und Überlieferung auf die Gestalt überlieferter Texte herausgearbeitet werden."
Und zur Quellenkritik:
"Die Quellenkritik versucht festzustellen, unter welchen Umständen eine Geschichtsquelle entstanden ist, insbesondere wer sie wann hergestellt hat und mit welcher Motivation."
Der Wikipediaartikel schränkt die Textkritik auf verschiedene Fassungen ein und desselben Textes ein. Dies läßt sich für unsere Zwecke abwandeln. In diesem Sinne läßt sich der ganze Stoff des Prophezeiungskanons als verschiedene Fassungen ein und derselben "großen Weissagung" betrachten, wie es Arthur Hübscher in seinem gleichnamigen Buche gemacht hat.

Bei der Untersuchung von Prophezeiungen geht es also zusammengefaßt um die Untersuchung der Frage, welche Einflüsse weltanschaulicher Art, welche Motivation des jeweiligen Autors und welche literarischen Vorlagen bei der Abfassung von Prophezeiungstexten und der weiteren Tradierung im Strome der "großen Weissagung" zum Tragen kamen. Notwendigerweise geht es also darum, religiöse Motive und Glaubensauffassungen zu identifizieren, die Intention des Autors in seiner jeweiligen Zeit (z. B. die Manipulation einer Papstwahl bei Pseudo-Malachias) und die älteren Prophezeiungen, die als Vorlagen plagiiert wurden. Durch die Aufstellung der Genealogie der Deckungen und Abwandlungen lassen sich im Idealfall komplexe Beziehungsgeflechte der Texte untereinander bilden, z. B. wenn bestimmte Formulierungen und Satzkonstruktionen nur leicht verändert vorkommen. Prophezeiungsgläubige und Sammler wie Berndt sind indes geneigt, solche Entsprechungen der Quellen als Bestätigung ("das selbe gesehen") aufzufassen, während sie in Wirklichkeit auf Textverwandtschaft hinweisen.

Zu den axiomatischen Prämissen dieses Vorgehens gehört, daß die Prophezeiungen eben nicht präkognitiven Ursprungs sind, sondern als eine Gattung in die Zukunft gerichteter Märchen betrachtet werden müssen, die von Menschen für Menschen formuliert wurden. Statt "es war einmal", lautet es "es wird einst sein". Die Irrealität ist aber in beiden Fällen die selbe. Natürlich muß der Empfänger den Eindruck haben, es wäre Wirklichkeit, wie auch Kinder den Einruck haben müssen, es sei einst geschehen. Sonst zündet die Moral der Geschichte nicht.
Was wir hier eigentlich betreiben sollten, ähnelt in dieser Hinsicht, was die Gebrüder Grimm mit der Sammlung, dem textkritischen Vergleich und der Edition der Volksmärchen getan haben.
Dir mag dieses Axiom nicht gefallen. Es ist aber alles andere als unwissenschaftlich, da Wissenschaft stets von Axiomen ausgeht. Wissenschaftlich ist dies völlig legitim und setzt die Anhänger des gegenteiligen Paradigmas, daß es sich in der Regel um Offenbarungen des Göttlichen handele, die echte Zukunft kündeten, erheblich unter Druck. Sie müssen natürlich, wie Du es tust, die Gegenposition grundsätzlich in Zweifel ziehen und ihre Daseinsberechtigung zu untergraben trachten, weil sie dem wasserfesten Nachweis eines Plagiates rein gar nichts entgegensetzen können außer blindem Glauben und störrischer Wiederholung ihrer Behauptungen.

Der Vorwurf, den sich dieses Forum am ehesten machen lassen muß, ist dieser, daß wir dem hier formulierten Ansatz in der Regel selbst nicht gerecht werden, teils weil die Diskussionen immer wieder von Leuten bzw. Trollen, die aus reiner Unkenntnis und Verständnisunfähigkeit immer wieder dümmliche Positionen einbringen oder charakterschwach auf Personen statt auf Sachen und Ideen hin argumentieren, schön ins Belanglose manipuliert werden.
Anders als Du es darstellst, liegt es also nicht am Ansatz, sondern gerade an der Nichtverwirklichung desselben.

Daneben ist Methodenkritik natürlich erwünscht, was allerdings voraussetzt, daß man die Methode begriffen hat, nicht weltanschaulich voreingenommen ist und konstruktiv mitarbeiten will. Drei Voraussetzungen, die Du offenbar nicht erfüllst.

Übrigens ist es auch bei der text- und quellenkritischen Analyse von Prophezeiungstexten grundsätzlich möglich, daß präkognitive Elemente gefunden werden, nämlich dann, wenn man über Aussagen stolpert, die sich nicht per Plagiat, religiöse Prägung, zeitgenössische und sonstige Ideen erklären lassen. Präkognition war zu allen Zeiten möglich, so daß sie sich auch in alten Texten niedergeschlagen haben kann. Der Ansatz, zunächst mit der nötigen Strenge alle menschlichen Einflüsse auszusieben, ehe man zum Übermenschlichen kommt, ist aber angesichts der Natur dieser Texte nicht weniger als angebracht.

Gruß
Taurec

P.S.: Diesen Text will ich nicht als Einschränkung des Forumsthemas begriffen wissen. Es geht hier nur um dessen "harten Kern", nicht aber um freie Themen, wo grundsätzlich alles angesprochen werden kann, solange man sich nicht die Rübe in weltanschaulich-religiösen Zwistigkeiten einschlägt.


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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