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Herausdestillieren und Sammeln von Schauungen (!) versus Glaube an Endzeitprophetie (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 04. Februar 2019, 09:59 (vor 287 Tagen) @ Rolf Reinhard1338 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Montag, 04. Februar 2019, 10:07

Hallo!

Also: gibt es ueberhaupt eine Prophezeihung fuer unsere Zeit an der etwas dran sein koennte? Oder warum exisiert dieses Forum ueberhaupt noch?

Zuerst sollte man zwischen Prophezeiungen und Schauungen unterscheiden, zwei grundverschiedene Dinge, die aber stets verwechselt und vermischt werden.

Prophezeiungen sind (man recherchiere die Bedeutung der Wortbestandteile) Aussagen über die Zukunft.
Schauungen sind Wahrnehmungen über die Zukunft.

Davon ausgehend ist leicht nachvollziehbar, daß Prophezeiungen weniger authentisch sind und größere Verfälschungen enthalten als Schauungen bzw. Schauungsberichte, die neutral eine Wahrnehmung beschreiben.

Eine Beispielprophezeiung:
"Sobald Donald Trump gewählt wird, fängt er sofort einen Krieg an." (Maria S.)

Diese Aussage enthält rein gar nichts außer einer bloßen Behauptung, was irgendwann mal passieren würde. Sie wird durch nichts untermauert, durch keine Beschreibung einer parapsychischen Wahrnehmung, die der Aussage vorangegangen sein müßte, wenn sie eine echte Aussage über die Zukunft sein will.

Eine Schauung bzw. Schauungsbeschreibung (wir können uns hier ja nur mit letzterem befassen) würde hingegen einen detaillierten Film über eine einzige Begebenheit zeigen, die in ein größeres Geschehen eingebettet ist.
Statt zu zeigen, daß "Donald Trump einen Krieg beginnt" (ein völliges Abstraktum, das lediglich in der Weltinterpretation in den Köpfen der Menschen existiert und gar nicht gesehen werden kann!), könnte eine Schauung zu diesem Thema beispielsweise amerikanische Einheiten in Wüstentarnung in trockener Umgebung zeigen oder einen Atompilz über Mekka oder dergleichen. Solche Bilder würden wenig Aufschluß über die politischen Hintergründe geben. Sie wären interpretationsbedürftig und könnten aufgrund dessen sekundär zur Entstehung einer Prophezeiung führen.

Das ist das eine. Das andere ist die Tatsache, daß Prophezeiungen in unserem Kulturkreis traditionell die endzeitlichen/chiliastischen Erwartungen der christlichen Religion verbreiten.
Der eigentliche Grund dafür, daß viele nie auf den richtigen Trichter kommen, liegt wohl darin, daß diese Endzeiterwartungen als ein wesentlicher Bestandteil der Aussagen Jesu fest im Fundament des Christentums verankert sind und eine gigantische Anziehungskraft auswirken. Es handelt sich aber nicht um valide Aussagen über die Zukunft, sondern um kulturell begründete Erwartungen, welche die nahöstlichen Menschen im 1. Jahrhundert an die Zukunft hatten. Das Endgericht und das Gottesreich waren die Mythologie, die stets irrationale große Erzählung, welche die magische Kultur begründete. Diese Erzählung war (ich führte es bereits mehrfach aus), niemals darauf angelegt einzutreffen, sondern sollte als Hoffnungträger stets in der Zukunft stehen und Menschen auf ein gottgerechtes Leben ausrichten. Sie kann per se gar nicht eintreffen, weil sie monotheistischen Religionen dann nicht erlösen, sondern vernichten würde. Sie wären ihrer wesentlichen Grundlage beraubt.

Dieser Endzeitglaube ist mit dem Christentum in der europäischen Geschichte durch die Zeiten gewandert. Eine wesentliche irrationale Grundauffassung dieses Glaubens ist das Wähnen, daß immer in der jeweiligen Gegenwart die letzten Vorzeichen gerade eintreffen würden und die Hauptereignisse kurz bevorstünden. Davon ausgehend wurden über 2000 Jahre aus Umständen der jeweiligen Gegenwart Vorzeichen abgeleitet/konstruiert und propagandistisch in neu erfundenen Prophezeiungen verbreitet. Diese wurden an nachfolgende Generationen tradiert, welche sie wiederum auf ihre eigene Zeit bezogen und mit neuen Erfindungen aktualisierten. So wurde im Laufe der Zeit ein ganzer Wust an Vorzeichen und Motiven generiert, deren eigentlichen Ursprung niemand mehr kennt (oder kennen will), und die zum festen Bestandteil der großen Erzählung der Endzeitgläubigen wurden. Man müsse sie nur korrekt auf die Gegenwart beziehen und hätte die Zukunft entschlüsselt. Ein paar prominente Motive:

  • Verfall des Glaubens und der Sitten
  • Herrschaft des Antichristen in per­so­na. Damit verbunden war seit dem 19. Jahrhundert die Erwartung kommunistischer Revolutionen insbesondere in Italien, Spanien und Frankreich.
  • Verfolgung des einzig wahren Glaubens (bitte Wunschreligion oder das eigene christliche Glaubensbekenntnis einfügen)
  • Überfall der christlichen Religion durch antichristliche Horden aus Asien. Hieraus wurde ab dem 19. Jahrhundert der russische Überraschungsangriff konstruiert.
  • Sieg über die antichristlichen Horden unter der Führung des "großen Monarchen" (ein Wegbereiter des Messias)
  • Krönung des großen Monarchen zum Kaiser eines dann entstehenden christlichen Weltreiches durch den "Engelspapst", der zuvor vor dem Antichristen aus Rom fliehen mußte.
  • Rückführung des Papstes durch den Kaiser nach Rom (aber erst nach dem Endgericht).
  • Göttliches Strafgericht über die verderbte Menschheit. Dreitägige Finsternis, Reinigung der Erde, entweder Bekehrung oder Ausmordung der Ungläubigen.
  • Gleichzeitig: Wiederkehr des Messias mit einer gigantischen Eisensichel (vgl. Offenbarung 14,14-20), um die Ungläubigen fachgerecht zu filetieren.
  • Anschließend: Erneuerung des christlichen Glaubens, der endlich unangefochten auf Erden regiert, Anbruch eines goldenen Zeitalters, in dem kein Leid mehr existiert.

Die grundlegende Dramaturgie, die bis heute z. B. in Stephan Berndts Büchern propagiert wird, ist unschwer zu erkennen.

Ich gehe in der Tat davon aus, daß nichts dessen, was sich im Rahmen dieser Dramaturgie bewegt, je eintreffen wird. Christliche Endzeitprophezeiungen kann man pauschal vergessen.

Damit ist aber das eigenständige Thema "Schauungen" nicht vom Tisch!
Das Problem ist eben aufgrund dieser kulturell begründeten standardmäßigen Gleichsetzung von Schauungen und Prophezeiungen, daß immer wieder echte Schauungen in die Endzeittradition eingefügt werden. Ich schrieb zuvor, daß Schauungen in ein größeres Geschehen eingebettete Ausschnitte zeigen, deren Zusammenhang interpretativ erschlossen werden müsse. Für die Interpretation von Schauungen dient dabei traditionell die Dramaturgie der christlichen Endzeitprophetie als Blaupause. Aufgabe wäre es daher, echte Schauungselemente aus der Endzeitüberlieferung herauszulösen und als Darstellungen eigenständiger Ereignisse zu betrachten, die ganz andere Hintergründe haben können.

Beschreibungen von Flutwellen, Meteoriten, Vulkanausbrüchen würden daher reale Naturkatastrophen zeigen, die irgendwann eintreten könnten, nicht aber das "göttliche Strafgericht".
Beschreibungen russischer Armeeinheiten auf deutschen Straßen würden eine künftige, "friedliche" Besetzung Deutschlands zeigen, nicht aber den teuflischen und niederträchtigen russischen Überraschungsangriff mit Vergewaltigungen und dem Verspeisen der Säuglinge mit Senf und Mayonnaise.

Schauungen existieren und sie funktionieren, auch im Maßstabe des Weltgeschehens. Wir haben aber noch viel zu wenige Schauungsquellen, um ein ordentliches System in die Sache zu bringen. Hier wäre noch sehr viel Forschungsbedarf und Erkenntnispotential vorhanden. Leider wird dies mit fortschreitender Prägnanz der Schlußfolgerungen immer mehr zu einem "elitären" Projekt, weil die Mehrheit jener der christlichen Endzeitprophetie und ihren Erretungsvorstellungen Verhafteten einem auf diesem Wege weder folgen will noch kann. Wenn es gelänge, die eben hier von mir umrissenen Grundlagen zu vermitteln, ohne Sehende abzustoßen, die zugleich auch Gläubige sind, um weiter Stoff zu sammeln, wäre schon viel gewonnen.

PS der spam schutz ist extrem schlimm hier - unlesbar

Wenn Du es geschafft hast, eine Nachricht abzusenden, ist es nicht unlesbar und Du hast zugleich die weitgehend sichere Bestätigung, daß Du kein Roboter bist. ;-)

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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