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Judizielle Astrologie, Estomac (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Taurec ⌂ @, München, Samstag, 03. November 2018, 16:40 (vor 13 Tagen) @ Einhorn601 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Samstag, 03. November 2018, 20:11

Hallo!

Die judizielle Astrologie wird als der Prüfstein all dessen betrachtet, was sich offenbart und soll die Wahrheit von der bloßen Einbildung reinigen. Sie ist somit keine divinatorische Astrologie, die immer von den Kirchen bekämpft wurde, da sie als Einschränkung des freien Willens gesehen wurde. Nun betreffen die Prophéties aber auschließlich zukünftige Dinge. Wie kann man da verhindern, mit einer judiziellen Astrologie in Konflikt zu kommen? Nach Nostradamus ist das nicht der Fall, denn seine Prophezeiungen sind ja Ergebnisse seines "natürlichen Instinkts", die er anhand der judiziellen Astrologie nur einer Prüfung unterzieht. Und die errechneten Zeiten, die durchaus zu den Zukunftsausagen gehören, werden ja durch die Verwürfelung der Quatrains nicht mitgeteilt.

Wenn ich es recht recherchiert habe, ist "judizielle Astrologie" genau das Gegenteil des von Dir Beschriebenen.
Mfrz. "judicial" = "rechtlich", "rechtmäßig", "gerichtlich", "richterlich" von lat. "judicialis" ("gerichtlich", "rechtlich"). "Astrologie iudicielle", zu Deutsch "Menschenastrologie", bezeichnete im Mittelalter und der Renaissance die astrologische (Voraus-)Berechnung von Ereignissen und umfaßte u. a. die Geburtshoroskopie, Stundenastrologie und Mundanastrologie. Sie wurde von der Kirche als häretisch betrachtet und stand im Gegensatz zur "Astrologie naturelle", zur "natürlichen Astrologie", welche sich als Teil der damaligen Naturwissenschaften z. B. mit medizinischen und meteorologischen Fragestellungen beschäftigte.

Entsprechend schrieb er an Cäsar:
"Außerdem, mein Sohn, bitte ich Dich, niemals Deinen Verstand für solche Träumereien und Einbildungen einzusetzen, die den Körper austrocknen, die Seele ins Verderben stürzen und die schwachen Sinne verwirren; auch (nicht für) die Lügenhaftigkeit der mehr als abscheulichen Zauberei, einst zurückgewiesen durch die heiligen Schriften und den göttlichen Kanon , in dessen Hauptteil die Bewertung der Menschenastrologie ausgespart ist."

Gleichwohl nennt der die judizielle Astrologie als Instrument, das wie die prophetische Gabe künftige Dinge enthüllen kann:
"Gleichwohl können auch in der Gegenwart Persönlichkeiten erscheinen und leben, denen Gott der Schöpfer durch bildliche Eindrücke einige Geheimnisse der Zukunft in Übereinstimmung mit der Menschenastrologie enthüllen mag – wie früher, als bestimmtes Können und bewußte Fähigkeit bei ihnen (so) auftrat, wie eine Feuerflamme erscheint, die einen befähigt, die göttlichen und menschlichen Eingebungen zu beurteilen."

Er nennt die "Menschenastrologie" nicht als Prüfstein, sondern als weiteres Instrument, das übereinstimmende (also nicht widersprechende) Ergebnisse liefert, ohne freilich frontal zu schreiben, daß er sie selbst anwende.

Im Vorwort an seinen Sohn César gibt es jedoch eine Stelle die einen Ansatz verspricht, vielleicht doch die ursprüngliche Reihenfolge wiederherstellen zu können. Sie lautet: "... car la parole hereditaire de l'occulte prediction sera dans mon estomach intercluse". Übersetzt: "weil das vererbte Wort/Schlüsselwort der verborgenen Weissagung in meinem Magen verschlossen sein wird". In allen deutschen Übersetzungen der Bücher, die ich las, wurde "estomach", statt mit "Magen", mit "Brust", "Inneren", "Herz" oder "Mitte" übersetzt.

Das ist auch völlig richtig und war auch schon hier Thema.
Die richtige Übersetzung lautet:
"Ich habe gesehen, daß es nicht möglich ist, Dir mittels Schrift zu hinterlassen, was durch den Angriff der Zeiten entwertet wäre, denn das überkommene Wort der verborgenen Vorhersage wird in meinem Inneren verschlossen sein."

Daß Deine Annahme nicht tragfähig ist, habe ich Dir damals anhand eines Mittelfranzösischlexikons nachgewiesen:
Estomac

Nachdem "estomac" durchaus "Inneres" bedeuten konnte, ist die Annahme, daß platt "Magen" gemeint wäre, zu eng gefaßt und vor allem nicht die einzig richtige.
Vergleichbar wäre es irrig, den Ausdruck "Schmetterlinge im Bauch" oder "bis ins Mark" einengend als Puppenkolonie im Magen oder Punktierung des Knochenmarks zu verstehen. Solche Fehler erwarte ich in der Tat von Menschen, die eine Sprache lernen, ohne ein Gefühl für sie und das Seelenleben ihrer Sprecher zu entwickeln, weswegen sie an der oberflächlichen Wortbedeutung hängen bleiben müssen.

Die Stelle ist mit der Übersetzung "Inneres" ohne weiteres verständlich. Es gibt keine Indikatoren, daß damit etwas anderes gemeint wäre, weil kein unverständlicher Rest verbleibt, der gedeutet werden müßte.
Der Sinn ist: Er nimmt die ihm übermittelte Information (das überkommene Wort) in seinem Inneren (Seele, Innenwelt, Gedächtnis, ...) verschlossen mit ins Grab. Überliefert wird nur die verschleierte Variante, d. h. das Wort in seiner nicht überkommenen Form.

Damit ist die Stelle bedeutungsmäßig erschöpft, und astromedizinische Betrachtungen sind nicht zielführend.

In der Astro-Medizin sind für den Magen die zuständigen Signifikatoren: Das 4. Tierkreiszeichen Krebs, mit seinem Herrscher Mond und das 4. Haus, als Analogie zum 4. Tierkreiszeichen Krebs. Wenn wir uns nun das Horoskop von Nostradamus ansehen (https://top-astro.de/horoskop/nostradamus-horoskop.php) (4) dann sehen wir, dass das 4.Haus sich im Krebs befindet, also sein 4. Haus und das 4. Zeichen zusammen fallen, was eine Verstärkung bedeutet, und sich dort die Planeten Jupiter, Saturn und Mars befinden! Und zusätzlich schickt der Mond, der Herrscher des Krebses, und damit hier auch des 4. Hauses, einen starkes Trigon auf die Gruppe der 3 Planeten und verstärkt ihre Bedeutung noch einmal.

Wie sicher ist denn die Geburtszeit des Nostradamus? Ist diese plausibel belegt? Wenn dort 12:00 steht, ist wahrscheinlich, daß man in Unkenntnis seiner genauen Geburtszeit pauschal die Tagesmitte genommen hat, um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen.
Nicht geprüft habe ich, wie sich das Horoskop ändert, wenn man einige Stunden vor oder zurück geht. Die Abweichungen sind möglicherweise erheblich und deklarieren solche Interpretationen zu spekulativen Luftnummern (von unzulänglichen Ausgangsbasis abgesehen).

Das heißt, Saturn, Jupiter und Mars sind der Schlüssel für die Weissagungen des Nostradamus!!!

Nachdem Saturn 25 mal, Jupiter 7 mal und Mars ganze 39 mal in den Centurien vorkommt, ist deren Bedeutung eigentlich evident.

Nach meinem ersten euphorischen Ausbruch, dies offensichtlich als Erster entschlüsselt zu haben, erinnerte ich mich jedoch, dass ich das ja schon irgendwie wusste. Denn schrieb nicht Nostradamus in seiner Vorrede an König Heinrich II: "Alle diese Bilder der göttlichen Bücher stimmen genau mit den sichtbaren himmlischen Dingen überein, nämlich mit Saturn, Jupiter und Mars und den übrigen im Bunde, wie man des näheren aus etlichen Vierzeilern ersehen kann" (5)? Also, die Aussage dass die drei sich außerhalb der Erdenbahn befindlichen Planeten maßgeblich waren für seine Prophezeiungen, ist somit nur eine Bestätigung der Wichtigkeit von dem, was sich in seinem Magen verbarg.

Daß die drei äußeren Planeten (nach Saturn kam in der damaligen Astrologie kein Planet mehr!) von besonderer Wichtigkeit sind, ergibt sich schlicht daraus, daß die inneren Planeten Umlaufzeiten im Bereich von Monaten haben und sich zur jahresmäßigen Datierung schlicht nicht eignen. Die Erkenntnis ist also banal.

Es ist zweifelhaft, daß die einzigen Planten, die aufgrund ihrer Langläufigkeit eine Datierung im Jahresbereich ermöglichen, von Nostradamus extra durch "estomac" hätten verschlüsselt werden müssen, was aufgrund des Bedeutungsrahmens dieses Wortes auch nicht anzunehmen ist.

Aber was meinte er mit "parole hereditaire"?. Es ist zweifelsohne etwas, was verebt wird, was sich wiederholt.

Nicht, was sich "wiederholt", sondern was weitergegeben wird. "Héréditaire", im eigentlichen Sinne "geerbt", im übertragenen Sinne vom Vater (Gott) an ihn "weitergegeben", auf ihn "herabgekommen" (von uns übersetzt als "überkommen").

Und "parole"? Das bedeutet doch "Wort" und auch "Losung". Hat Nostradamus anhand der Namen der Planeten ein Losungswort gebildet, das sich ständig wiederholt und mit dem er die ursprüngliche Reihenfolge der Vierzeiler neu sortierte? Um das festzustellen, schrieb ich ein Programm, das die Buchstaben der Planeten SATURNE, IUPITER und MARS (auch in ihren lateinischen Wortlauten) in Zahlenreihen umwandelte, um mit ihnen die Reihenfolge der Vierzeiler zu ändern.

Damit setzt Du Deinem Kartenhaus allerdings lediglich ein weiteres wackeliges Stockwerk auf, wofür es keine hinreichende Grundlage gibt.
Nostradamus hat nicht verschlüsselt im "Magen" als Hinweis auf sein Geburtshoroskop die drei (banalen) Planeten Mars, Jupiter, Saturn verschlüsselt. Damit kommst Du von einer falschen Grundannahme als Folgefehler zu falschen Schlußfolgerungen, die letztlich nicht fruchten können, da sie im Rest des Werks keine Ankerpunkte finden.

Es ist durchaus möglich, daß Nostradamus sich an bestimmten Stellen auf große Konjunktionen der drei äußeren Planeten bezog und diese zur Datierung verwendete. Voraussetzung ist das richtige Verständnis, wann er mit Mars, Jupiter, Saturn die so benannten Planeten meinte und nicht etwa:

  • den Kriegsgott oder den Monat März
  • den Gott Jupiter oder den "dies iovis", den Donnerstag (der bei Nostradamus auf einen bestimmten, möglicherweise zukünftigen Kult hinweist als Ergänzung zu Freitag (Islam), Samstag (Judentum), Sonntag (Christentum))
  • den Titan Saturn als Herrscher des goldenen Zeitalters oder den Samstag (dies saturni).

Die vielfachen Nennungen dieser Namen verteilen sich mindestens auf diese drei Variationen pro Namen, wobei die Götterpersonen jeweils für verschiedene Eigenschaften stehen können, die sich in einem künftigen Geschehen ausprägen. So steht z. B. "Mars" für "Krieg".

Ein weiteres zyklisches astrologischen Element, das zu Nostradamus Zeiten für Deutungen hinzugezogen wurde, sind die sog. Anno Mundi mit einer Dauer von 354 Jahren und 4 Monaten und die jeweils unter der Herrschaft eines Planeten standen, in der umgekehrten Reihenfolge der Tagesherrscher: Saturn, Venus, Jupiter, Merkur, Mars, Mond und Sonne.

Richtig. Das wäre dann eine vierte Variante, die bei der Nennung eines vermeintlichen Planetennamens bei der Interpretation der Verse in Betracht zu ziehen wäre.

Mit all diesen Elementen ist es möglich, eine Zeitachse mit astronomisch berechneten Elementen zu bilden, die man auch heute nachberechnen kann, wie es damals Nostradamus möglich war. Anhand der astrologischen Regeln und - das Wichtigste - der Fähigkeit und Deutungserfahrung des Astrologen können aus diesen astronomischen Gegebenheiten Zeitqualitätsachsen gebildet werden, denen Nostradamus dann seine Aussagen in den Vierzeiler hätte zuordnen können, die er in seinen veränderten Bewusstseinszuständen erzeugte.

Das zentrale Problem ist allerdings, die Verse nicht nur richtig zu übersetzen, sondern vor allem richtig zu verstehen und auf dieses hypothetische Zeitraster zu beziehen. Mars, Jupiter, Saturn sind eben nicht gleich Mars, Jupiter Saturn.
Davon abgesehen enthält die erdrückende Mehrzahl der Verse keinerlei Beziehungen zu diesen drei Namen und läßt sich somit auch nicht in dieses System pressen.
Auch erkennbare astrologische Bezüge an sich treten nur in einer Minderheit der Vierzeiler auf. Die Astrologie kann, wenngleich bedeutsam, nicht zum Allerklärungsmuster für Nostradamus gemacht werden.

Meines Erachtens hatte Nostradamus durchaus einen Zeitplan, ein persönliches Szenario der Weltgeschichte, in welches er die ihm zugänglichen Informationen hineinarbeitete, bzw. aus welchen er den Zeitrahmen überhaupt ableitete. Es war wohl ein iterativer Prozeß, der nicht nur auf Schauungen und astrologischen Berechnungen beruhte, sondern auch auf angelesenem Wissen, Einflüssen anderer Autoren und persönlichen Überlegungen. Die Validität seiner Zeitachse hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von seinem persönlichen Können und seinem eigenen richtigen Verständnis der Schauungen, Astrologie, weltanschaulichen und literarischen Grundlagen. Unter der Voraussetzung, daß er künftige Ereignisse richtig sah und beschrieb, wäre immer noch möglich, daß er sie aufgrund falscher Berechnungen zeitlich falsch einordnete. Es wäre somit möglich, daß wir Vierzeiler auf historische Ereignisse richtig beziehen, wobei Nostradamus eine andere Zeit im Sinn hatte, als sie tatsächlich stattfanden. Ohne die Kenntnis seiner Fehler wäre es also nicht möglich, seine persönliche Chronologie zu rekonstruieren und sie mit dem tatsächlichen Ablauf ins Verhältnis zu setzen.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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