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Märchen, Mythen, Endzeitmythen (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 30. August 2018, 14:07 (vor 870 Tagen) @ Pferdchen1885 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 30. August 2018, 15:05

Hallo, Pferdchen!

Zum "Allgemeingültigen" in Märchen:

Märchen kommt durchaus eine "pädagogische" Funktion zu, weswegen es wichtig ist, sie Kindern zu erzählen, inklusive der gewalttätigen Elemente (Bauch aufschneiden, Hexe in den Ofen).
Ähnlich wie die Todesstrafe und öffentliche Hinrichtungen früher kein Zug primitiver Grausamkeit waren, sondern Zeichen des Waltens einer allgemeine Gerechtigkeit und daß "kein Blut auf dem Land bleibe", sind solche Elemente Symbole der Herstellung einer höheren, allgemein sichtbaren Gerechtigkeit und werden häufig von Autoritätspersonen (Jäger etc.) durchgeführt.
Die Märchen sind durchzogen von menschlichen Archetypen, typischen Lebenskonstellationen und Abwegen, für die es bisweilen ausgefallene und die Sache zu einem guten Ende bringende Lösungen mit tieferer Weisheit gibt. Sie spannen in der Seele ein moralisches und soziales Grundgerüst auf, das allgemeingültig ist, und stellen wohl eine Art geistige Impfung dar.

Sehr töricht wäre es, diese Geschichten konkret aufzufassen und sich z. B. zu fragen, in welchem Königreich wohl Schneewittchen gespielt hätte. ;-) Das ginge an der Ratio der Märchen vorbei.
Andere suchen nach den historischen Camelot, nicht eingedenk, daß es sich auch bei Sagen und Mythen um eine Art "großes Märchen" handelt.
In modernen Varianten werden diese archetypischen Strukturen im "Herrn der Ringe", im "Krieg der Sterne" oder "Matrix" erzählt, die durchaus eschatologische Elemente enthalten.
Die Endzeitmythe ist davon nicht sehr verschieden. Im Gegensatz zu den Mythen, auf die sich andere Völker zurückführen, haben sich die Religionen der magischen Kultur aber einen Gründungsmythos geschaffen, der sich nicht aus der Herkunft ableitet, sondern die Gemeinschaft auf ein in der Zukunft liegendes "Heldenalter" ausrichtet, auf welches hin das spirituelle Leben im wesentlichen bezogen ist. Nur die Rechtgläubigen, die "in Christus leben", werden in dieser Zeit erlöst werden. In Zusammenwirken mit den Glaubenssätzen und Geboten ist das durchaus eine Märchen und Mythen vergleichbare "Lebenshilfe".
Entscheidend ist aber: Die Endzeit darf überhaupt nicht eintreffen, weil sie dann als spirituelle Klammer wegfallen würde. Zugleich muß sie irrational stets in nächster Zukunft dräuen, so daß man die Befolgung der Gebote und Bekehrung zum rechten Glauben nicht mehr auf später aufschieben kann, um sich in der Gegenwart wie Sau zu verhalten. Bestenfalls werden "Gnadenfristen" gewährt, wenn ein Datum nicht eintrifft, um die letzten Sünden abzulösen.

Die Schattenseite ist, daß mit den Prophezeiungen eine Reihe Vorzeichen transportiert wird (z. B. Antichrist im äußersten Rußland geboren o. ä.), die aber aber ebenso irreal und ohne Entsprechung in der konkreten Welt sind wie die böse Stiefmutter bei Schneewittchen. Diese Vorzeichen sind auch gar nicht dazu gedacht, in der Welt verifiziert und als Strichliste des Eintreffens abgehakt zu werden, sondern um dem Zuhörer zu verstehen zu geben, daß die Zeit dränge und er mit sich in die Pötte kommen müsse, weil die Helden- und Antihelden der Endzeit bereits irgendwo auf Erden wandelten.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Alles, was tief ist, liebt die Maske.“


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