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Natürliche Gefühle verurteilen... (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 12. März 2018, 11:45 (vor 196 Tagen) @ Fenrizwolf1352 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Montag, 12. März 2018, 11:57

Hallo!

Wie stets, wenn man sich verstandesmäßig mit Gefühlen auseinandersetzt (wobei man dabei mehr an die flüchtige Erregtheit denkt), beschäftigt man sich nicht mit dem Ding an sich, sondern einer abstrakten, immer irgendwie verqueren Konzeption dessen. Da man den Gegenstand seines Sinnierens in diesem Augenblick nicht fühlt, sind auch die Schlüsse darüber recht verkopft und verallgemeinernd.

So ist die saubere Trennung zwischen Liebe, Haß und Wut mehr eine begriffliche, die sich in der konkreten Erfahrung nicht durchgängig vollziehen läßt und dem Betroffen in der Regel auch egal ist. Ein wesentlicher Unterschied scheint mir zu sein, daß Haß und Liebe im Gegensatz zu Wut (und Verliebtheit) die größere Dauer aufweisen und tiefer in der Seele wurzeln.
Das ist auch nötig, da ohne diesen Motivator (Emotion von "emovere", "in Bewegung setzen") vom Menschen auf allein rationaler Grundlage wenig nur vollbracht werden würde.

Das Problem, wenn man mit einer vorgedachten Konzeption an die Sache herangeht, liegt darin, daß man schon mit einem Schritt in der Neurose steht, wenn man sein Gefühlsleben nach verkopften moralischen Vorgaben als gut oder böse bewertet. Selbstbetrug, weitere schädliche Gefühlsregungen und Handlungsblockaden sind die Folge.

Wie jede Naturerscheinung sind auch Gefühle nicht per se gut oder schlecht bzw. böse. Das menschliche Urteil ist es!
Etymologisch scheint Haß wohl mit "hetzen" verwandt zu sein, so daß die Ausgangsbedeutung mehr "feindselige Verfolung" war. Darin zeigt sich der Sinn des Ganzen. Während aus Liebe die Sorge um das Geliebte und dessen Erhalt folgen, zielt Haß auf die Entfernung dessen, was dem Geliebten schadet, in klassischer Unterscheidung also dem Feinde. Dem entsprechend ist Haß der Motivator, der als notwendiges und sinnvolles Komplement zur Liebe zusammen mit dieser dem Erhalt der eigenen Gruppe dient (von der Familie bis zum Vaterland).

Die heutige gesellschaftliche Diskussion über Haß, Haßverbrechen, Fremdenhaß usw. zeigt nur das zutiefst gestörte Verhältnis der Europäer zu ihren eigenen Seelenregungen. Es ist die zivilisatorische Lebensschwäche und Selbstentfremdung, Wehrlosigkeit und Feigheit, nicht zuletzt die Angst vor der eigenen Macht und dem eigenen Schatten, die zu pazifistischen Weltanschauungen, moralisierenden Aburteilungen des Hasses (und als Gegenstück romantischem Hochstilisieren der Liebe) und aus gerade diesen Gründen zum Selbsthaß führen. Natürliche, gottgegebene menschliche Wesenszüge lassen sich nicht ausmerzen oder schadlos unterdrücken.

Den Haß geschehen zu lassen und auf das zu richten, was einem schadet, wäre ein Zeichen der Gesundung. Das zu unterlassen, führt wohl dazu, daß man auch nicht lieben kann. Man wird zu einem handlungsunfähigen Seelenkrüppel, der das Lebensnotwendige nicht tun kann.

Eine Diskussion im Forum über Gefühle läßt einerseits befürchten, daß aufgrund der Unschärfe jeder ein etwas anderes Verständnis der Begriffe "Liebe", "Haß" usw. hat und systematisch aneinander vorbeigesprochen wird, und anderereits, daß die Beteiligten jeweils ihren eigenen Anteil an der faustischen Seelenkrankheit hineintragen und versuchen, ja nicht als böser Mensch dazustehen, sondern vielmehr als gut und gerecht (letztlich natürlich selbstgerecht), andere belehrend.

Zudem ist damit zu rechnen, daß irgendjemand wenigstens in den eigenen Gedanken mit Jesus, Nächstenliebe usw. daherkommt. Dem ist entgegenzuhalten, was ich neulich bei Jordan Peterson gefunden habe:
Jene Stelle aus der Bergpredigt (Matthäus 5,5) wird wohl seit langer Zeit schon falsch übersetzt: "Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen."
Das originale altgriechische Wort "πραεις"/"praeis" hatte in seiner ursprünglichen Bedeutung (siehe den Hinweis auf Aristoteles) mehr den Sinn "gewaltbereit, aber seine Leidenschaften unter Kontrolle habend". Dem entspricht umgekehrt die Fähigkeit, im Falle der Fälle durchaus gewalttätig zu sein, wozu natürlich der entsprechende emotionale Antrieb gehört, ohne welchen man den Schwertstreich nicht bis zum notwendigen Ende durchzieht (aber auch nicht weiter als nötig).
Zur Gesundung gehört freilich auch, die Religion geradezurücken und irrigen Auslegungen, die nur der Rechtfertigung der eigenen Schwäche dienen, die Grundlage zu entziehen.
Die Tugend ist nicht Sanftmut/Haßlosigkeit, sondern Kontrolle bzw. Mäßigung. Es gibt kein Gefühl, das einen zwingt, etwas zu tun. Man kann sich stets innerlich distanzieren und eine Entscheidung treffen. Somit sind Gefühle auch nicht die Ursache des Handelns und haben nicht mit dem "ethischen Kern" zu tun, an dem der Mensch karmisch gemessen wird. Von dort, nicht vom Haß kommt das Verbrechen.

Gruß
Taurec

(Als allgemeine Antwort auf den Faden, nicht speziell auf Fenrizwolf, an die erste Ebene gehängt.)


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