Avatar

Eher ein gutgläubiger Geschichtenerzähler? (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 10.07.2017, 09:24 (vor 1382 Tagen) @ IFan (2810 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Freitag, 01.09.2017, 08:13

Hallo!

wenn man Kritik an Irlmaier (und in dessen Gefolge Adlmaier) liest, steckt dahinter gelegentlich ein Ton von "das war ein Betrüger, das hat der absichtlich gemacht, in voller Kenntnis dessen, was er tat, der war regelrecht bösartig!".

Es geht hier eigentlich nur um die Texte Adlmaiers und (in deren Anhang) einen ganzen Schwall Zeitungsartikel, die während des Irlmaierhypes veröffentlicht wurden.

Aus diesen Texten geht noch nicht mal hervor, wann (Datum) Irlmaier was (genauer Inhalt) gesehen haben soll, was die Mindestanforderung einer validen Schauungsdokumentation wäre. Daraus würde auch hervorgehen, in welchen Umständen (im Traum, nach dem Aufwachen, im Alltag?) er die angeblichen Schauungen erlebt haben soll.
Statt dessen haben wir ein Konglomerat aus Behauptungen und Aussagen, die teils deutlich auf älteren Vorlagen beruhen. Adlmaier hatte gewiß die Idee der Vermarktung Irlmaiers und besorgte Literatur, entwarf die Texte etc., so daß der Schwerpunkt der "verbrecherischen Energie" wohl bei ihm anzusiedeln ist. Irlmaier hat diese Aussagen aber bereitwillig angenommen und weitererzählt, wahrscheinlich in dem guten Gewissen, daß es sich ja inhaltlich um echte Zukunftsaussagen handele, auch wenn diese nicht auf eigenen Schauungen basieren, sondern älteren Prophezeiungen.

Dies scheint mir nebenbei eine gängige Denkweise in Frömmlerkreisen zu sein, daß man auf Quellenkritik und Authentizität scheißt, während man alles annimmt, glaubt und propagiert, was zum eigenen Weltbild paßt. "Echtheit" bestimmt sich dort daran, ob etwas zu den subjektiven Glaubensauffassungen paßt.

Insofern hat sich Irlmaier zumindest mitschuldig gemacht, allerdings nicht unbedingt wider besseres Wissen. Sollte er etwas geahnt haben, war es ihm wenigstens gleichgültig. Im Grunde ist die Fälschung von Prophezeiungen ein minderschweres Delikt, das noch nicht mal an Irlmaiers ältere Betrügereien aus Geldnöten heranreicht. Man sollte das, nur weil es unser Thema ist, nicht überhöht wahrnehmen.

Wenn man also über eine mögliche Inselbegabung Irlmaiers diskutiert, kann diese Diskussion sich nur auf die ohne Zweifel echten übersinnlichen Wahrnehmungen Irlmaiers im persönlichen Bereich beziehen: Wasseradern/Mineralien erspüren, Hellsehen und Präkognition zu einzelnen Individuen.
Mit solchen Theorien einen Beitrag zur Rettung seiner angeblichen Schauungen zum Weltgeschehen liefern zu wollen, ginge ins Leere, weil für diese noch nicht mal die quellenkundlichen Grundvoraussetzungen erfüllt sind, um vom Vorliegen echter Schauungen auszugehen.
Es wäre einer der üblichen glaubensmäßigen Zirkelschlüsse, die von der Echtheit pauschal ausgehen, woraufhin, ohne diese Echtheit hinterfragen zu können, darüber diskutiert wird und Theorien konstruiert werden, die lediglich einen unbewiesenen Glaubenssatz durch weitere Annahmen weiter ausgestalten und subjektiv glaubwürdiger machen, den Kern des Problems, daß die Grundannahme (echte Schauungen zum Weltgeschehen) schon nicht nachgewiesen ist, aber weit verfehlen.

Irlmaier war einmal mehrere Tage verschüttet; vielleicht - wahrscheinlich sogar - hat das bei ihm eine psychische Störung verursacht. (Die sich auch in der "Hardware", also im Gehirn, niedergeschlagen haben könnte.) Es könnte also sein, dass er unter besonderen Umständen Erinnerungen aufrufen konnte, bei denen er sich nicht bewusst war, dass es Erinnerungen waren. Er hat sie in dem Moment als Schauungen empfunden.

Das würde immerhin die Möglichkeit eröffnen, daß Irlmaier angelesene Prophezeiungen, Bibelphantasien und Vorstellungen, die ihm aus diversen Quellen zukamen, als scheinbare Schauung wiederkehrten. Der Faktor Adlmaier wird dabei aber ausgeblendet. Dieser hat die Texte ja konstruiert, wobei sie teils eindeutig Plagiate sind, beispielsweise wenn in späteren Auflagen plötzlich Elemente der Feldpostbriefe vorkommen, nachdem diese von Frumentius veröffentlicht worden waren. An solchen Stellen hat Irlmaier mit absoluter Sicherheit nichts gesehen, und davon ausgehend wohl auch an keiner anderen.

Dass die ganzen Berichte von Kriegsgefangenen, Kriminalfällen und teilweise auch Voraussagen (siehe hier und hier) alle erstunken und erlogen sind, will sich mir nicht recht erschließen.

Das hat auch keiner behauptet. Ich unterstelle Adlmaier aber, daß er diese Berichte nachredigiert hat, so daß sie wohl nicht gänzlich der Wahrheit entsprechen (Wer einmal lügt...). Die von Adlmaier unabhängigen Zeitzeugenberichte von Leuten, denen Irlmaier etwas Persönliches voraussagte, bestätigen seine Gabe allerdings.

Aber dass das immer böse Absicht gewesen ist, er sich dessen stets voll bewusst war - das bezweifle ich.

Irlmaier bewegte sich im Grunde in einer geistigen Strömung, welche die "Prophezeiungsszene" bis heute trägt, in der gutgläubig, aber ohne echtes kritisches Hinterfragen grundsätzlich erstmal alles als wahr angenommen wird. Es läßt sich den Leuten (Autoren, Forenschreiber) nicht generell zum Vorwurf machen. Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, will man auch, daß etwas daran ist. Man geht mit dem Elan an die Angelegenheiten heran, daß man etwas wirklich Großes in Händen hielte. Bei genauerem Hinsehen würde sich allerdings herausstellen, daß weit mehr als neun Zehntel der Veröffentlichungen nur die Ausflüsse einer sich selbst reproduzierenden Vorstellungswelt sind, und nur recht wenige echte Schauungen vorliegen. Qualitativ ist an dem Thema zwar etwas, quantitativ ist der Großteil aber für die Tonne, was dem freudigen Elan einen Dämpfer versetzen und die Beschäftigung mit dem Thema anstrengend machen würde, weil man erheblichen Forschungsaufwand veranstalten müßte, um die wenigen Goldkörner herauszufinden.

Ein Glück, daß es Frömmler und Gutgläubige unterschiedlichen Grades gibt, die gegen die Vorstellung, daß Fälschungen überhaupt existieren, immun sind. :ok2:
(Ich meine, solche Denkstrukturen sind eine Folge dessen, daß man ein Buch, also einen materiellen, von Menschen geschriebenen und hinterfragbaren Gegenstand ins Zentrum seiner Religion rückt, die eigentlich auf Immaterielles abzielt. Um diese Krücke vor Zweifeln zu schützen, schiebt man intellektuelle Riegel vor, die Hinterfragen moralisch verbieten. Natürlich neigt diese Denkfigur dazu, auch in andere Bereiche überzugreifen, da sie zum Lebensgesetz erhoben wird, allein schon um nicht ins Bewußtsein zu dringen, indem erkennbar mit zweierlei Maß gemessen werden würde. Folglich können "Frömmler" auch Prophezeiungen nicht hinterfragen, die ihr biblisches Bild bedienen.)
Manche sind gar der Ansicht, daß getrost auch erwiesene Fälschungen weitererzählt werden können, wenn der Inhalt wahr ist, da dies ja (auch die Intention des Fälschers) der Verbreitung der Wahrheit dienen würde. Das ist wieder der von mir oben und schon mehrmals beschriebene Zirkelschluß des Frömmlertums, in dem Dinge um ihrer selbst willen geglaubt werden.

Irlmaier unterstelle ich keine böse Absicht. Solche wertenden Unterstellungen wären auch hinsichtlich der Frage der Echtheit/Gefälschtheit eines Textes sinnlos, da sie zu dessen Zusammensetzung keine Informationen liefern. Anzunehmen ist, daß er selbst an das glaubte, was er erzählte, und somit zu den Unglücklichen gehörte, die sich selbst etwas vormachen. Seit jeher werden in der Prophezeiungsliteratur Aussagen veröffentlicht, ohne daß eine Quellenkritik stattfände. Der Grundeindruck und die Grundannahme sind, daß es sich um echte Personen handele, die echte Voraussagen gemacht hätten. Hinterfragen und Quellenkritik waren und sind bei Autoren und Lesern die Ausnahme (Ausnahmen z. B. Hübschers "Die große Weissagung" uns Henselers "Spielbähn" von 1950/52). Die Mehrheit der Autoren und Leser entstammen einem christlichen Milieu, in dem oft "frömmelnd" gedacht wird, so daß die Leute sich ihrer Irrtümer oft gar nicht gewahr werden. Da Irlmaier keine intellektuelle Ausrichtung hatte, sich selbst der möglichen Entstehungshintergründe der Prophezeiungen, die ihm bekannt wurden, nicht klar war, kann man ihm nicht Handeln wider besseres Wissen unterstellen.
Adlmaier unterstelle ich indes, daß er nicht redlich war und Irlmaier benutzte, um eine Geschichte zu erzählen, einen lokalen Mythos zu schaffen und selbst daran zu gewinnen. An irgendeiner Stelle muß jemand in dem Wissen, daß er einer Person Schauungen andichtet, gehandelt haben.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


Gesamter Strang: