komplett OT: die Berufung Mohammeds (Schauungen & Prophezeiungen)

Sagitta @, Donnerstag, 23.03.2017, 20:18 (vor 1510 Tagen) @ Phoebus (1954 Aufrufe)

Guten Abend!

Buddha hatte seine Vision unter einem Feigenbaum (in Bodhgaya, Ostindien). Jesus am Jordan bei der Taufe durch Johannes. Zarathustra schöpfte gerade Wasser aus dem Fluss, als ihn der Engel VOHU MANAH ansprach, eine hell leuchtende Gestalt, neunmal so groß wie ein Mann. Der Taoismus, die originale Volksreligion das alten China, geht auf die wu/fangshi-Leute zurück, die man als Schamanen bezeichnen müsste: Praktiker im Hervorrufen von Schauungen und anderen (okkulten) Phänomenen. Der tibetanische Buddhismus ist ebenfalls stark von diesen urtümlichen Praktiken (Bön) durchsetzt. Für die alten Griechen hatte ich Apoll als Vater der Wahrsagekunst in einem meiner letzten Beiträge beispielhaft erwähnt.

Ich will somit ausdrücken, dass am Anfang von religiösen Bewegungen fast durchweg Schauungen eine Rolle spielen, auch in der Neuzeit noch (Swedenborgianer; George Fox -> Quäker; Joseph Smith -> Mormonen usw.). Man sollte das einfach zu Kenntnis nehmen und darüber sich nicht endlos aufregen, denn das ist ein Teil der (leidenden) menschlichen Natur. Ob und wie es einem Visionär dann gelingt, Anhänger zu finden und eine Glaubensgemeinschaft zu bilden, hängt weniger von seiner Vision als von anderen Eigenschaften des Visionärs sowie von vielen Zeitumständen ab - ja eigentlich ist es allein eine Funktion der Zeit. Auch schon die Vision. Doch ist das eine Sache, die noch weiter außerhalb des Forumsthemas liegt.

Ich will nun die Berufung Mohammeds ein wenig im Detail schildern, weil ich gerne die Vision von Phoebus kommentieren würde (in einem Folgebeitrag), doch will ich dabei auf das Beispiel Mohammeds zurückverweisen. Ist also eine Vorarbeit, was ich hier bringe.

Mohammed hat sich regelmäßig fastend und betend in eine Berghöhle ein paar Kilometer nordöstlich von Mekka zurückgezogen (entspricht dem Ausklinken aus dem Alltag, das ich immer wieder erwähne). In seinem vermutlich vierzigsten Jahr trat während solch einem Eremiten-Urlaub dann eine auffällige Serie von Wahrträumen auf (vermutlich also Präkognitionen), die morgendlich kurz vor dem Aufwachen zu ihm kamen, aber deren Inhalt wir nicht mehr kennen. Diese Serie gipfelte in einer großen Vision, in der er einen 'Engel' sah, der ihn gewalttätig aufforderte, etwas zu lesen (genaugenommen hieß Lesen damals laut vortragen, deswegen in den Übersetzungen oft: trage vor!). Mohammed war Analphabet und konnte/wollte nicht. Beim vierten Male sprach der Engel ihm den Text vor, und Mohammed wiederholte ihn (die spätere Sure 96, Verse 1-5). Als Mohammed von dieser Vision 'erwachte' und ins Freie trat, stand die Gestalt aus der Vision erneut vor ihm, und zwar in kosmischer Größe, ein geflügelter Mann, die Füße am Horizont, und das Haupt weit in den Himmel ragend. In welche Richtung sich Mohammed auch drehte, immer sah er diesen Riesen, der ihm zurief: Du bist der Lobenswerte (=Mohammed), der von Gott Vortragende (=Prophet).

Nachdem Qasim, so der 'bürgerliche' Vorname 'Mohammeds', sich gefasst hatte, schleppte er sich nach Hause, aber zitterte noch ständig (er war vermutlich ohnehin Epileptiker; der Name der Quäker übrigens kommt vom englischen Wort für 'Zitterer', also von jenem Trancezustand, der vor den Visionen eintritt). Seine Frau wickelte ihn in eine Decke, und ließ ihn dann alleine, um sich mit ihrem Vetter Waraqa ibn Naufal zu beraten, der sich den Ebioniten angeschlossen hatte, also quasi ein Judenchrist war (mit aramäischem bzw. hebräischem Neuem Testament). Waraqa hatte die Entwicklung Mohammeds von Kind an beobachtet; er und seine 'Kollegen' (Hanifen) hatten die Entwicklung des auffälligen Qasim wohl beeinflusst und gefördert (etwa durch die Ermutigung zum phasenweisen eremitischen Rückzug vom Alltag; auch scheinen viele Gebetsformeln und liturgische Elemente im Koran auf ein syrisches Christentum zurückzugehen; ich habe darüber schon mal geschrieben, bitte Suchfunktion benutzen: Pella).

Sehr wahrscheinlich stammt von Waraqa auch der Hinweis, dass der Mann in der Vision der Engel Gabriel gewesen sei. Das heißt, Waraqa interpretierte für Mohammed und seine Frau die Vision und gab beiden eine religiöse Einordnung (auf der Basis seines eigenen judenchristlichen Glaubens). Er sagte, dass der Engel der gleiche gewesen wäre, der zu Mose gesprochen hätte. Wenn Mohammed in diesem frühen Stadium öffentlich über seine Erfahrungen etwas gesagt hätte, wäre er sicherlich für krank, für verrückt, bestenfalls für einen 'Dichter-Besessenen' erklärt worden (was ihm später trotzdem noch widerfahren ist). Waraqa gab den beiden außerdem verschiedene Anleitungen, wie sie mit dem visionären Zustand, wenn er eintrat, umgehen sollten. Ein Beispiel dazu folgt nachstehend. Waraqua starb (leider) bald nach den ersten Visionen Mohammeds, der damit ganz sich selbst (und seiner inneren Führung) überlassen blieb. Die Visionen gingen zunächst etwas zurück und blieben schließlich ganz aus. Dies stürzte Mohammed so sehr in Verzweiflung, dass er sogar an Selbstmord dachte. Man vermutet, dass diese (von anderen Mystikern mit gleicher Erfahrung auch als Zeit der 'Trockenheit' bezeichnete) Phase bei Mohmmed etwa 3 Jahre dauerte.

Danach stellten sich die Visionen/Auditionen wieder ein, meist in Form von Anfällen, bei denen er eine Stimme hörte, die ihm allgemeine ethisch-religiöse oder auch fallbezogene (vor allem später in Medina) Anweisungen und Lehren gab. Die erste Eingebung nach dieser 'Sendepause' war die trostvolle Sure 93:

Bei dem Morgen! Und bei der Nacht, wenn sie still ist! Dein Herr hat sich nicht von dir verabschiedet und Er hasst dich nicht. Und das Jenseits ist wahrlich besser für dich als das Diesseits. Und dein Herr wird dir gewiss geben, und du wirst zufrieden sein. Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dich untergebracht, dich irrend gefunden und rechtgeleitet, dich bedürftig gefunden und dich reich gemacht?

Um die anfänglichen Visionen, die offenbar sehr 'penetrant' waren, zu vertreiben, griff seine Frau Chadidscha zu folgendem Mittel: sie zog ihn zu sich heran und ließ ihn auf ihr Geschlecht blicken. Diese Anekdote gibt es in zwei gesicherten Bezeugungen (Isnad/Hadith) aus der Familie selbst, so dass man davon ausgehen kann, dass sie wahr ist.

Es gibt eine Menge weiterer hochinteressanter Details im Umfeld der Berufung und der nachfolgenden Entwicklung Mohammeds, die 'religionsphänomenologisch' bzw. schauungstechnisch gesehen auffällig sind. Beispielsweise kennt man in der Parapsychologie das Phänomen der Levitation (in voller Ausprägung die Begleiterscheinung eines Trancezustandes, bekanntestes Beispiel ist Josef von Copertino *). Weniger bekannt ist, dass es aber auch den gegenteiligen Effekt gibt. Von Mohammed hat man drei oder vier Bezeugungen, dass er während eines Anfalles gewichtsmässig deutlich schwerer wurde (Beobachtung von Personen, die ihn bei seinen Anfällen stützen wollten).

So viel mal für heute.

Sagitta

*) Michael Grosso, The Man Who Could Fly, St.Joseph of Copertino and the Mystery of Levitation (Lanham/ML/USA) 2016

Nachtrag: zur Berufung Mohammeds gibt es 5 Bezeugungen/Versionen, die nicht allzu stark von einander abweichen. Am zugänglichsten ist das "Leben Mohammeds nach Ibn Ishak in der Bearbeitung von Abd el Malik ibn Hischam" übersetzt von Gustav Weill (1864), Volltext im Internet.


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