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Kritik & Religion (Freie Themen)

Taurec ⌂ @, München, Dienstag, 13.12.2016, 20:13 (vor 1610 Tagen) @ Tribun (4135 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Dienstag, 13.12.2016, 20:20

Hallo!

Nur persönlich hat keiner aus dem WW Forum ihn bisher kennen gelernt.

Das stimmt nicht. BB hat Dir immerhin den Kontakt zum Bauern vermittelt, der ihn schon vorher kannte.

Nicht zuletzt hast Du nicht verstanden, daß das Problem gar nicht primär der Bauer aus Selb war, sondern Deine Dokumentation seiner Aussagen, die eher darauf gerichtet ist, alles zu glauben, statt bei Unsicherheiten nachzuhaken und herauszufinden, was er wirklich gesehen hat. Mit derselben Haltung verfährst Du bei anderen Quellen weiter. Letztlich hast Du dem öffentlichen Bild des Bauern damit geschadet, weil wir nun ein paar Aussagen mit zweifelhaftem Hintergrund mehr haben, während ein klareres Bild zu bekommen einstweilen unmöglich ist.

Was Du als Zerreden mißverstehst, ist das standardmäßige Nachprüfen, um auf stabiles Fundament zu stoßen. Es geht dabei nicht darum, Wissenschaft gegen Religion auszuspielen und Transzendierendes in Nihilismus aufzulösen. Man kann diese Forderung durchaus in ein christliches Weltbild einordnen, wenn man sich an den 1. Thessalonicher, Kapitel 5 hält:
"Den Geist dämpfet nicht, die Weissagung verachtet nicht; prüfet aber alles, und das Gute behaltet. Meidet allen bösen Schein."

Es ist sicher nicht zielführend, das ganze Weltenwendeforum in einen Topf zu schmeißen und von "uns" zu sprechen als wären wir (also alle Schreiber und Mitleser/Gelegenheitsschreiber) ein Block, der dieselbe Meinung teilte. Das meinte ich u. a., als ich schrieb: "Ich will nicht die Foren gegeneinander ausspielen, indem man übereinander herzieht (was nicht heißt, daß Du das getan hättest), und die Leute damit quasi zu einer Entscheidung für eine der beiden Seiten nötigen."
Nun bildest Du Blöcke, um Front zu machen.

Nun ein paar allgemeine Ausführungen, auch als Antwort auf andere Gedanken dieses Fadens:

Ich vermute, daß es eine bestimmte Art Gläubiger gibt, die sich aus Mangel an ursprünglicher Religiosität von den irrationalen Aspekten der Religion erst vehement nach dem Motto "credo quia absurdum est" selbst überzeugen mußten. Grundlage dessen ist wohl, daß es sich in der Tat um moderne Rationalisten handelt, die eigentlich eines Beweises bedürften. Diese kognitive Dissonanz wird aufgelöst, indem man schlichtweg um so fester und unbeirrbarer glaubt, und zwar auch in Bereichen des Lebens, die der Vernunft durchaus zugänglich wären wie z. B. der Quellenforschung. Man kann ja nicht durchgängig mit zweierlei Maß messen, sondern ist bestrebt, sein verstandesgeleitetes Weltbild konsistent zu halten. Folglich kommt dieselbe verstockte Leichtgläubigkeit überall zur Anwendung.
Das ist die Grundlage dessen, was Spengler die "zweite Religiosität" nannte, die nur ein verhärtetes Echo der ersten Religiosität ist, welche noch voll kindlicher Unbedarftheit die göttliche Natur der Welt als gegeben annahm. Man vergißt zu leicht, daß die Bibel von der erdrückenden Mehrheit der Christen früherer Jahrhunderte überhaupt nie gelesen wurde, während Vertreter dieser Zunft heutzutage stets bestrebt sind, alles Glaubensmäßige mit der Bibel oder anderen kristallisierten (also toten) religiösen Schriftwerken zu begründen. Mit solchen ist auch schlecht zu diskutieren, da sie einander und sich selbst bestätigen und dessen versichern wollen, was sie zu glauben sich auferlegt haben. Sollte es in Zukunft zu einer Renaissance des Christentums kommen, läuft dies unter den gegenwärtigen Voraussetzungen Gefahr, zu einem ähnlich geistfeindlichen, das ganze Leben ritualisiert durchstrukturierenden starren Gebilde zu werden wie der Islam.

Tatsächlich ist die Möglichkeit/Wahrscheinlichkeit, daß sich alles noch Jahrzehnte hinziehen könnte, ein berechtigter Aspekt des Themas, der unbedingt bedacht werden sollte. Daß die Welt in ihrer momentanen Form (oder Formlosigkeit) nicht verweilen kann und ein massiver Umsturz unvermeidlich ist, kann nur von entweder völlig Uninteressierten oder fanatischen Fortschrittsphilistern in Abrede gestellt werden.
Tritt man einen Schritt zurück, läßt sich vielmehr feststellen: Der Umsturz ist schon längst im Gange. Die traditionelle Welt, die Jahrtausende währte, ist bis auf Restbestände aufgelöst. Wir befinden uns in einem Durchgangsstadium, in dem der ganze Planet im Chaos versinkt, aus dem sich neue Ordnungen erst bilden müssen. Unsere Zeit ist der Krach! Der Tiefstpunkt ist aber noch längst nicht erreicht. Den haben wir, wenn unsere körperliche Existenz massenhaft in Frage gestellt wird. Bis dahin werden wir noch Grade des Verfalls sehen, die wir gar nicht für möglich halten. Von wegen "alles bleibt beim Alten".
Ich vermute, der Abriß muß so tief gehen, daß die Menschen Lesen und Schreiben verlernen sowie alle kulturellen Erzeugnisse und historischen Daten schlichtweg vergessen. Die Nachfahren der Überlebenden müssen an unsere Zeit ähnlich zurückdenken wie wir an Atlantis: voller Zweifel, ob es überhaupt existiert hat. Anders als auf einer völlig planen Grundlage ist ein seelischer Neustart nicht möglich. Dazu gehört ein Löschen des kulturellen Gedächtnisses. Das ist nichts anderes als die Übertragung des Prinzips der Reinkarnation (ohne Erinnerung an Vorleben) von der individuellen auf die kollektive Ebene. Bewußtes Vorwissen würde die Entwicklung behindern.
Diese notwendige Vollständigkeit der Auflösung bedingt aber, daß es nicht bereits nächstes Jahr oder in zehn Jahren soweit ist, daß alles wieder besser wird. Dieser Kelch ist noch nicht zur Neige geleert. Die Prinzipien, nach denen die moderne Welt sich entwickelt, haben sich noch nicht bis zur Erschöpfung ausgelebt. Theorien, die nur Teilaspekte betrachten und beispielsweise die Welt vom Gelde her denkend als von der Wirtschaft angetrieben vorstellen, greifen zu kurz und müssen prognostisch scheitern. Das ist der Grund, warum z. B. Paul C. Martin falsch lag, obwohl er mit der Analyse seines Bereiches richtig liegt.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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