Fachsimpelei: Irlmaier (Schauungen & Prophezeiungen)

randomizer @, Donnerstag, 29.09.2016, 22:44 (vor 1842 Tagen) @ Sagitta (4978 Aufrufe)

Hallo Sagitta!

Es wird dort u.a. nochmals herausgestellt, dass er fast bis zur körperlich-seelischen Erschöpfung die vor seinem Haus Schlange stehenden und Hilfe suchenden Menschen angenommen hat (übrigens auch wegen medizinischer Diagnosen, da er mit den Händen, wenn er sie über den Körper führte, Problemzonen erkennen konnte).

Seine Hellsichtigkeit, auch in die Vergangenheit *) und in die Zukunft, ist absolut unstreitig anerkannt gewesen [...]

Das konnte ich hier 2012 bereits relativieren:

"Irlmaiers Parawissen (Telepathie etc.) ist dort unstrittig, wo es sich um Wissen über Vergangenes bzw. Gegenwärtiges des Klienten handelte. Dabei erreichte er mehrmals überdurchschnittlich gute Ergebnisse (die seinerzeit kursierenden Hausfrauen-Tratsch-Anekdoten über Irlmaier wurden aber auch gerne ausgeschmückt, übertrieben oder gänzlich erfunden, sogar Irlmaiers Ortspfarrer, Dekan Markus Westenthanner sah sich Mitte 1950 genötigt, diese ausufernde Legendenbildung um Irlmaier in einem eigenen Aritkel zu kritisieren).

Sobald es sich um Zukünftiges handelte, sank Irlmaiers Erfolgsquote jedoch gegen Null (siehe z.B. Kufsteiner-Broschüre 1950, wobei ich da gar nicht so streng bin angesichts der Umstände).

Es ist keineswegs zwingend, dass jemand mit telepathischem [und/oder paramedizinischem] Talent automatisch auch korrekte Vorhersagen über die Zukunft der Welt leisten kann: das sind doch noch unterschiedliche Qualitäten von "Wundern", meine ich.
"

Gegen die (von Journalisten) allgemein verbreiteten Kriegs- und Katastrophenprophezeiungen hat er sich verwahrt und sich von ihnen distanziert.

Er hat sich von dem Rummel um ihn distanziert und von so manchem Wortlaut, das verbreitete Szenario (zumindest bei Adlmaier) entsprach aber ansonsten wohl weitgehend Irlmaiers Vorstellungen von der nahen Zukunft.

Adlmaier scheint anfänglich eine Autorisierung gehabt zu haben, jedoch war Irlmaiers Verhältnis zu ihm in späteren Jahren "gestört".

Richtig, aber vielleicht auch andersherum: mein Eindruck ist, daß sich eher Adlmaier (so ab Mitte 1950) von Irlmaier distanzierte, mutmaßlich, weil er Irlmaiers Plagiaten auf die Schliche kam. Ich vermute, bis Mitte 1950 teilte Adlmaier noch Irlmaiers Naherwartung, später überwog dann wohl eher das kommerzielle Interesse bzw. die inzwischen beachtliche Lesernachfrage, die er mit der zweiten (1955) und dritten Auflage (1961) gerne bediente.

In oben erwähnten Artikel wird N.Backmund zitiert, der bei einem Besuch Irlmaiers ihm ein Heftchen über den Mühlhiasl gezeigt habe, worauf Irlmaier geantwortet habe, dass er die Mühlhiasl-Geschichten gar nicht kenne.

Selbst falls Irlmaier zuvor keine Gelegenheit hatte, den Waldpropheten aus einer Broschüre (Kirmayer 1949) oder einem Zeitungsartikel (diverse 1949) zu kennen, so nahm er allerspätestens Anfang 1950 vom Mühlhiasl Notiz, als Adlmaiers "Blick in die Zukunft" auflagenstark erschien.

Der Autor des Artikel stellt die Überlegung an, ob die Katastrophengesichte Irlmaiers (die grundsätzlich zunächst als valide aktzeptiert werden) nicht vielleicht dadurch zustandekamen, dass Irlmaier in jene teils kollektiven, teils krankhaft individuellen Katastrophenängste und -phantasien eingetaucht sei, eben auf seinem eigenen hellsichtigen Weg, von denen Du hier einige zitiert und eingestellt hast und die phasenweise und seuchenartig durch die Weltgeschichte wehen.

Ich selbst sehe das nicht so, allenfalls nur teilweise. Derartige Ängste hat er aufgrund seiner Hellsichtigkeit sehr wohl in den Gedanken derjenigen, die ihm Fragen gestellt haben, gesehen. Ich bin mir aber sicher, dass er darüber hinausgehend (vielleicht auch von solchen Gedanken angestoßen?) eigene Schauungen hatte, die sehr konkret und realistisch waren - die er aber oft selbst nicht verstanden hat, weil es sich um fremdartige Dinge handelte.

Irlmaiers Klienten induzierten also die unnötigen Ängste, falschen Zukunftserwartungen und darüber hinaus sogar den Wortlaut älterer Prophezeiungstexte und verseuchten damit Irlmaiers heilige eigene Schauungen? Ziemlich paranormal, da liegt doch die Annahme viel näher, Irlmaier hätte die vermeintlichen Vorlagen einfach selbst gelesen, statt sie telepathisch von literaten Klienten zu empfangen.

Worauf ich hinaus will: ich bitte Dich, im Fortgang Deiner Recherchen zu Irlmaier nicht von vorneherein von der These auszugehen, dass er ein Fälscher und Betrüger war, wie hier auf dem Forum von manchen angenommen wird **). Gib ihm vielmehr die Chance, dass er eigene Schauungen gehabt haben könnte, und mach den Versuch, diese gegebenenfalls zu identifizieren.

Da mach Dir mal keine Sorgen: der grundsätzliche Ehrgeiz, Irlmaier zu entzaubern, raubt mir ja nicht meine philologische Objektivität. Wenn gegen Irlmaier zu Unrecht argumentiert oder polemisiert wird, nehme ich diesen gelegentlich sogar in Schutz, z.B. hier, oder hier:
"Diese privaten Probleme würde ich nicht überbewerten; zur Irlmaier-Kritik taugen nur die harten Fakten: nämlich dessen Vorlagen."

[...] Er sagt aber in einer der Quellen, dass er es nicht wirklich weiß. doch es kommt hier zur Unterscheidung die Dreizahl ins Spiel. Sie geht sehr wahrscheinlich auf ein Element in der originalen Schau zurück, das aber auch Irlmaier nicht verstanden hat.

Schlechtes Beispiel, die Dreizahl kommt doch bei Irlmaier ständig vor, das ist kein Indiz für die Echtheit seiner Prophetien, sondern ganz im Gegenteil eher höchstverdächtig, siehe die theologische Fachliteratur, am besten hier:
Mayer, Rudolf: Die Dreizahl als Stilmittel in den Schriften der alttestamentlichen Propheten. Regensburg 1956

Genug für heute, viele Grüße!
randomizer


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