Der Anker (Schauungen & Prophezeiungen)

Sagitta @, Dienstag, 16.08.2016, 22:04 (vor 1886 Tagen) @ Taurec (3404 Aufrufe)

Hallo Taurec, vielen Dank für Deine Überlegungen!

Ich traue Nostradamus so wenig über den Weg, dass ich seine Aussagen über astronomische Berechnungen wie auch zur Astrologie generell anzweifle - vielleicht waren sind auch sie nur Desinformation. Aber gehen wir mal davon aus, es stimmt, was er sagt.

Dann haben wir folgende Erklärungsnot: Wir brauchen innerhalb seiner Schauungen (offenbar hat er viele und sehr deutliche gehabt ...) einen Anker für jene Zeit, zu der das geschaute Ereignis stattfinden soll. Sieht Nostradamus eine Tageszeitung auf dem Boden liegen und erkennt das Datum darauf? Als Napoleon von Elba kommend in Südfrankreich anlandet, da flatterte Le Monde nicht über den Strand. Wie sonst aber könnte er das Jahr oder gar den Tag für dieses Ereignis herausgefunden haben? Hatte er einen Tagesschausprecher im Ohr "Guten Abend! Heute ist der sechzehnte August Zweitausendsechszehn." Und der hat ihm dann zu jeder Schau das Datum geflüstert? ***)

Wenn Nostradamus ständig auf die Planeten verweist, dann besteht ganz einfach die Möglichkeit, dass der sichtbare Nachthimmel der Zukunft in irgendeiner Weise Teil seiner Schauungen war. Dabei könnte es sein, dass er sich bestimmte Planetenkonstellationen ausgesucht und über sie meditiert hat - und dass er dann zu dieser Konstellation Schauungen über Ereignisse bekam. Dann wäre die Konstellation der Anker für die Schau gewesen. Umgekehrt könnte es sein, dass er eine autosuggestive Fragetechnik für sich entwickelt hat, mit der er die Planetenkonstellation eruiert hat, die zu einer Ereignisschau gehört - dann wäre das Ereignis der Anker für die Konstellation gewesen.

Erst wenn er beide Perspektiven hat, kann er anfangen zu rechnen und das Ergebnis auf einen Kalender zu projizieren. Eine Ephemeride braucht er dazu nicht unbedingt, es würden ihm die zyklischen Wiederholungen genügen (wofür er sich eine Tabelle hätte machen müssen). Bei genügend Aufwand könnte er - ich schätze mal - für 700 Jahre, maximal 1000 Jahre einigermaßen verlässliche Aussagen machen, sagen wir auf ein oder zwei Jahre genau.

Meine Intuition sagt mir, dass er Bilder des Sternenhimmels gesehen hat. Man müßte das an seiner Wortwahl vielleicht nachprüfen können. Es handelt sich hier um eine ernste und wichtige Fragestellung, und es tut mir leid, dass ich das nicht ausführlich abhandeln kann (zeitlich nicht und von der Forumsrelevanz her). Tatsächlich gibt es praktisch keine Möglichkeit, um Schauungen ihrer Kalenderzeit nach festzumachen, es sei den man kann die zugehörigen Himmelskonstellationen "mitschauen". Wenn alle seine Texte wertlos wären, so ist allein die Tatsache, dass er (für mich wenigstens) diese Fragestellung aufwirft bzw. herausfordert, ein Anlass dafür, Respekt vor Nostradamus zu haben.

Meint, mit freundlichen Grüßen,
Sagitta

***) es gibt schauungstechnisch gesehen eine Art von Vision, bei der man Bilder sieht (von einem Ereignis oder einem Prozess) und zugleich eine Stimme hört, die einem die Bilder "erklärt". Das ist dann eine etwas prägnantere Form "des Wissens innerhalb der Schau", dass es sich bei dem Gesehenen um dies oder jenes handelt. Beispiel: man sieht Sand und "weiß" - bzw. "die Stimme" sagt einem -, dass man nun in Libyen sei. Auf diese Art und Weise dann aber das konkrete Datum gesagt zu bekommen oder zu "wissen", das kenne ich von den Schauungen her nicht. Es hängt wohl damit zusammen, dass der KALENDER als rationales Konstrukt kein Teil der Seele ist bzw. kein seelischer Inhalt sein kann, allenfalls in Form von bruchstückhaft "mitgesehenen" Zahlen. Ich kann mir aber vorstellen, dass man mit einem gewissen Training auch Konstellationen des Himmels "schauen" kann. Dieses Training würde eine wiederholte und langdauerende Praxis der nächtlichen Himmelsbeobachtung voraussetzen, so dass der Sternenhimmel und die Planetenbahnen in Lauf der Jahre gleichermaßen zum "Inventar" der Seele werden könnten wie andere Gegenstände, Verhältnisse und Emotionen der tagbewußten Wirklichkeit.


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