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Raum und Zeit, verschiedene Zeitkonzepte und "Endzeit" (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Freitag, 05.08.2016, 10:08 (vor 1944 Tagen) @ Oberberger (8107 Aufrufe)
bearbeitet von Taurec, Freitag, 05.08.2016, 10:14

Hallo!

Raum und Zeit sind nach Kant Kategorien unserer Wahrnehmung und a priori, also die Grundlage für alle Wahrnehmungen und Erfahrungen, die wir machen. Raum und Zeit sind die Grundstruktur, nach welcher der menschliche Geist sich die Welt zusammenbaut. Der Geist ist seinerseits übermateriell und überzeitlich, sein Ursprung nicht von dieser Welt. Er bringt die Wahrnehmungskategorien bereits mit in die Welt. Da diese der Grundstruktur des menschlichen Daseins überhaupt entsprechen, gelten Raum und Zeit für uns auch in anderen Bereichen. Folglich werden auch körperlose, vom strengen Korsett des Diesseits losgelöste Erfahrungen im Jenseits, in Schauungen und in Träumen gemacht, als wären sie räumlich-zeitlich. In jeder dieser Wahrnehmungen gibt es einen räumlichen Bezugsrahmen und ein zeitliches Nacheinander. Dieses ist aber im außerkörperlichen Bereich sehr viel lockerer als hier. Es gibt räumliche und zeitliche Sprünge, Beschleunigung, Verlangsamung (z. B. die New-York-Schau des Waldviertlers). Jeder hat für sich seine eigene Raumzeit. Erst in Kontakt mit anderen Geistern ergibt sich ein gemeinsames Gefüge. Aus einer solchen individuellen Raum-Zeit-Wahrnehmung, die nicht so konsistent ist wie das harte Gefüge der diesseitigen Welt, zu einer validen Zeitangabe zu kommen, die auch noch einem völlig abstrakten Zeitkonzept (Jahreszählung) entspricht, dürfte allergrößte Schwierigkeiten mit sich bringen. Es sind allenfalls relative und qualitative Zeitangaben möglich (empfundene Abstände, Jahreszeiten, Bauvorhaben etc.), keine absoluten und quantitativen.
Es ist daher allergrößte Skepsis angebracht, wenn jemand eine größere Anzahl Zeitangaben nennt. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ist eine solche Quelle nicht authentisch. Das gilt für den gestern behandelten Brinkley, aber auch z. B. für Maria S.
Die Feldpostbriefe sind wieder die Ausnahme von der Regel. Diese enthalten aber nur wenige Zeitangaben, die zudem nicht präzise sind und am Schluß ohnehin nicht zu passen scheinen. Möglicherweise hat der Seher auf Grundlage empfundener Abstände (in 5, 15, 30 Jahren etc.) recht treffend die Jahreszahlen erraten.

Raum und Zeit gelten natürlich nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Ich vermag mir aber nicht mal vorzustellen, wie verschiedene Tierarten Raum und Zeit in ihrem Dasein überhaupt wahrnehmen. Womöglich gänzlich anders als wir.

Von hier an ein anderes Thema, das sich aber anbietet:

Sinnvollerweise baut Spengler seine Kulturphilosophie auf der unterschiedlichen Raum- und Zeitwahrnehmung verschiedener Menschengruppen auf, die innerlich ein gemeinsames Seelentum, also die gleiche Seelenqualität und ein gemeinsames Raum-Zeit-Gefüge haben. Jede menschliche Kultur bewertet Raum und Zeit anders.
Römer und Griechen konzentrierten sich auf Punkte, wohingegen der räumliche und historische Hintergrund lediglich eine flache Kulisse war.
Für die Ägypter waren Raum und Zeit eine Line, wie auch ihr ganzes Land entlang des Nils eine Linie war.
Für den semitischen Menschen des Nahen Ostens (Juden, Araber, Urchristen) ist die Welt eine in sich geschlossene Höhle, die von Gott/Allah überwölbt wird. Sie ist auch zeitlich abgeschlossen, hat ein festes Schöpfungsdatum und eine Endzeit mit göttlichem Endgericht. Schon allein deswegen sind diese Begriffe, die auch in der christlichen Prophetie eine Rolle spielen, für uns Europäer absolut sinnlos. Mithin ist ihr Bedeutungsgehalt bei uns lediglich intellektueller Natur aber empfindungsmäßig völlig leer. So empfinde ich es zumindest, weswegen ich bestrebt bin, diesen ganzen Endzeitkomplex als Unsinn anzunehmen und in unserem Thema in Quarantäne zu stellen. Es gibt kein "Endgericht" und damit eng verbundene Konzepte wie den "Antichristen" kann man ebenfalls komplett in der Pfeife verrauchen.
Für den Abendländer sind Raum und Zeit sich in alle Richtung erstreckende Unendlichkeiten. Dazu passen Konzepte wie die "ewige Wiederkunft" oder allgemein zyklische Geschichtsauffassungen besser. Dem entsprechend ist nicht mit einem Endgericht zu rechnen, sondern mit einer Cäsur, die zwei Zyklen trennt.
Für die Araber wäre indes die kommende Katastrophe wie selbstverständlich nicht das Endgericht, weil sie ja danach noch immer da wären. Das bringt mit sich, daß Messiaskonzepte stets eine am Ende der Welt stehende Fiktion bleiben, ein zeitlicher Horizont, der wie der räumliche Horizont mit dem Betrachter in die Ferne wandert. Allen semitischen Schriftreligionen, dem Judentum, dem Christentum, dem Islam ist ein Messias am Ende der Zeit gemein. Es versteht sich von selbst, daß die Juden, als sie Christen wurden und glaubten, der Messias sei bereits gekommen, von dessen Wiederkehr in der Endzeit ausgehen mußten. Es liegt in der Natur des Messias, daß er immer in der Zukunft liegt. Weil es ein Weltende aber nicht geben wird, wird es niemals einen jüdischen Messias, einen Mahdi und eine Wiederkehr Christi geben. Das ist nach unserem Begriff eines unendlichen Zeitverlaufs absolut ausgeschlossen. Abendländische Christen täten wohl daran, diese Konzepte als irreal zu erkennen und sich mit Ideen zu befassen, die mehr ihrer Kultur entsprechen.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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