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Die Apokalypse (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

Taurec ⌂ @, München, Mittwoch, 15. April 2015, 13:25 (vor 1704 Tagen) @ Sagitta4629 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Mittwoch, 30. August 2017, 19:45

Hallo!

Ich persönlich spreche der Apokalypse des Johannes jeden Wert in Bezug auf künftige geschichtliche Ereignisse ab.

Dahin neige ich auch. Es wäre jedenfalls völlig fatal und nicht zielführend, an die Johannesapokalypse reale Maßstäbe anzulegen, wie das z. B. Hans-Jürgen Ewald gemacht hat, der dadurch seinen Nostradamus völlig versaut hat.
Dort ist das ganze kommende Geschehen ein Handlungsbogen über 300 Jahre, in dem sich wie in einer abzuhakenden Strichliste allmählich Siegel, Posaunen, Zeugen, Weiber, Huren, Tiere, dämonische Reiterscharen usw. verwirklichen, wobei sich Ewald nicht zu vermessen ist, genaue Jahresangaben anzugeben. Sowas sind Extremfälle.

Aber ich wiederhole mich mich.

Bedenklich bzw. bedenkenswert ist, dass in diesem Visionstext menschliche Individuen nicht mehr handeln: die Menschen sind nicht mehr Subjekt ihrer Geschichte sondern passive Objekte übermenschlicher (höllischer oder himmlischer) Kräfte.

Das entspricht wohl durchaus dem Weltgefühl der Menschen des nahen Ostens, das Spengler als "höhlenhaft" bezeichnete. Die Welt des Menschen ist darin völlig von Gott umgeben, der in sie seinen Geist herabsenkt. Auch der Zeitenlauf ist höhlenhaft, "sphärisch" und abgeschlossen. Dem Schöpfungsakt steht spiegelbildlich die Apokalypse gegenüber, die tatsächlich das Ende dieser Welt und der Zeit ist. Alles geht wieder in Gott ein, in sein Reich, in Ewigkeit. Die Apokalypsen wie die des Johannes sind keinem anderen als diesem Menschentum überhaupt verständlich. Wir gehen intuitiv davon aus, daß nach der Apokalypse das Leben weiterginge wie zuvor, allerdings auf einer gereinigten Erde im goldenen Zeitalter, weil wir die Welt so begreifen. Der ursprüngliche Sinn der Apokalypse will uns nicht eingehen. Ich halte sie für einen Fremdkörper in unserer Kultur, den wir als Ballast durch die Jahrhunderte geschleppt haben, ohne recht damit umgehen zu können. Ich meine, der Text, der uns ein Buch mit sieben Siegeln ist, war für die Menschen in Palästina des ersten Jahrhunderts durchaus verständlich, zwar deutungsbedürftig, aber nicht unlösbar. Die Bezeichnung "Offenbarung" ist aus unserer Sicht blanker Hohn, weil sich uns darin gar nichts offenbart, selbst wenn jemand meint, er hätte die Lösung.

Völlig anders als der nahöstliche tickt der europäische Mensch, für den die Welt nichts Abgeschlossenes ist, sondern sich räumlich und zeitlich in die Unendlichkeit erstreckt. Das Zentrum dieser Welt ist der einzelne Mensch, der sich als Ich im Gegensatz zur Welt stärker empfindet als alle anderen Kulturen und der tatsächlich als Subjekt handelt. Deswegen gab es in unserer Fassung des Christentums die Buße, wodurch der Einzelne persönlich Verantwortung für seine Taten und Sünden übernahm. Dieses Konzept nehmen wir als selbstverständlich hin, gibt es aber nur in Europa. In anderen Kulturkreisen wird Sünde vielmehr als Folge äußeren Einflusses auf den Menschen begriffen, während wir uns für unsere Verfehlung letztlich selbst verantwortlich machen.
Auch das Konzept des Karmas, das ursprünglich aus anderen Weltecken stammte, haben wir so verstanden, daß den Einzelnen aufgrund seines Seins, seiner Haltung, seiner Taten das Schicksal trifft, das er selbst verschuldet hat, bzw. für das er selbst in diesem oder vergangenen Leben die Grundlage legte. Es ist alles äußerste Selbstverantwortung vor den ewigen Schöpfungsgesetzen.

Auch die antiken Griechen und Römer waren anders. Für sie war der Raum lediglich der Hintergrund für den Einzelnen und völlig auf ihn bezogen, allerdings ohne Tiefenempfindung. Für den antiken Menschen war die Welt eine Ansammlung von Einzelkörpern, die für sich "statuenhaft" dastanden. Sie hatten auch kein Geschichtsempfinden. Was länger als ein Menschenleben her war, verschmolz in der Vorstellung zu einem durchaus flachen Brei aus realem Geschehen und Mythologie. Das Leben des Einzelnen war ebenfalls "statuenhaft", eine Gefühl für Persönlichkeitsentwicklung über Jahrzehnte, in denen der Mensch durch Erfahrungen und Lernen fortschreitet und im Idealfall besser wird, hatten sie wohl gar nicht. Vielmehr war der Mensch durch die Götter geschaffen und wurde im Leben wie eine Statue vom Bildhauer durch das "Fatum", das Schicksal, geschlagen. Daher hatte bei den Römern die Zeichenschau, um das Fatum zu erfahren, eine größere Bedeutung, als Hellsehen und Schauungen sie bei uns je haben könnten: Es war eine staatliche Institution.
Die ganze Formensprache der Antike spiegelt das wieder: das Theater, in dem keine Persönlichkeiten, sondern starre archetypische Masken auftraten, deren Träger unverschuldet vom göttlichen Ratschluß zerschmettert wurden; die Struktur antiker Städte, die ein wirrer Gebäudehaufen waren ohne die für uns typischen Türme, Raumfluchten, langen Prachtstraßen und Alleen, die Ordnung schaffen; der Rang der Statue und Säule in der antiken Kunst sowie die antike Musik, der jegliche thematische Struktur unserer klassischen Werke zu fehlen scheint, nur lauter für sich stehende Passagen.

Worauf ich hinaus will: Der Mensch als handelndes Subjekt der Geschichte ist abendländisches Weltgefühl. Das Fehlen dieser Tatsache in der Apokalypse spricht natürlich nicht gegen die Johannesoffenbarung an sich, sondern zeigt auf, daß es sich um eine andere "Wahrheit", bzw. eine andere Fassung der Wahrheit, nämlich deren Fassung handelt.
Man kann sich die Welt als einen ungeheuer verästelten Baum vorstellen, der aus dem Blickwinkel jeder Kultur anders aussieht. Die Beschreibung des Baumes aus einem anderen Blickwinkel mag zwar interessant sein und ahnen lassen, wie es woanders aussieht, führt uns aber nicht weiter, weil darin Seiten des Weltenbaumes hervorgehoben und beschrieben sind, die mit unserer Sichtweise weder wahrnehmbar noch wichtig sind. Für jeden stehen andere Aspekte im Vordergrund, die seinem Wesen und seiner Entwicklung entsprechen.
Bei der Adaption der Werke anderer Kulturen sind Mißverständnisse vorprogrammiert. Im Grunde liest man durch systematisches Mißverstehen Dinge heraus, die in einem selbst angelegt sind. Es ist aber alles irgendwie schräg und kaum etwas dürfte die Reinheit und Klarheit kultureller Äußerungen haben, die von Sprößlingen der eigenen Kultur für deren Anhänger geschaffen wurden. Damit sage ich nicht, daß ein Europäer z. B. mit dem Buddhismus nicht glücklich werden könnte. Was er lebt, ist womöglich aber weit vom eigentlichen Buddhismus entfernt. Und auch jemand, der ganz fest an die Johannesoffenbarung glaubt, zieht sich wohl eine Schuh an, der ihm viel zu eng ist.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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