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Bedeutung von Sagen? (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Mittwoch, 28. Mai 2014, 18:08 (vor 2197 Tagen) @ rauhnacht8251 mal gelesen
bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 31. August 2017, 08:34

Hallo!

bisher haben wir nun sich sehr ähnliche Sagen zu Seen in Bayern, Franken und Österreich.

Nicht nur dort. Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens werden Sagen solcher Art ebenfalls erwähnt, unter dem Stichwort "See":

"Von vielen Seen sagt man, daß sie eines Tages ausbrechen und die Ortschaften in ihrer Nähe überschwemmen würden32); dasselbe fürchtet man von Seen, die sich im Inneren der Berge befinden33). Den Ausbruch wird ein Drache veranlassen, der im See liegt34), oder eine Hexe35). Ein Zauberer hätte den Antholzer See ausgelassen, wenn es ihm geglückt wäre, drei Körner vom Grunde des Sees heraufzuholen36); ein anderer Zauberer, der dasselbe vorhat, stürzt sich selbst in die Flut, als eine Prozession mit Gebet naht37). Auch anderswo wird alljährlich gebetet38) und Messe gelesen39), um das Unheil abzuwenden."
[Lexikon: See. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 21948 (vgl. HWA Bd. 7, S. 1560-1561)]

"32) ZfVk. 3 (1893), 175; Heyl a.a.O. 693 Nr. 16; Schönwerth Oberpfalz 2, 219; Waibel u. Flamm 2, 124. 170; Sepp a.a.O. 355 Nr. 94; 393 Nr. 105; Birlinger Volksth. 1, 136; Lammert 47.
33) Sébillot Folk- Lore 1, 243 f.; Panzer Beitrag 1, 18.
34) Reiser Allgäu 1, 265; Heyl a.a.O. 88 Nr. 51; 486 Nr. 52.
35) Ebd. 678 Nr. 155.
36) Ebd. 177 Nr. 81.
37) Ebd. 673 Nr. 148.
38) Sepp a.a.O. 363 Nr. 96.
39) Sébillot a.a.O. 1, 243 f."

[Lexikon: See. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, S. 21950 (vgl. HWA Bd. 7, S. 1562)]

Die Quellenangaben führen wahrscheinlich noch zu einer Reihe weiterer Seen, über die man sich ähnliches erzählt. Unter dem Strich haben wir darin einen Topos, der sich quer durch Deutschland an Gewässer knüpfte, die vom ansässigen Volke als geheimnisvoll betrachtet wurden. Umgekehrt bedeutet das, es kann daraus nicht das sichere Wissen abgeleitet werden, gerade ein bestimmter See würde dereinst über die Ufer treten. Praktisch bringt uns das nicht weiter.

Dieser geringelte Fisch, Wurm erinnert stark an die Midgardschlange. Ich meine daher auch vielleicht der früher vermutete Zugang zum Meer beim Frickenhäuser See und auch Walchensee. Die Midgardschlange als Ozean oder eben stellvertretend hausend in tiefen Seen des Binnenlandes.

Zu Ragnarök wird sie ihren Schwanz loslassen und hervorbrechen.
Mir scheint es so, als hätten in diesen Sagen, die Erzählungen der Edda überlebt. Darum tauchen wohl auch diese Sagen an so vielen unterschiedlichen Orten auf.
Die „Urschau“ in Abwandlung .

Richtig. Das selbe trifft auch auf die bekannte Birkenbaumsage zu, über die z. B. bei Zurbonsen nachzulesen ist, daß sie ein Widerhall wesentlicher Elemente der nordischen Mythologie ist. Selbige wurde durch die Christianisierung lediglich oberflächlich überprägt, blieb aber im Kern erhalten.

Einige Beispiele:

  • Birkenbaum in der norddeutschen Ebene als Schauplatz der Endschlacht = Weltbaum Yggdrasil, unter dem sich auf einer Ebene der Kampf zwischen Göttern und Riesen abspielt. (Und das phantasiert der Waldviertler aus bloßer Unkenntnis sich was über Impaktauswürfe in Birkenform zusammen!)
  • Kampf des Ostens gegen den Westen = Ursprung der Riesen in der östlichen Welt Jötunheim? (Steht nicht bei Zurbonsen, eigene Idee.)
  • Kampf des Südens gegen den Norden
    • Der Süden unter einem starken Fürsten = Herankunft der "Lichtkinder" unter Odin von Süden aus Muspellsheim
    • Der Norden in der Birkenbaumsage (Rußland, Schweden, also die "Bösen") = Herkunft des feindlichen Heeres unter Hel aus Niflheim, der nördlichen Welt
  • Fürst in weißem Gewande auf einem Schimmel = Odin in heller Rüstung auf weißem Rosse
  • Fürst, der mit einem Beine lahmt und sein Pferd von der falschen Seite besteigt = Odin, der sich im Kampf mit einem Meeresungeheuer den Fuß verletzt hat
  • Aufeinandertreffen der Gegner "mitten" in Deutschland = Midgard, die Mittlere, also unsere Welt als Schauplatz der Götterdämmerung
  • "Die Söhne Muspelheims rüsten sich zum Streit um das Herbst-Äquinoctium, d. i. um die Zeit, wo die Stoppeln auf dem Haferfelde stehen und wo demnach auch das Gefolge des Weißkönigs [des großen Monarchen] zur Walstatt [Schlachtfeld am Birkenbaum] zieht." (Zurbonsen)
  • "Wie die Lichtgötter aus dem geborstenen Himmelsgewölbe hervor reiten, so soll nach der neuen Sage der große Monarch aus dem klaffenden Bergschoße emporsteigen." (Zurbonsen) Vgl. verschiedene Sagen über den Kaiser im Berge.
  • "Wie dem Riesenkampfe drei harte Winter vorausgehen, wo die Menschenkinder voll Angst und Sorge in Schluchten und Klüften sich bergen, so wird es beim Entscheidungskampfe am Birkenbaum nach der speziellen Lokalsage drei schwere Tage geben, wo die Haarbewohner über die Ruhr in die Waldgebirge des Süderlandes flüchten." (Zurbonsen) Anmerkung: Womöglich ein weiterer Ursprung für die drei Tage Finsternis und das bekannte Motiv, man solle auf die oder einen Berg flüchten. Darüber hinaus Ursprung des Motivs, man könne Sommer und Winter nicht mehr auseinanderhalten, und damit wahrscheinlich im weitesten Sinne des Kälteeinbruchs im Sommer, zu dem uns tatsächlich eine Handvoll jüngerer Gesichte vorliegt.
  • Verschiedene Brücken im westfälischen Sagenkreis (Almebrücke beim elsischen Jungen, Mondorfbrücke in der Spielbähnfälschung, Brücke bei Köln, über die laut Knopp das Kriegsvolk zieht) = Brücke Bifröst, die unter dem Ansturm der Söhne Muspells zusammenstürzt.
  • Ruhmreicher Aufstieg Deutschlands in Frieden und Fülle unter dem siegreichen Fürsten = Erneuerung der Welt durch Odin nach dem Ragnarök

Wo mythologische Motive eingewoben wurden, können wir solche Sagen inhaltlich also nicht als platte Wiedergabe eines zukünftigen irdischen Geschehens betrachten.
Die Frage ist, was wir Volkssagen über unsere Zukunft überhaupt an relevantem entnehmen können.

1. Ragnarök/die Grundhandlung der Endschlachtsagen als Weissagung einer künftigen Cäsur in der kataklysmisch fortschreitenden Menschheits-/Erdgeschichte? Wahrscheinlich. Der Aufbau der Schöpfung, die Abläufe darin und deren Erahnung durch das Menschengeschlecht gehen Hand in Hand.
Wir leben in einer Zeit, in der göttliches, höheres geistiges im Rückzug begriffen ist und Titanen, Riesen, die Kräfte der Erde, die von "unten", also aus der Materie kommen, herrschen. Damit verbunden ist die Nivellierung aller geistigen, nach oben, hin zum Licht weisenden Schöpfungen (also der Kultur und ihren Institutionen), daraus hervorgehend die Verflachung in fellachoiden, nach gegenwärtigem, körperlichem strebenden Massen und der explosive Fortschritt der Technologie, die nichts weiter ist als der sichtbare Ausdruck der Herrschaft der Materie und Entfesselung der Kräfte die darin ruhen, bis hin zur Spaltung des Atoms. Es ist damit zu rechnen, daß diese "Herrschaft der Riesen" in der Zukunft in einem gewaltigen Kollaps wieder durch göttliches abgelöst wird. Das nebenbei in aller Kürze zum Gehalt der Mythen.

2. Kann der Ort der Endschlacht, bzw. die Region, in der sich diese Sagen konzentrieren (Westfalen) aber als Hinweis auf den wirklichen Ort eines künftigen Schlachtfeldes gewertet werden?

3. Wieviel Endschlachtsage steckt im russischen Feldzug? Welcher Teil des russischen Feldzuges (z. B. bei Antonius von Aachen und Irlmaier) sind Ideen, die sich auf Grundlage der Endschlachtsage entwickelt und prophetisch verfestigt haben? Die Relevanz dieser Frage hängt davon ab, ob die 2. Frage mit ja oder nein beantwortet werden muß.

4. In Verbindung mit der 2. Frage zu beantworten: Sind reale Schauungen über einen künftigen Krieg in Deutschland in die Birkenbaumsage/andere Endschlachtsagen eingeflossen, d. h. wurden, bzw. in welchem Grade wurden reale Schauungen durch die Motive alter Mythen ausgedrückt?

5. Ein anderer Aspekt, der sich aus der 4. Frage ergibt, quasi deren Umkehrung: Kann es sein, daß die Mythologie, bzw. das kollektive, kulturelle Gedächtnis Visionen über einen künftigen russischen Feldzug provoziert hat? Als wie real sind diese Schauungen dann zu betrachten? Echte Zukunft oder selbstinduzierte Halluzination auf mythologischer Grundlage? (Ich erinnere an das im Laufe der Jahrhunderte in Westfalen wiederholt gesehene Luftbild kämpfender Heerscharen. Im Grunde sind aber auch die herkömmlichen Schauungen zum Krieg gemeint.)

Das sind Fragen, um die wir uns bislang herumgedrückt haben, die aber zentral sind, wenn wir herausfinden wollen, was wirklich passieren wird.

=> Ansichten und hilfreiche Gedanken hierzu?

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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