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Viel interessantere Version (Schauungen & Prophezeiungen)

Phillinger @, Freitag, 23. Mai 2014, 08:44 (vor 2379 Tagen) @ Leserzuschrift3397 mal gelesen

Hallo zusammen.

Ich habe das Misch-Buch vor einem Jahr gelesen und da ist mir diese Stelle ebenfalls aufgefallen. Ich fand das aber suspekt. Es klang so, als hätten die Deutschen die Engländer auf diplomatischen Kanälen selbst über den Stand ihrer Atombombenforschung informiert, denn warum sollte Churchill solch eine konkrete Warnung sonst aussprechen. Einfach so, vorsorglich? Warum sollten die Deutschen ihre Atomgeheimnisse preisgeben?

Vor kurzem habe ich eine andere Version der Geschichte in "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier" von Harry Picker gefunden. Diese Fassung ist für uns viel interessanter, da es um eine Art "gelben Strich" gegen die Russen geht. Picker, der die Tischgespräche mitstenographierte, schrieb nach dem Krieg als Kommentar zum 26. Juli 1942, S. 465 f:

"Aus diesem Grunde recherchierte Hitler Oktober/November 1944 noch einmal bei der britischen Regierung bezüglich eines Minimalagreements, das den Briten die Erhaltung ihres Empire und Deutschland die Stabilisierung der Ostfront auf der Linie Memel-Kaschau unter enger Anlehnung an die Flüsse Narew und Weichsel tolerieren sollte. Auf Robert Leys Vorschlag wollte Hitler auf dieser etwa 750 km langen Front zwischen die deutschen und russischen Truppen einen Giftgas-Vorhang legen. Zur Vorbereitung hatte er bereits für die deutsche Wehrmacht Millionen von Gasmasken produzieren und Gaskriegsvorbereitungen befehlen lassen. Für die Giftgaswand wollte Hitler die Kampfstoffe Lost und Tabun verwenden. Seit 1939 hatte er monatlich im Schnitt 3100 t Lost und 1000 t Tabun herstellen lassen. Lost machte mit ihm verseuchte Gebiete längerfristig unbetretbar, da es Nervenstörungen, Sehbehinderungen, Atembeschwerden und Hautverätzungen herbeiführte. Tabun war tödlich selbst bei kleinsten Dosen. Die Gasmasken der Roten Armee waren für beide Gifte in der deutschen Zusammensetzung kein ausreichender Schutz. Churchill ließ Hitlers Vorschläge jedoch zurückweisen. Ja, er drohte, Großbritannien werde als Gegenmaßnahme sofort seine gesamten Giftgasvorräte von 32000 t Gelbkreuz- und Phosgengas über Deutschlands Großstädte 'abregnen' lassen und damit 2500 qm deutschen Großstadtraums total lebensvernichtend zerstören. Hitler entnahm daraus, daß Churchill selbst ein Deutschland in den Vorkriegsgrenzen nicht überleben lassen wollte."

Nochmal die Misch-Version:

"Die Westalliierten hatten gedroht, sich im Fall eines Einsatzes der Atombombe mit 15 000 Flugzeugen in Nordafrika zu versammeln, um dann ganz Deutschland mit Gas zu verseuchen. Gasangriffe hatte Hitler im Ersten Weltkrieg erlebt, er hatte eine panische Angst davor. Einen solchen Rückschlag werde er niemals verantworten können, betonte er, daher scheide der Einsatz einer Atombombe für ihn völlig aus."

War das ein und derselbe Vorgang? Hat Misch was durcheinandergebracht und es der Atombombe zugeschoben, obwohl die britische Drohung vielmehr der Giftgaswand galt? Picker ist jedenfalls die Quelle mit mehr "Autorität". Wobei seine Version auch suspekt ist. Auf einem Wehrmachtsforum habe ich gelesen, dass 1944/45 gar nicht mehr genug Artillerie vorhanden war, um die Ostfront großflächig mit Gasgranaten einzudecken.

Wenn es sich um die gleiche Sache handelt, die von Misch und Picker nur jeweils verstümmelt wiedergegeben wurde, könnte man aus Stichworten...

"[...] 15000 Flugzeuge[...] in Nordafrika [...]
"[...] zwischen die deutschen und russischen Truppen [...]"
"[...] auf der Linie [...]"
"[...] einen Giftgas-Vorhang [...] Giftgaswand [...] legen."
"[...] Atembeschwerden und Hautverätzungen [...]"
"[...] tödlich [...]"
"[...] verseuchte Gebiete längerfristig unbetretbar [...]"

...tatsächlich ein recht IrlAdlmaiereskes Szenario zusammenbasteln.

Erstveröffentlichung von Picker war schon 1951 laut ZVAB.

Mit besten Grüßen

Phillinger


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