Dann zitiere ich halt Goethes Faust (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS @, Samstag, 05. April 2014, 19:08 (vor 2285 Tagen) @ Mirans6441 mal gelesen

Hallo RichardS,

hier möchte ich Theodor W. Adorno (anerkannter Philosoph und Soziologe) zitieren:

Er nannte die Astrologie "Metaphysik der dummen Kerle" und schrieb in einem noch heute häufig zitierten Aufsatz, genial auf den Punkt gebracht:
"Geheimnis und Trick der Astrologie ist lediglich die Art, wie sie die unter sich beziehungslosen, isoliert rational behandelten Sphären der Sozialpsychologie und Astronomie vereint... Gerade die Unverbundenheit aber von Psychologie und Astronomie, des Menschenlebens und der Sterne, gewährt ihr die Chance, im Niemandsland dazwischen sich anzusiedeln, und usurpatorische Ansprüche nach beiden Seiten anzumelden. Ihr Reich ist die Beziehung zum Beziehungslosen als Mysterium."

Gruß
Mirans

Hallo, Mirans!

Danke für den Hinweis, dass Aufklärer wie Adorno (Leitstern der 68er-Bewegung, deren Früchte unser „System“ nicht nur bewusstseinsmäßig lenken) behaupten, es gäbe in unserer Welt Unverbundenes, Beziehungsloses (hier: (Sozial)Psychologie <> Astronomie).

Ich darf übersetzen: Es gibt Sphären in unserer Welt, die nichts, aber auch nicht ein Fitzelchen (sei es materiell, se es ideell, sei es irgendwas, wofür wir keinen Begriff haben) miteinander zu tun haben. Ich nehme diese These zur Kenntnis (sie wird zumindest in diesem Zitat nicht belegt und auch nicht von Dir), doch ein Nebenwitz sei mir vorab erlaubt:

Falls ich richtig erinnere, tendierst Du in einigen Deiner früheren Beitragen stark zu der Auffassung, es gäbe irgendetwas Göttliches in diesem Universum. Das will ich nicht weiter kommentieren, außer mit der Frage: Wer an ein derartiges Prinzip glaubt, kann trotzdem gleichzeitig glauben, die Wirkungen dieses Prinzips hätten nichts miteinander zu tun, hätten trotz allem auch nicht mal denselben Ursprung? Falls dem so sein sollte, kann man tatsächlich sagen: Gottes Wege sind wundersam - und auch wiederum gar nicht dessen Wege.

Dieser Gedankenanreger gilt für Dich, lieber Mirans, natürlich nur, falls Du Dich zwischenzeitlich nicht zum Atheisten gewandelt haben solltest.

Jenseits dessen: Spontan fiel mir bei Deinem Adorno-Zitat die gegenteilige Position von Goethes Faust ein. Der drückt sein Erkenntnisstreben gleich zu Beginn des Dramas (ich weiß: eine bloße aus den Fingern gesogene Dichtung, allerdings gilt sie als die „urdeutsche“) so aus:

„Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau‘ alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu‘ nicht mehr in Worten kramen.“

Dir wie Adorno und seinen Brüdern und Schwestern im Geiste darf also zumindest eines attestiert werden: Faustisch ist ihr Streben nicht. (Sie halten es lieber mit dem Magister Wagner in Goethes Drama.)

Freilich: Jeder darf für sich entscheiden, auf welche Seite es ihn zieht.

Oder weniger dramatisch: Alles schön in Schubladen verpacken und vorher mit fein säuberlichen Etiketten versehen, die Wissenschaften, die Welt und ihre Teile, das Wollen, Denken und Fühlen, all das als Krämerladen behandeln – und schon kann man sogar umstandslos selbst damit hausieren gehen, dass irgendeine unbegründete Behauptung (hier: Denunziation einer anderen, missliebigen Denkrichtung) immerhin in einem „noch heute häufig zitierten Aufsatz“ geschrieben wurde.

Letzteres als eine Art Beweis zu denken, das erinnert mich doch stark an Eyspfeils Denke, dass es schon ein Hinweis für Qualität wäre, wenn irgendeine Meinung mehrheitsfähig ist.

Gruß,
Richard

Aus dem Streit zwischen Goethes Faust auf der einen und Magister Wagner plus Prof. Adorno auf der anderen Seite halte ich mich selbstverständlich heraus. Ich geh heute lieber Schießen.


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