Fuhrmannl-Quellen (Schauungen & Prophezeiungen zum Weltgeschehen)

randomizer @, Montag, 24. März 2014, 22:21 (vor 2003 Tagen) @ Taurec2821 mal gelesen
bearbeitet von randomizer, Montag, 24. März 2014, 22:47

Hallo, Taurec!

Daß der seherische Franzose nicht nur selbst sah, sondern auch Kenner der Prophezeiungsliteratur war, wissen wir spätestens seit "Markustag auf Ostern": Siehe hier.

ich halte es zwar auch für wahrscheinlich, daß der prophetische Franzose einschlägig belesen war, das Markustag/Ostern-Motiv ist aber kein Indiz dafür, da es wie gesagt auch mündlich sehr verbreitet war.


Zum älteren Volkssagengut gehört ebenfalls "Fuhrmannl"/Josef Naar. Dort steht eine Aussage über den Untergang Böhmens:
[...]
Die Ähnlichkeit ist so auffällig, daß ich hier einen zwangsläufigen Zusammenhang unterstelle. (Böhmen/Süddeutschland, Prag zerstört/feuerspeiende Berge, Leute kommen von weit und breit/Leute kommen aus aller Welt)

Der Feldpostbrieffranzose kannte wahrscheinlich Fuhrmannl oder eine Quelle, die er als Vorlage mit Fuhrmannl gemeinsam hat.

nein, siehe unten.

Leider ist Fuhrmannl von uns quellenkundlich noch nicht erforscht worden. Der verbreitete Text wurde von Bekh 1988 ohne Quellenangabe gedruckt. Die Sprache des Textes klingt nicht älter als das frühe 20. Jahrhundert.

die Fuhrmannl-Quellen sind sehr verstreut (Heimatzeitschriften & Sagenbücher) und meist schwer zugängig..


Daher die Fragen: Was ist die älteste Fuhrmannlquelle? Ab wann taucht die Aussage "Da werden von weit und breit Leute kommen, um das zu sehen." auf?

gar nicht, diese Stelle kommt nur bei Bekh vor, in sonst keiner der mindestens ein dutzend Schriftquellen zwischen 1871 und 1958!

Die erste (unvollständige) deutschsprachige Veröffentlichung der Weissagungen verdanken wir Franz Andreß (1913), Čeněk Zíbrt übersetzt (1914) meines Wissens nur Andreß; es folgen einige kompetente volkskundliche Aufsätze zwischen den Weltkriegen, die teils auch neues Material bringen. Die imho beste und vollständigste Abhandlung ist:

Volf, Josef: Proroctví nábožného formana z Hrobčic. in: Plzeňsko : List pro vlastivědu západních čech, 4. Jahrgang (1922), Hefte 1 bis 3.

[image]

Auf welche Quelle beziehen sich die Feldpostbriefe? Fuhrmannl oder eine gemeinsame Vorlage? Oder wurde die Aussage in der bekh'schen Fuhrmannlfassung gar aus den Feldpostbriefen übernommen?

Letzteres erscheint mir plausibel, der prophetische Franzose ist in diesem Fall ansonsten vorerst nicht des Plagiats verdächtig.

Nachtrag: Randomizer wies z. B. hier und hier auf seine Forschungen hin, ohne sich seitdem darüber zu äußern. "Pseudo-Fuhrmannl" hätte ich gerne näher erklärt.

Mit den weiteren Quellenangabe geize ich noch etwas, da ich darüber ja möglichweise noch publizieren möchte. Quellenkundlich/philologisch sind die Fuhrmannl-Weissagungen durchaus interessant, zukunftsrelevant ist Josef Naars Prophetie aber wohl kaum!

Von einem Impakt ist bei Fuhrmannl übrigens gar nicht die Rede: zwar wird eine generelle Verheerung Böhmens und eine besonders gründliche Zerstörung Pilsens (und/oder Prags) prophezeit, dies jedoch in Verbindung mit Armeen/Schlachten. Daraus ein Impaktereignis zu konstruieren wäre zumindest aus dem Zusammenhang gerissen und imho illegitim. Ohne jetzt gerade wirklich im Stoff zu stehen, kann ich noch resümieren, daß einige Motive aus Fuhrmannls Prophetien wahrscheinlich auf die böhmischen Sibyllen-Weissagungen zurückgehen (Sibylla Michalda).

Viele Grüße
randomizer

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