Wahrnehmung versus aktiver Eingriff (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS @, Freitag, 18.10.2013, 20:50 (vor 2691 Tagen) @ ITOma (6767 Aufrufe)

Ich würde eine Schau mit der Sicht eines Bogenschützen auf das Ziel vergleichen, bevor er den Abschuß durchgeführt hat.


Auch wenn er oder sie zwei sehr scharfe Augen hat, ist dadurch keineswegs sichergestellt, daß der Pfeil das Ziel auch trifft. Eine fehlerhafte Schießtechnik, ein Fehler im Material, ein unerwarteter Windstoß, eine versehentliche oder absichtliche Berührung durch den Nachbarn - schon das alles kann dazu führen, daß der Pfeil selbst an einem einwandfrei wahrgenommenen, unbeweglichen Ziel vorbeifliegt.

Daneben kranken viele unserer Schauungen daran, daß sie "einäugig" sind. Es ist eher selten, daß zwei gleichzeitige (also nicht Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte von einander entfernte) Schauungen zum selben Thema vorliegen. (Die Besetzung durch die Russen ist einer dieser Ausnahmefälle, denn es gibt dazu eine Häufung von Schauungen etwa zwischen 1998 und 2008.) In den meisten Fällen sieht aber jede/r für sich allein. Jeder Schütze weiß aber, daß man mit einem Auge Entfernungen nicht gut genug schätzen kann. (Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir bei den Schauungen solche Probleme mit Zeitangaben haben.) Zudem verschiebt sich das Ziel seitlich in der Wahrnehmung, je nachdem, ob es mit dem dominanten Auge wahrgenommen wurde oder nicht.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es sich um ein lebendes Ziel handelt. Wenn das Wild den Schützen zu früh wahrnimmt, springt es davon. Oder der Schütze zögert zu lange, und das Wild hat sich aus der Schußlinie bewegt, obwohl es nichts gemerkt hat. Dann geht nicht nur ein evtl. abgeschossener Pfeil daneben, sondern das Ziel verändert sich derart, daß es keines mehr ist! Übertragen auf eine Schau entspricht das dem Fall, wo die Dinge sich inzwischen so entwickelt haben, daß eine Realisierung in den geschauten Umständen erst einmal nicht mehr möglich ist. (Das ist zum Beispiel derzeit bei den "Russen in Bogen" der Fall.) Es kann aber durchaus geschehen, daß das Wild dort wieder vorbeikommt. Wenn dann der Schütze auch wieder dort ist und sonst nichts dazwischen kommt, kann er es doch noch erlegen. (Bei der Schau "Russen in Bogen" würde das heißen, daß die Strecke Bogen-Miltach wieder in Betrieb genommen wird, so daß man von Straubing direkt nach der tschechischen Grenze fahren kann. Das allein reicht aber noch nicht. Die Russen müssen auch imstande und willens sein, in Bogen Panzer nach Tschechien zu verladen. Und das hängt von sehr vielen Faktoren ab, die alle außerhalb dieser Schau liegen.)

(Dabei kommt mir ein Gedanke:
Vielleicht ist das Ganze anders herum zu deuten? Womöglich sind die Russen mit den Panzern von Tschechien nach Bogen gefahren und wollen sie auf die Bahn verladen, um sie über die Donau nach Straubing zu bringen. Die Straßenbrücken über die Donau sollen ja bis Regensburg alle gesprengt worden sein, aber die Eisenbahnbrücke steht zu dem Zeitpunkt vielleicht noch. Dann wäre diese Schau eine Warnung an den Major gewesen, daß derart ein Durchbrechen der Front möglich wäre. Unter diesen Umständen wäre die Schau auch jetzt noch relevant.)

Hallo, ITOma!

Hierzu:

„Ich würde eine Schau mit der Sicht eines Bogenschützen auf das Ziel vergleichen, bevor er den Abschuß durchgeführt hat.“

Dem ersten Satzteil, aber nur diesem, kann ich gerade noch gedanklich folgen. „Gerade noch“ deshalb, weil Wörter wie „Bogenschütze“ und „Ziel“ bereits vorbereiten (= vorwegnehmen), was Du im zweiten Satzteil dann ausführst. Wer etwas „schaut“, der „sieht“ etwas. Das ist wie der weiße Schimmel eine Tautologie, aber genau das möchte ich hier festhalten: Schauen ist nicht mehr als Sehen. Jemand kann unscharf oder scharf sehen, sein Sehen, Wahrnehmen kann auch mit unterschiedlichen Absichten und Interpretationen erfolgen, aber es ist dennoch nicht mehr als ein Sehen (wenn auch mit möglichereißen variierenden Ergebnissen) und im Übrigen sind auch mir Theorien wie die bekannt, dass Wahrnehmung eine subjektive Konstruktion der sog. Realität sei (modernes geisteswissenschaftliches Denken) bzw. dass das bloße Beobachten der Realität die Realität bereits verändern würde (modernes naturwissenschaftliches Denken). Ich sage das, weil Deine obige Bildanalogie eine andere Logik hat, eine Logik, die weder mit dem Sehen im alltäglichen Verständnis etwas zu tun hat, noch mit dem Sehen nach modernem geisteswissenschaftlichen oder naturwissenschaftlichen Verständnis. Sollte es anders sein, kannst Du Dich ja dazu äußern. Du vergleichst eine „Schau“ in Deinem bildhaften Vergleich mit zwei (!) – nicht vergleichbaren - Vorgängen, als wäre es ein (!) Vorgang:

1. Das Sehen / (mit den Augen) Anpeilen, Visieren – also grob gesagt: die Wahrnehmung von etwas (in Deinem Beispiel die Wahrnehmung, Beobachtung, Anvisierung usw. eines Wildes), was aktiv wie passiv, mit oder ohne Absicht der späteren Schussabgabe möglich ist;

2. Der Vollzug des Schusses, mit dem – über das bloße Beobachten hinaus! – in die Realität eingegriffen werden soll und auch tatsächlich eingegriffen wird (egal ob der Schuss trifft oder fehl geht!).

Dieser Punkt 2 geht eindeutig, jedenfalls nach meinem Verständnis, über das hinaus, was eine Schau ausmacht. Denn in einer Schau wird geschaut, aber das Geschaute wird nicht aktiv und praktisch geändert und eine solche Veränderung ist vom Schauenden auch nicht intendiert!

Auch ist es wohl doch immer noch so: Egal ob der Schuss auf das Wild trifft oder fehlgeht, das Wild am Boden liegt oder geflohen ist, die Realität des Zustands, in dem sich das Wild nach Abgabe des Schusses befindet, ist so oder so eine andere. Wie auch die Zeit eine ander ist! Denn einmal siehst Du das Wild vor (!) Abgabe des Schusses und das andere Mal danach, Sekunden später, also zu einer anderen (!) Zeit, in der das Wild am Boden liegt oder vielleicht im Wald verschwunden ist. Dein Bildvergleich hinkt also auch in dieser Beziehung. Weder geht es beim Schauen darum, ob ein Schütze während oder kurz nach dem Schauen erfolgreich oder erfolglos aktiv über das bloße Schauen hinaus in die Realität, diese verändern wollend, eingreift – noch wird die geschaute Realität vor dem Schuss etwa dadurch „widerlegt“, dass die Realität nach dem Schuss (egal wie gut oder schlecht der Schütze ist oder dessen äußere Bedingungen sind) ganz zwangsläufig immer eine andere ist.

Bezogen auf Deine Schau einer künftigen Situation des Pasinger Bahnhofs und seiner Umgebung: Du hast mit Deiner Schau nicht in das Geschaute eingegriffen, um es zu verändern ( = Du hast nicht geschossen). Du hast die Situation zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt geschaut, nicht zu einem früheren (z. B. jetzigen) und nicht zu einem späteren. Und all das stellt Deine Schau nicht in Frage.

Alles was ich hier schreibe, erscheint mir so banal, dass ich mich unwillkürlich frage, ob Du mit Deinem Bildvergleich etwas anderes ausdrücken wolltest. Ich habe ihn so genommen, wie ich ihn allein verstehen kann. Und da halte ich ihn für unproduktiv.

Gruß
Richard


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