Wahrnehmung und Wirklichkeit (Schauungen & Prophezeiungen)

ITOma @, Freitag, 18.10.2013, 16:42 (vor 2696 Tagen) @ Taurec (6912 Aufrufe)

Hallo Taurec,

Vielen Dank für Deine detaillierte Auseinandersetzung mit meinen Annahmen. Wir haben da wohl ziemlich unterschiedliche Sichtweisen. Ich werde auch mal versuchen, meine Sichtweise eingehender zu erklären.

Die Zitate Deiner Antwort habe ich kursiv gesetzt.

Mehr oder weniger ist es das schauungsmäßige Äquivalent zu einem atomistischen Fehlschluß, d. h. die vorschnelle Übertragung der Eigenschaften einzelner Elemente auf die Gesamtheit aller Elemente. Sprich: Russischer Einmarsch in Bogen per Bahn nicht mehr möglich. *⇒* Russischer Einmarsch in Deutschland nicht mehr möglich. Das muß aber nicht stimmen.

Richtig, das habe ich auch nicht gemeint. Ich habe mich da nicht deutlich genug ausgedrückt. Nicht der russische Einmarsch in D generell ist derzeit nicht möglich, sondern der russische Einmarsch via Bahn in Bogen.

Meines Erachtens gehst Du von zwei falschen Grundannahmen aus:
1. Diese Schau muß *zwingend* eine physikalisch eins zu eins eintretende Realität zeigen statt lediglich einer symbolisch oder allegorisch nachgebildeten.

Das ist ein Mißverständnis. Ich gehe nicht davon aus, daß Schauungen zwingend eine physikalisch 1:1 eintretende Realität zeigen. Aber es ist meine erste Annahme, und solange ich genug Hinweise dafür finde, werde ich die Schau eher nicht als symbolisch ansehen. "Symbolisch/allegorisch" kommt bei mir erst dann als Deutung in Frage, wenn "physikalisch real" wegen Unwahrscheinlichkeit nicht mehr im Rennen ist.

2. Die Zukunft des Weltgeschehens wäre änderbar und alle Schauungen würden demzufolge mal mehr, mal weniger die Wirklichkeit zeigen, bzw. die Wirklichkeit würde um die Schau herumschwänzeln. Da Schauungen aber per Definition die Wirklichkeit zeigen (aber eben nicht immer grobstofflich korrekt), kann das nicht sein.

In der Tat halte ich die Zukunft des Weltgeschehens grundsätzlich für änderbar. Allerdings kann es sehr schwer sein, sie zu ändern, wenn es sich um bereits in Gang gesetzte Entwicklungen handelt.

Was eine Schauung uns zeigt, wird meiner Meinung nach keineswegs zwingend in der Zukunft zur Wirklichkeit. Die Schau zeigt lediglich die zukünftige Wirklichkeit, wie der/die Schauende sie zum Zeitpunkt der Schau wahrnimmt.

Ich würde eine Schau mit der Sicht eines Bogenschützen auf das Ziel vergleichen, bevor er den Abschuß durchgeführt hat.

Auch wenn er oder sie zwei sehr scharfe Augen hat, ist dadurch keineswegs sichergestellt, daß der Pfeil das Ziel auch trifft. Eine fehlerhafte Schießtechnik, ein Fehler im Material, ein unerwarteter Windstoß, eine versehentliche oder absichtliche Berührung durch den Nachbarn - schon das alles kann dazu führen, daß der Pfeil selbst an einem einwandfrei wahrgenommenen, unbeweglichen Ziel vorbeifliegt.

Daneben kranken viele unserer Schauungen daran, daß sie "einäugig" sind. Es ist eher selten, daß zwei gleichzeitige (also nicht Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte von einander entfernte) Schauungen zum selben Thema vorliegen. (Die Besetzung durch die Russen ist einer dieser Ausnahmefälle, denn es gibt dazu eine Häufung von Schauungen etwa zwischen 1998 und 2008.) In den meisten Fällen sieht aber jede/r für sich allein. Jeder Schütze weiß aber, daß man mit einem Auge Entfernungen nicht gut genug schätzen kann. (Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir bei den Schauungen solche Probleme mit Zeitangaben haben.) Zudem verschiebt sich das Ziel seitlich in der Wahrnehmung, je nachdem, ob es mit dem dominanten Auge wahrgenommen wurde oder nicht.

Noch komplexer wird die Sache, wenn es sich um ein lebendes Ziel handelt. Wenn das Wild den Schützen zu früh wahrnimmt, springt es davon. Oder der Schütze zögert zu lange, und das Wild hat sich aus der Schußlinie bewegt, obwohl es nichts gemerkt hat. Dann geht nicht nur ein evtl. abgeschossener Pfeil daneben, sondern das Ziel verändert sich derart, daß es keines mehr ist! Übertragen auf eine Schau entspricht das dem Fall, wo die Dinge sich inzwischen so entwickelt haben, daß eine Realisierung in den geschauten Umständen erst einmal nicht mehr möglich ist. (Das ist zum Beispiel derzeit bei den "Russen in Bogen" der Fall.) Es kann aber durchaus geschehen, daß das Wild dort wieder vorbeikommt. Wenn dann der Schütze auch wieder dort ist und sonst nichts dazwischen kommt, kann er es doch noch erlegen. (Bei der Schau "Russen in Bogen" würde das heißen, daß die Strecke Bogen-Miltach wieder in Betrieb genommen wird, so daß man von Straubing direkt nach der tschechischen Grenze fahren kann. Das allein reicht aber noch nicht. Die Russen müssen auch imstande und willens sein, in Bogen Panzer nach Tschechien zu verladen. Und das hängt von sehr vielen Faktoren ab, die alle außerhalb dieser Schau liegen.)

(Dabei kommt mir ein Gedanke:
Vielleicht ist das Ganze anders herum zu deuten? Womöglich sind die Russen mit den Panzern von Tschechien nach Bogen gefahren und wollen sie auf die Bahn verladen, um sie über die Donau nach Straubing zu bringen. Die Straßenbrücken über die Donau sollen ja bis Regensburg alle gesprengt worden sein, aber die Eisenbahnbrücke steht zu dem Zeitpunkt vielleicht noch. Dann wäre diese Schau eine Warnung an den Major gewesen, daß derart ein Durchbrechen der Front möglich wäre. Unter diesen Umständen wäre die Schau auch jetzt noch relevant.)

LG
ITOma


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