Irlmaiers Bildersprache (Schauungen & Prophezeiungen)

RichardS @, Donnerstag, 03. Mai 2012, 13:11 (vor 2953 Tagen) @ detlef4643 mal gelesen
bearbeitet von RichardS, Donnerstag, 03. Mai 2012, 13:17

diese ganze voegelei da ist doch fischig.

entweder hat er wirklich richtige tauben gesehen, oder er hat ein rad ab gehabt.
ausgerechnet tauben!
der friedensvogel par excellance! wer kaeme denn auf die krumme idee, tauben fuer ein kriegerisches gleichnis heranzuziehen?

gruss,detlef

Hallo Detlef!

Eyspfeils Gedanke über Irlmaiers Motiv

„Er liebte solche Vergleiche Tauben = Kampfflieger.
Propheten drückten sich schon in frühen, alten Zeiten poetisch aus.
Vielleicht wollte Irlmaier diese Tradition fortsetzen.“

etwas weniger respektvoll zu Ende gedacht, ergibt folgendes:

Irlmaier lag daran, beim Volk als Prophet zu gelten (also Zukunftsvisionen zu haben, nicht bloß einer zu sein, der bei Kriminal- und anderen Fällen durch seine Gabe helfen kann). Und im Verständnis „einfacher“ Menschen – zu denen Irlmaier neben dem überwiegenden Teil seines Klientels auch sich selber zählte – zeichnet sich ein Prophet eben auch durch eine blumige Sprache aus. Metaphern machten also das von ihm Gesehene noch ein gewaltiges Stück glaubhafter. Bedeutungsvoller. Geheimnisumwitterter. Letzteres, das Geheimnisumwitterte, darf allerdings nicht so stark aufgetragen sein, dass der Sinn völlig im Dunkeln bleibt; man muss sie auch als „einfacher“ Mensch immer noch verstehen können. Siehe Eyspfeil, der schon als Kind wusste, dass mit den Tauben aus dem Sand keine weißen Brieftauben gemeint sein konnten. Eine etwas geheimnisumwitterte Ausdrucksweise hat noch einen weiteren Vorteil: Man muss sich nicht immer genau festlegen. Wenn Baldur (weiter oben) fragt

„Wieso großes Wasser, statt einfach Atlantik ?“,

dann ist meine Antwort: Weil „großes Wasser“ nicht nur bedeutungsvoller, rätselhafter klingt, sondern eben auch verschiedenes Gewässer bedeuten kann: z. B. den Atlantik oder das Mittelmeer. Bei zu genauer Festlegung könnten rasch Zweifel aufkommen, technisches oder anders begründetes Hinterfragen, profanes Herumgekrittel, und das nur, weil der Seher den Profanen alles Gesehene zu profan auf dem Präsentierteller servierte. In solche Niederungen will doch keiner heruntergezerrt werden, jedenfalls nicht durch sein eigenes Tun dem Vorschub leisten. Irlmaier war sicher schlau genug (auch für eine doch erkleckliche Anzahl von Betrugshandlungen im eigenen Leben bedarf es einer gewissen Schläue), um rein intuitiv das zu erkennen. Auch der Papst soll in den Wirren über ein „großes Wasser“ flüchten, auch hier „zwingt“ die etwas unklare Sachaussage die Phantasie der geneigten Adressaten geradezu dazu, herumzuspekulieren und enträtseln zu wollen, welches Gewässer denn wohl genau mit der Metapher gemeint sein könnte. Hätte Irlmaier behauptet, der flüchtende Papst setze dereinst aus der Schweiz über den Bodensee nach Konstanz über, falls er dies so konkret gesehen hätte: Zumindest alles Geheimnisvolle wäre weg. Von den einen abgehakt, von anderen in Zweifel gezogen. Aber so… Bleibt höchstens die Variante, dass Irlmaier bei solchen Bildern, wenn er sie sah, auch tatsächlich nicht mehr als das in diesen Bildern Ausgedrückte sah. Was in anderen Fällen allerdings ausgeschlossen werden muss: Da z. B., wo Irlmaier behauptet, nicht sagen zu dürfen, wie die Stadt oder die Gegend heiße, die dereinst der Vernichtung anheimfalle oder Ziel eines Angriffs sei.

Deine Alternative „entweder hat er wirklich richtige tauben gesehen, oder er hat ein rad ab gehabt“ bezweifle ich darum. Richtige Tauben legen keinen „gelben Strich“, der quer von Süd nach Nord bis zu einer (nicht klar benannten) Bucht alles Leben auf und sogar ein Stück unter der Erde vernichtet; auch der Seher Irlmaier weiß das; und müsste auch nicht betonen, dass diese Tauben unbemannt seien. Und ob er ein Rad abgehabt hat, bloß weil er „ausgerechnet tauben! der friedensvogel par excellance!“ „fuer ein kriegerisches gleichnis“ heranzog? Nicht unbedingt, meine ich. In der Logik „unseres“ Szenarios (ich weiß, es nicht Deines) trägt der „Gelbe Strich“ (neben der Naturkatastrophe und dem militärischen Widerstand vor Ort) zur Kriegswende bei, bringt als kriegerischer Akt also den Frieden… (Militärs und Politiker lieben im Übrigen eben solche verdrehten Metaphern, von wegen „wer kaeme denn auf die krumme idee“.) Außerdem kann die schiere Zahl der unbemannten militärischen Flugzeuge Irlmaier zu dem Vergleich mit dem Schwarm von Tauben angeregt haben. Falls Irlmaier etwas in der Art sah. Rein gefühlsmäßig nehme ich ihm das bis auf weiteres ab, eben weil (!) es in einem derart schrägen Bild wiedergegeben ist, und weil es außerdem meines Wissens nirgendwo sonst auftaucht, ganz im Unterschied zu so vielen anderen Visionen, die (auch) Irlmaier gehabt haben will oder soll.

Mein Fazit zum Taubenbild: Etwas schräg, aber ehrlich, d. h. das Wahrgenommene durch den Bildausdruck nicht zu sehr strapaziert und im Sinn verfälscht. Andrerseits liegt für mich auch hier auf der Hand, dass sich Irlmaier in dem Bild der „Tauben“ sicher gefallen haben dürfte, eben weil er auch mit dieser Bildersprache wieder einmal bekräftigte, Dinge zu sehen, wie sie nach landläufiger und damit auch seiner Meinung nach nur Visionäre / Propheten sehen (von den einen als Irre oder Käuze verlacht und von den anderen als begnadete und herausgehobene Personen bewundert und verehrt).

Gruß
Richard


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