Re: etwas mit der GIER dies Menschen

Geschrieben von Johannes am 08. Mai 2005 01:21:10:

Als Antwort auf: etwas mit der GIER dies Menschen geschrieben von Georg am 07. Mai 2005 20:05:45:

> Aber ich werde auf deinen Einwurf oben ausführlich antworten - bis später
> habe jetzt keine Zeit dazu diese fertig zu schreiben.


Hallo Georg,

danke, ich freue mich schon drauf. Vielleicht sehen wir ja beide im Endeffekt das gleiche und kommen nur von völlig unterschiedlichen Seiten, so daß unser Blickwinkel völlig anders aussieht. Aber genau deswegen frage ich ja nach.

Ich greife jetzt hier auch mal den Punkt von Henry auf:

> Ich gebe Dir 1.000 Euro, Du gibst mir 1.050 zurück - aber wie, Du kannst Geld
> nicht selbst drucken. Und "Du" bist symbolisch für die ganze Gesellschaft,
> die einen neuen Kredit aufnehmen muß, um die 50 Euro Zinsen zahlen zu können.
> Auf dieser Weise steigen die Schulden immer mehr.

Ja, das Problem sehe ich auch. Und so wird von den Freigeld-Vertretern ja auch oft das Problem des Zinsgeldes erklärt: Sie sagen, wenn auf dem Geld ein Zins läge, dann müssen ja Probleme entstehen, denn wenn ich kein Geld drucken, sondern nur leihen kann, und auf das geliehene Geld Zinsen anfallen, dann verschulde ich mich immer mehr.

Einerseits Zustimmung, aber betrachten wir das gleiche im Freigeld. Da bekommst Du auch 1.000 Euro, aber dieses Geld wird komplett wertlos, wenn Du es nicht schaffst, zum Jahresende 50 Euro zu zahlen (oder diese Gebühr einem anderen aufs Auge zu drücken). Was passiert? Der Preis bleibt gleich, Du hast aber nur noch 950 Euro, und so schwindet Dein Geld immer mehr, bis Du trotz gleichen Preisen nichts mehr hast, um davon leben zu können.

Die Freigeldlehre sagt nun (korrigiere mich, wenn ich das falsch sehe), es sei ja erwünscht, daß mein Geld von alleine weniger würde. Denn dadurch würde ich nicht auf die Idee komme, es zu horten, sondern müsse es arbeiten lassen, und dies wiederum fördere die Wirtschaft.

Aber nun vergleiche doch mal die beiden Systeme: In beiden mußt Du zusehen, daß Du (bzw. das Gesamtsystem) bis zum Jahresende 50 Euro aufbringt. Im "Zinssystem" wird das Aufbringen der 50 Euro dann als Zins und Zwang zur Verschuldung bezeichnet, im Freigeldsystem als Umlaufsicherungsgebühr, die die Wirtschaft in Schwung halte.

Du siehst mein Problem? Denn im Grunde sehe ich hier keinen Unterschied, denn man beleuchtet ja jeweils nur die andere Seite der gleichen Medaille. Denn auch die Umlaufsicherungsgebühr könnte man mit Zwang zur Verschuldung gleichsetzen.

Wo kommt nun der Unterschied in der Betrachtung her? Warum werden die gleichen zu zahlenden 50 Euro einmal als Systemfehler gesehen, ein anderes mal als Sicherungsinstrument? Für meine Begriffe liegt es daran, daß man die 50 Euro des "Zinssystems" vor dem Hintergrund der realen Verschuldung betrachtet, aber die 50 Euro des Freigeldsystems vor einem idealisierten Hintergrund, in dem niemand Schulden hat, für die er Zinsen zahlen muß außer der sog. Umlaufsicherungsgebühr.

Und sind die 50 Euro Zins bzw. Umlaufsicherungsgebühr nun ein Problem oder nicht bzw. wie kann man verhindern, dadurch in die Verschuldungsfalle zu geraten ("Zinssystem") bzw. enteignet zu werden (Freigeldsystem)?

Ja, ich meine, das sei lösbar. Die Frage lautet, wie bringe ich die 50 Euro auf? Und dazu schlage ich vor, Geld mal etwas grundsätzlicher zu betrachten. Geld ist eine Dienstleistung des Staates, die uns einen bequemen Warentausch ermöglicht. Und dafür verlangt der Staat eine Gebühr, nämlich jene 50 Euro, die wir aufbringen müssen je 1.000 Euro, die in Umlauf sind.

Diese Gebühr ist aber nur eine von vielen Gebühren, die der Staat von uns verlangt, denn er erhebt, sobald wir uns am System beteiligen, auch Steuern. Das sind nicht einfach Zahlungen, die verschwinden, sondern das sind quasi Gutscheine, die wir tauschen. Wir bieten die Gutscheine (Geld), die wir aus unserer eigenen Arbeit bekommen, dafür an, daß andere für uns arbeiten (Feuerwehr, Polizei, Lehrer, ...).

Ich hätte es vielleicht auch einfacher formulieren können und sagen, die 50 Euro sind eine der vielen Steuern, die wir aufbringen müssen, damit das Gesamtsystem funktioniert. Und da gibt es Dutzende Steuern, Hunderte, die Gebühr für das Geld an sich macht nur einen kleinen Teil aus.

Und nun sind wir bei der Lösung, wie ich sie für die Geldkosten (die 50 Euro) sehe: Die sind erstmal nicht schlimmer oder besser als andere Steuern (oder nenne sie Grundausgaben), aber - ganz wichtig - sie dürfen in ihrer Gesamtheit keine Höhe erreichen, die für den Einzelnen nicht aufzubringen ist. Steuern (inkl. den Kosten für das Geld, daß der Staat oder sonstwer zur Verfügung stellt) sind z.B. kein Problem, wenn der Einzelne nur 5 oder 10 Stunden im Monat dafür arbeiten muß, die restliche Zeit aber für sich selbst arbeitet.

Wird der Staatsanteil aber immer höher (wobei die Geldausgabekosten derzeit nur einen sehr geringen Teil ausmachen) und steigt auf 40, 50, 60 und mehr Stunden, so ist das irgendwann nicht mehr zu schaffen und das System muß auf Dauer kollabieren. Steuern (= Arbeiten für die Allgemeinheit, weil die Allgemeinheit auch Leistungen für jeden Einzelnen bietet) sind also, so sehe ich das, nicht ein Grundproblem an sich, sondern erst dann, wenn sie zu hoch werden.

Wieder zurückgeführt auf unsere Geldfrage: Die 5% Kosten auf die vorhandene Bargeldmenge sind kein Problem, sondern sie stellen nur einen Teil unserer Grundkosten da. Wahrscheinlich betragen die Kosten für die Ausgabe des Geldes umgerechnet nur wenige Arbeitsminuten für jeden von uns. Man kann sich nun streiten, wie hoch die Geldmenge sein sollte (wie oft dann also die 50 Euro anfallen), aber dies ist nicht abhängig von der Art des Geldes, so daß wir das außer Acht lassen können.

Du wirst sicher gemerkt haben, daß ich bewußt von den Ausgabekosten des Geldes spreche, denn mir ist die Unterscheidung zu den sonstigen Zinsen wichtig. Das eine ist der Grundzinssatz bzw. die Umlaufgebühr (Position 1 aus meinem Anfangsbeitrag), das andere sind die sonstigen Zinsen, und da sind wir wieder bei den Schulden. Für Investitionen sind Schulden durchaus sinnvoll, aber wir haben die Grenze überschritten, an denen die Schulden zurückgezahlt werden können.

Die Frage ist also nicht, wie ich die Kosten für die Ausgabe des Geldes erhebe, denn die sind (im Verhältnis) verschwindend gering. Die Frage ist, wie verhindere ich, daß zuviel Zinsen gezahlt werden müssen für Schulden. Zins verbieten und durch eine Leihgebühr ersetzen? (ähm, ändert das was oder ist das nicht nur eine andere Bezeichnung für das gleiche?). Gar keine Schulden mehr - aber wie dann Wachstum finanzieren bzw. können wir darauf verzichten? Da gibt es viele Denkansätze, die ich sehe. Aber was ich nicht sehe, daß ist, daß sich an den Zinsen (Schulden) allein dadurch etwas ändern würde, daß ich die 50 Euro Geldausgabegebühr auf eine andere Art erhebe.

Es gibt übrigens noch einen Punkt, der mich beim Freigeld interessieren würde: Es wird immer damit geworben, daß es eine Kaufpreisstabilität bieten würde, der Gogo regelt das z.B. über einen Kaufpreisindex. Schön, aber das baut doch wiederum darauf auf, daß es ein Bezugssystem gibt, gegenüber dem der Kurs (der Wert) des Freigeldwährung festgelegt wird. Mit anderen Worten, es scheint vom Prinzip her nur als Nischensystem zu funktionieren, nicht aber als Komplettwährung. Das können wir aber gern auf später vertagen.

Einen anderen Vorteil hat Regiogeld natürlich, denn man ist gezwungen, das Geld regional auszugeben, wenn man keine Umtauschverluste haben will. Aber das lokale Handeln könnte auch so stattfinden, das hängt mehr von der Einstellung der Menschen ab. Auch wenn Regiogeld dies natürlich durch wirtschaftlichen Druck unterstützt. Aber in der Konsequenz Hunderte von Regiowährungen allein in Deutschland?

Wie gesagt, das ganze interessiert mich schon lange. Und ich versuche zu trennen, welches Problem woran liegt. Aber dazu darf ich kein reales System mit einem idealen System vergleichen, sondern muß mir auch überlegen, wodurch die Realität entsteht (hier: Zinszahlungen für Schulden zusätzlich zur Geldausgabegebühr) und wie ich das ändern bzw. für die Zukunft verhindern kann. Durch eine andere Art von Geld? Oder durch ein anderes Denken in Bezug auf Erfolg, Wirtschaft, etc.?

Gruß

Johannes


Antworten: