Re: Die neuen Faschisten
Geschrieben von Napoleon am 17. November 2003 15:03:52:
Als Antwort auf: Re: Terrorismus: Gewalt im Islam geschrieben von Bine am 17. November 2003 13:58:17:
Der radikale Islam hat Züge angenommen, die uns an die faschistischen Bewegungen in Europa erinnern.
Von Francis Fukuyama
Die islamische Welt unterscheidet sich heutzutage von anderen Weltkulturen in einem wichtigen Punkt. In den letzten Jahren hat sie als Einzige wiederholt bedeutende radikale moslemische Bewegungen hervorgebracht, die nicht nur die Politik des Westens ablehnen, sondern das wichtigste Grundprinzip der Moderne selbst, das der religiösen Toleranz. Diese Gruppen haben den 11. September gefeiert, weil eine Gesellschaft gedemütigt wurde, von der sie glauben,
dass sie in ihrem Innersten verdorben ist. Diese Verdorbenheit ist nicht nur eine Sache von sexueller Freizügigkeit, Homosexualität und von Frauenrechten, wie sie im Westen existieren, sondern stammt ihrer Ansicht nach von der Weltlichkeit selbst. Was sie hassen, ist, dass der Staat in westlichen Gesellschaften sich der religiösen Toleranz
und dem Pluralismus widmet anstatt der religiösen Wahrheit zu dienen.Wenn wir erkennen, dass der zu Grunde liegende Kampf sich nicht nur gegen tatsächliche Terroristen richtet, sondern gegen radikale Islamisten, die die Welt als manichäischen Kampf betrachten zwischen Gläubigen und Ungläubigen,
dann sprechen wir nicht mehr von einer kleinen und isolierten Gruppe von Fanatikern.Warum entstand plötzlich diese neue Form des radikalen Islamismus? Soziologisch betrachtet, unterscheiden sich die
Gründe nicht gänzlich von denen, die Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts zum Faschismus führten. Die islamische
Welt hat erlebt, wie in der letzten Generation grosse Bevölkerungsteile aus ihrem traditionellen Dorf- oder Stammes-
leben herausgerissen wurden. Viele wurden urbanisiert und einer abstrakteren literarischen Form des Islam ausgesetzt,
die sie zurückführt zu einer reineren Form der Religion, genau so, wie der extremistische deutsche Nationalismus
versuchte, eine sagenumwobene, längst vergangene rassische Identität wieder zu beleben. Diese neue Form des
radikalen Islam ist deswegen so äußerst reizvoll, weil sie vorgibt, den Verlust von Werten und die kulturelle
Orientierungslosigkeit zu erklären, die der Prozess der Modernisierung selbst verursacht hat.Deswegen dient es vielleicht der Klärung festzustellen, dass der momentane Konflikt nicht einfach ein Kampf gegen
den Terrorismus ist oder gegen den Islam als Religion oder Zivilisation, sondern gegen den islamischen Faschismus -
das heißt die radikal intolerante und antimoderne Doktrin, die sich in der letzten Zeit in vielen Teilen der islamischen
Welt verbreitet hat. Viel von der Verantwortung für den Aufstieg des islamischen Faschismus muss man Saudi-Arabien
zuschreiben. Die Geschicke der saudi-arabischen Königsfamilie sind seit vielen Jahren verschlungen mit denen der
puritanischen Sekte der Wahhabiten. Erstere hat jahrelang versucht, sowohl Legitimität als auch Schutz von den
Klerikern zu erhalten, indem sie die Wahhabiten unterstützten. Doch die saudi-arabischen Herrscher tätigten
grosse neue Investitionen, als sie in den 80ern und 90ern ihre Form des Islam förderten, besonders nach der
gescheiterten Übernahme der Grossen Moschee in Mekka im Jahre 1979. Die Ideologie der Wahhabiten ist problemlos
als islamische Form des Faschismus zu identifizieren: Ein Textbuch für den Gebrauch in saudi-arabischen zehnten
Klassen erklärt: "Es ist eine Pflicht für die Moslems, einander treu ergeben zu sein und die Ungläubigen als ihre Feinde zu betrachten."Ein letzter Grund, warum der islamische Faschismus in den 80ern und 90ern so viel Erfolg hatte, hat mit den "Grund-
ursachen" zu tun wie der Armut, der wirtschaftlichen Stagnation und der autoritären Politik im Mittleren Osten, die Zündstoff sind für politischen Extremismus. Aber angesichts der häufigen Beschuldigung, dass die USA und andere
westliche Länder hätten handeln können, um sie auf entscheidende Weise zu lindern, müssen wir uns äußerst klar
darüber sein, wo die tatsächlichen Wurzeln dieser Grundursachen liegen.Tatsächlich hat die außenstehende Gemeinschaft durch internationale Einrichtungen wie der Weltbank die ganze Zeit
über moslemischen Ländern geholfen, genau wie die USA in ihren bilateralen Geschäften mit Nationen wie Ägypten und
Jordanien. Allerdings hat wenig von dieser Hilfe etwas genützt, weil das zu Grunde liegende Problem ein politisches in
der moslemischen Welt selbst ist. Die Möglichkeiten für wirtschaftliche und politische Reformen waren immer da, aber
nur wenige moslemische Regierungen, und insbesondere keine arabischen Regierungen, haben die Art von Politik
betrieben, die von Ländern wie Südkorea, Taiwan, Chile oder Mexiko verfolgt wird, um ihre Länder der Weltwirtschaft
zu öffnen und die Grundlagen für eine anhaltende Entwicklung zu legen. Keine arabische Regierung hat sich eigen-
ständig dafür entschieden, freiwillig zurückzutreten zu Gunsten einer demokratischen Regierung, wie die spanische
Monarchie es nach der Diktatur Frankos tat oder die Nationalisten in Taiwan oder die verschiedenen Militärdiktaturen
in Argentinien, Brasilien, Chile und anderen Teilen Lateinamerikas. Es gibt nicht ein einziges Beispiel eines Ölstaates am
Persischen Golf, der seinen Reichtum genutzt hätte, um eine sich selbst tragende Industriegesellschaft einzurichten,
anstatt eine Gesellschaft voller korrupter Rentiers zu schaffen, die mit der Zeit zu immer fanatischeren Islamisten
werden. Diese Versäumnisse und nicht irgendetwas, was die Aussenwelt getan oder unterlassen hat, sind die Grundursachen der Stagnation in der moslemischen Welt.Die Herausforderung besteht heute für die USA aus mehr als nur einem Kampf gegen eine winzige Bande von
Terroristen. Die See des islamischen Faschismus, auf der die Terroristen segeln, stellt eine grundlegende ideologische
Herausforderung dar. Wie wird der allgemeine Lauf der Geschichte von jetzt an aussehen? Wird der radikale Islam
immer mehr Anhänger finden und neue und stärkere Waffen, um den Westen anzugreifen? Selbstverständlich können
wir das nicht wissen, aber bestimmte Faktoren werden entscheidend sein.Der erste ist das Ergebnis der laufenden militärischen Operationen in Afghanistan gegen die Taliban und Al Qaida und
darüber hinaus gegen Saddam Hussein im Irak. So gerne man auch glaubt, dass Ideen als Resultat ihrer inneren
moralischen Schlüssigkeit leben oder sterben, so bedeutet Macht doch eine ganze Menge. Der deutsche Faschismus
brach nicht zusammen wegen interner moralischer Widersprüche, sondern weil Deutschland zu Schutt gebombt und
von alliierten Armeen besetzt war. Osama Bin Laden gewann in der gesamten moslemischen Welt gewaltige Popularität
durch den erfolgreichen Anschlag auf die Zwillingstürme. Wenn man ihn, metaphorisch gesagt, an einem öffentlichen
Platz an eine Laterne hängt, ihn und seine Beschützer von den Taliban, wird seine Bewegung gleich sehr viel weniger
reizvoll aussehen. Sollte sich der militärische Konflikt dagegen ineffektiv in die Länge ziehen, wird der islamische
Faschismus mehr Unterstützung erhalten.Die zweite und entscheidendere Entwicklung muss aus dem Islam selbst kommen. Die moslemische Gemeinschaft
muss sich entscheiden, ob sie Frieden mit der Moderne schließen will und besonders mit dem Schlüsselprinzip eines
weltlichen Staates und religiöser Toleranz. Die islamische Welt steht heute an der Weggabelung, an der das christliche
Europa während des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert stand: Die religiöse Politik treibt einen potenziell
endlosen Konflikt an, nicht nur zwischen Moslems und Nicht-Moslems, sondern zwischen unterschiedlichen Glaubens-
gruppen innerhalb des Islam (viele der Bombenanschläge in Pakistan sind Resultate von Fehden zwischen Sunniten
und Schiiten). In einer Zeit von biologischen und atomaren Waffen könnte das zu einer Katastrophe für alle führen.Es gibt einige Hoffnung, dass sich ein liberalerer Strang des Islam entwickeln wird. Denn eine islamische Theokratie
ist etwas, das die Menschen nur im Abstrakten anspricht. Diejenigen, die tatsächlich unter solchen Regime leben
mussten, wie im Iran und in Afghanistan, haben erdrückende Diktaturen erlebt, deren Führer unbedarfter mit
Problemen von Armut und Stagnation umgehen als die meisten. Selbst während der Ereignisse des 11. September
gab es in Teheran und vielen anderen iranischen Städten andauernde Demonstrationen von Tausenden junger
Menschen, die genug haben vom islamistischen Regime und eine liberale politische Ordnung wollen. Ihre früheren
Chöre von "Tod den Amerikanern!" ersetzten sie mit den Rufen "Wir lieben Amerika", selbst als amerikanische Bomben
nebenan auf die Taliban in Afghanistan niederprasselten.An einer liberalen Form des Islam interessierte Moslems müssen damit aufhören, den Westen dafür zu verurteilen, dass
er den gesamten Islam über einen Kamm schert, und sich überwinden, die Extremisten unter ihnen zu isolieren und
zurückzuweisen. Es gibt einige Hinweise darauf, dass dies bereits geschieht. Amerikanische Moslems werden sich des
Einflusses der Wahhabiten in ihrer eigenen Gemeinde bewusst, und vielleicht kommt man auch in anderen Ländern zu
dieser Einsicht, wenn das Blatt sich entschieden gegen die Fundamentalisten in Afghanistan wendet.Der Kampf zwischen westlicher liberaler Demokratie und dem islamischen Faschismus ist keiner zwischen zwei gleich
lebensfähigen kulturellen Systemen, die beide moderne Wissenschaft und Technologie beherrschen können, Reichtum schaffen und sich mit der De-facto-Vielfalt der zeitgenössischen Welt beschäftigen. In all diesen Bereichen haben westliche Institutionen die besseren Karten, und deswegen werden sie damit fortfahren, sich langfristig über den Globus zu verbreiten. Aber um zu dieser Langfristigkeit zu gelangen, müssen wir kurzfristig überleben. Und unglück-
licherweise gibt es keine Unvermeidlichkeit des historischen Fortschritts, und wenige gute Ergebnisse werden erreicht ohne Führung, ohne Mut und ohne die Entschlossenheit, für die Werte zu kämpfen, die moderne demokratische Gesellschaften möglich machen. A. d. Engl. von Pascal Edelmann Francis Fukuyama ist wie Bernard Schwartz
Professor für internationale Wirtschaftspolitik an der Johns-Hopkins-Universität und Autor von "Das Ende der Geschichte".Thorshammer