Jessica Lynch demontiert ihren Mythos
Geschrieben von mica am 11. November 2003 18:13:34:
Als Antwort auf: NACHRICHTEN (11.11.2003) (o.T.) geschrieben von Scorp am 11. November 2003 12:40:40:
Zwischen Propaganda und Showbusiness
Soldatin Lynch wehrt sich gegen Vereinnahmung durch Pentagon.Die aus irakischer Gefangenschaft befreite ehemalige US-Soldatin Jessica Lynch hat die US-Streitkräfte heftig kritisiert.
In einem Interview erklärte die 20-Jährige, die Truppen hätten ihre Gefangennahme und dramatische Rettung benutzt, um die Unterstützung der Öffentlichkeit für den Krieg zu gewinnen.
"Gekämpft bis zum Umfallen"Nach dem Überfall auf Lynchs Konvoi im Irak am 23. März war zunächst berichtet worden, die junge Frau habe gegen ihre Angreifer gekämpft, bis ihr die Munition ausgegangen sei. Mehrere andere US-Soldaten waren getötet worden.
Zunächst hieß es, sie habe Stich- und Schusswunden davongetragen. Später erklärten die Streitkräfte dann, sie sei nicht von Kugeln getroffen worden. In Wahrheit hatte Lynch mehrere Knochenbrüche erlitten.
"Nicht einen Schuss abgegeben"Lynch sagte in einem Interview mit dem US-Sender ABC, sie habe nicht einen Schuss abgegeben. Ihre Waffe habe geklemmt.
"Ich bin auf die Knie gegangen und habe gebetet. Das ist das Letzte, an das ich mich erinnere." Lynch wurde für ihren Einsatz mit mehreren Medaillen ausgezeichnet.
"Tollkühne" Befreiung ohne GegenwehrNach acht Tagen war Lynch aus einem irakischen Krankenhaus befreit worden - unter Anwesenheit einer ganzen Armada von Fernsehteams. Auch diese Militäraktion war weniger tollkühn als zunächst behauptet: Offenbar hielten sich in dem Krankenhaus keine irakischen Soldaten auf, als die US-Spezialtruppen dort eintrafen.
"Als Symbol benutzt"Es habe keinen Grund gegeben, die Befreiung zu filmen, sagte Lynch der US-Fernsehmoderatorin Diane Sawyer.
Der Medientrubel um die Soldatin ging dann erst richtig los: Sie wurde als Kriegsheldin gefeiert. "Sie haben mich als eine Art Symbol benutzt", kritisierte die junge Frau: "Ich bin keine Heldin."
Armee verlassenLynch kehrte nach einem langen Krankenhausaufenthalt im Juli in ihre Heimat im US-Staat West Virginia zurück. Auch Monate nach ihrer Befreiung erhält sie fünf Mal in der Woche zwei Stunden Physiotherapie und muss 18 Tabletten am Tag nehmen.
Sie hat kein Gefühl in ihrem linken Fuß und geht mit Stützen. Inzwischen wurde sie auf eigenen Wunsch ehrenhaft aus der Armee entlassen.
Schicksal verfilmtLynchs Schicksal wurde mittlerweile vom US-Sender NBC verfilmt. Schon der Titel "Saving Jessica Lynch" - eine Anspielung auf Steven Spielbergs Kriegsepos "Saving Private Ryan" - verspricht eine patriotische Heldengeschichte.
Der am vergangenen Samstag erstmals ausgestrahlte Fernsehfilm lässt kein Klischee aus: Es sei die Geschichte "unglaublichen Mutes", heißt es in dem Pressetext.
Biografie veröffentlichtLynch selbst lehnte eine Mitarbeit am Film ab: Sie hat ihre eigene Version der Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Rick Bragg in Buchform festgehalten: "I Am a Soldier, Too: The Jessica Lynch Story" (Ich bin auch ein Soldat: Die Geschichte der Jessica Lynch) kam am Dienstag in die US-Buchhandlungen.