Geht hinein durch die enge Pforte (Links korrigiert)

Geschrieben von Elias Erdmann am 28. Oktober 2003 00:18:11:

Als Antwort auf: Bibel "Fiktionsliteratur"? geschrieben von Pez am 27. Oktober 2003 21:53:54:

Hallo Pez,

ich kenne zwar nicht den vollständigen Spiegel-Text, habe mich aber auch schon seit einiger Zeit mit diesem Thema intensiv beschäftigt. Es ist tatsächlich so, dass inzwischen sehr viele Theologen sehr kritisch an die biblischen Texte rangehen. Und viele biblische Geschichten sind tatsächlich aus historischer und archäologischer Sicht absolut nicht haltbar. Doch vom aktuellen Stand der biblischen Forschung erfährt der Durchschnittsgläubige leider nur sehr wenig.

Diese historischen Fehler sind teilweise ein sehr wichtiges Kriterium bei der Beurteilung von Prophezeiungen, gerade dann, wenn es im Zusammenhang mit den Prophezeiungen auch zu Neuoffenbarungen kommt. Wenn Neuoffenbarungen bei solchen Stellen mit der Bibel übereinstimmen, die historisch nicht haltbar sind, so kann das ein wichtiger Hinweis sein, dass wir es mit einer Rückkopplung zu tun haben – mit einer „Nachplapper-Offenbarung“.

Es gibt jedoch noch einen anderen Effekt. Manche biblische Texte transportieren die eigentliche Bedeutung auf einer symbolischen Ebene. Die „historische Erzählform“ wurde nur als Verpackung für den verborgenen bzw. esoterischen Sinn gewählt. Den Autoren ging es um den Inhalt und da wurde notfalls die pseudohistorische Rahmenhandlung etwas zurechtgebogen. Damals konnte ja noch keiner ahnen, dass das verborgene Wissen mal komplett vergessen würde und dass es irgendwann mal Menschen geben würde, die nur noch an diese Rahmenhandlung glauben.

Die rein historische Betrachtungsweise geht natürlich voll an der Intension der Autoren vorbei. Man konzentriert sich auf eine Rahmenhandlung und stellt fest, dass diese historisch nicht stimmt. Dass der eigentliche Sinn in der Symbolik der Handlung verpackt ist, geht dabei vollkommen unter.

Und so gibt es heute hauptsächlich zwei Betrachtungsweisen:

1) Manche glauben an die Rahmenhandlung und ignorieren die historischen Fakten und die Widersprüche. Auf diese Weise verkommt die Religion zum Aberglauben.
2) Andere betrachten auch nur die Rahmenhandlung. Aber sie berücksichtigen die historischen Fakten und die Widersprüche und können daher nicht mehr an die Rahmenhandlung glauben. Doch auf diese Weise bleibt von der Religion nichts mehr übrig.

Mit meiner Homepage Mythen und Visionen zeige ich, dass es einen dritten Weg gibt, wenn man die Texte als Verpackung für eine verborgene bzw. esoterische Lehre interpretiert. Verglichen mit den beiden Hauptströmungen „Aberglauben und materieller Rationalismus“ ist das ein sehr schmaler und schwieriger Weg, aber das sollte einen nicht abschrecken.

Immerhin steht schon in der Bibel: Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind's, die ihn finden! (Mt. 7,13)

95 Thesen über die Notwendigkeit einer zweiten Reformation
Liebes-Leben - Ein fiktives Interview mit Gott
Die drei Ebenen der Schöpfung
Prophezeiungen - eine esoterische Deutung des Phänomens

Das alte Testament:
Die Symbolik der Genesis (PDF)
Die zehn biblischen Plagen
Die „zehn“ Gebote


Das neue Testament:
Der Jesus-Mythos – Eine esoterische Sicht auf die Evangelien
Die wundersame Brotvermehrung
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn
Das Perlenlied des Apostel Judas Thomas

Über die Themensammlung findet man noch weitere Interpretationen.

Es gibt übrigens einen ganz wichtigen Grund, warum der eigentliche Sinn in eine Rahmenhandlung verpackt wurde. Man hätte ihn ja auch in Klartext in die Bibel schreiben können und das wäre ja viel einfacher gewesen.

Einen Sinn, der in Klartext vor einem steht, den kann man glauben oder nicht. Wenn man aber selbst die Fähigkeit entwickelt, den Sinn auszupacken, dann kann man ihn auch selbst in den Mythen, Visionen und Prophezeiungen erkennen und auch im eigenen Leben.

Wenn man die Fähigkeit entwickelt, selbst den Sinn auspacken zu können, dann ist das fast so ähnlich, als ob man lesen lernt. Man kann nun einen tieferen Sinn lesen – in der Bibel, in den Mythen, in den Visionen, in den Prophezeiungen, in den Träumen und im eigenen Leben. Und wer selbst lesen kann, der muss nicht mehr glauben, was andere ihm vorlesen. Und man merkt auch, wenn man einen „symbolischen Analphabeten“ vor sich hat, der nur so tut, als würde er lesen.

Damit bekommt man auch eine vollkommen neue Perspektive auf die Prophezeiungen.

Die Bibel enthält übrigens einige wunderschöne Geschichten, um daran dieses symbolische Lesen zu lernen.

Dass es in der Bibel einen verborgenen Wortsinn gibt, steht übrigens sogar im katholischen Kathechismus:

117 Der geistliche Sinn. Dank der Einheit des Planes Gottes können nicht nur der Schrifttext, sondern auch die Wirklichkeiten und Ereignisse, von denen er spricht Zeichen sein.
1. Der allegorische Sinn. Wir können ein tieferes Verständnis der Ereignisse gewinnen, wenn wir die Bedeutung erkennen, die sie in Christus haben. So ist der Durchzug durch das Rote Meer ein Zeichen des Sieges Christi und damit der Taufe (1.Kor.10,2).
2. Der moralische Sinn. Die Geschehnisse, von denen in der Schrift die Rede ist, sollen uns zum richtigen Handeln veranlassen. Sie sind uns „ein Beispiel ... uns zur Warnung ... aufgeschrieben“ (1.Kor.10,11, vgl. Hebr.3,1-4,11).
3. Der anagogische Sinn. Wir können Wirklichkeiten und Ereignisse in ihrer ewigen Bedeutung sehen, die uns zur ewigen Heimat hinaufführt [griechisch: „anagogé“]. So ist die Kirche auf Erden ein Zeichen des himmlischen Jerusalem (vgl. Offb.21,1-22,5).

[aus dem katholischen Katechismus, Artikel 3, III, 115-117]

Leider ist aber der anagogische Wortsinn innerhalb der Kirche ziemlich in Vergessenheit geraten und selbst viele Theologen reagieren nur noch mit einem Schulterzucken, wenn man sie darauf anspricht.

Ich würde es so formulieren: Den anagogischen Sinn erkennen wir, wenn wir die biblische Geschichte als ein Gleichnis für eine höhere Wirklichkeit betrachten. Genau das mache ich mit meinen Bibel-Interpretationen.

Und für diesen angogischen Sinn ist es völlig irrelevant, ob sich die Geschichten damals wirklich exakt so ereignet haben oder nicht. Wenn man das Christentum als einen Weg betrachtet, der uns die höhere Wirklichkeit zugänglich machen kann, so verliert dieses Christentum absolut keine Substanz, wenn man erkennt, dass die Geschichten historisch nicht passen.

Wenn man sich nicht ganz so in die historische Sichtweise verrennt, kann das sogar dazu beitragen, dass man sich wieder dem geistigen Sinn des Christentums zuwenden kann.

Viele Grüße

Elias







Antworten: