Iran: Die Zentrifugen von Natanz
Geschrieben von Andreas am 12. Oktober 2003 15:06:02:
Als Antwort auf: Nachrichten 12. Okt. (owt) geschrieben von Silvermoon am 12. Oktober 2003 00:08:35:
Die Welt ist aufgeschreckt über Teherans Nuklearprogramm
Am 31. Oktober läuft das Ultimatum der Internationalen Atomenergiebehörde an Teheran aus. Vergleiche zum Streit mit Saddams Regime vor einem Jahr drängen sich auf.
Christoph Plate und Markus SpillmannIm «kritischen Dialog» zwischen Europa und Iran mehren sich die Missklänge. Europa ist aufgeschreckt durch eine Indizienkette, die darauf schliessen lässt, dass Teheran ungeachtet gegenteiliger Beteuerungen aktiv ein Nuklearprogramm zur militärischen Nutzung vorantreibt. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat Teheran ein Ultimatum gesetzt: Bis Ende Oktober verlangt die Wiener Behörde vollumfängliche Klarheit über den Umfang des iranischen Atomprogramms und eine vorläufige Einstellung aller Aktivitäten zur Urananreicherung. Überdies wünscht die IAEA, dass Teheran ein Zusatzabkommen zum Atomsperrvertrag (NPT) unterzeichnet, dem Iran seit 1970 angehört. Kommt Teheran den Forderungen der IAEA nicht nach, dürfte das Dossier an den Uno-Sicherheitsrat übergeben werden.
«Achse des Bösen»
Die EU-Aussenminister haben Teheran ihrerseits angedroht, ein umfassendes Handelsabkommen platzen zu lassen, falls sich Iran nicht kooperativer zeigt. Die Europäer fühlen sich düpiert, haben sie doch Iran mit Vehemenz gegen die Anwürfe Präsident Bushs in Schutz genommen, zusammen mit dem Irak und Nordkorea eine «Achse des Bösen» zu bilden. Inzwischen teilt die EU die Einschätzung der USA, dass Iran wohl doch an Atombomben interessiert ist. «Jüngst gewonnene Erkenntnisse», so hielt der französische Vertreter am Treffen der Nuclear Suppliers Group in Südkorea in diesem Mai fest, «(. . .) scheinen den Verdacht zu erhärten, dass ein geheimes iranisches Nuklearprogramm existiert.»Die IAEA wirft Iran in ihrem Bericht vom 6. Juni ihrerseits vor, gegen gewisse Bestimmungen des Atomsperrvertrags oder aber gegen deren Geist verstossen zu haben. Im Februar konnte der IAEA-Generaldirektor al-Baradei zwei bisher unbekannte unterirdische Uran-Anreicherungs-Stätten in Natanz besichtigen, wobei die eine als Pilotanlage mit 160 Gaszentrifugen kurz vor ihrer Fertigstellung stand, während in der zweiten laut iranischen Angaben ab 2005 bis zu 50 000 Zentrifugen installiert werden sollen. Je nach Konfiguration dieser Anlagen ist es möglich, sowohl leicht angereichertes als auch hochangereichertes Uran herzustellen - letzteres ist für die Bomben-Produktion notwendig. Eine Urananreicherung werde nur angestrebt, hat Präsident Khatami versichert, weil das Land bis 2020 autark sein müsse. Um den Bedarf von 6000 Megawatt aus Atomenergie sicherzustellen, müsse Iran in der Lage sein, Brennstäbe für Leichtwasserreaktoren herzustellen. Laut Einschätzung der Arms Control Association könnte die Zentrifugenanlage freilich auch waffenfähiges Uran für 25 Sprengköpfe pro Jahr liefern.
Skeptisch zeigt sich auch das International Institute for Strategic Studies (IISS) in London. In Iran sei derzeit nur ein Leichtwasserreaktor von 1000 Megawatt Nennleistung im Bau. Die noch unter dem Schah konzipierte Anlage in Bushehr wird derzeit unter russischer Leitung fertiggestellt. Moskau hat aber mit Teheran bereits einen Vertrag über die Lieferung von Brennstäben für die gesamte Betriebsdauer des AKW abgeschlossen. Aufhorchen lässt auch, dass in einer als Uhrenfabrik deklarierten Anlage zur Zentrifugenherstellung von IAEA-Experten Spuren hochangereicherten Urans gefunden worden sein sollen. Nach iranischer Lesart soll es sich dabei um eine «Verunreinigung durch den Lieferanten» gehandelt haben. Im Umfeld westlicher Nachrichtendienste fällt darüber auffallend oft der Name Pakistan.
Schliesslich beunruhigt die Tatsache, dass Iran mit der Indienststellung der Shahab-3-Rakete seit diesem Sommer über ein Trägersystem verfügt, das eine Nutzlast von 700 Kilogramm rund 1300 Kilometer weit transportieren kann und damit auch Israel erreicht. Im Entwicklungsstadium befindet sich überdies Shahab-4, die mit 2000 Kilometern Reichweite einmal auch Europas Aussengrenzen tangieren könnte. Beide Raketensysteme sollen weitgehend identisch sein mit dem der nordkoreanischen Nodong-Rakete, stammen also aus jenem Land, das seinerseits im Verdacht steht, mit Pakistan Tauschgeschäfte mit Atom- und Raketentechnologie abgewickelt zu haben.
In Teheran herrscht offenbar seltene Einigkeit zwischen Reformern und Konservativen: Die Forderungen der IAEA werden als Einmischung in die inneren Angelegenheiten betrachtet, der frühere Staatschef Rafsanjani sprach gar von einer «Unverschämtheit». Alle sind sich einig, dass Iran ein Recht habe, sein Nuklearprogramm weiterzuentwickeln und Nuklearenergie zu nutzen. Der reformerische Präsident Khatami befürwortet die Unterzeichnung des Zusatzprotokolls, viele konservative Geistliche sind dagegen.
«Jedes Regime in Iran würde sich so verhalten wie das der Mullahs», sagt Akbar Etemad, der ehemalige Direktor der Atomic Energy Organization of Iran (AEOI). Seit der Revolution von 1979 lebt er im Pariser Exil. Etemad beriet den Schah in Nuklearfragen. «Der Schah entschied sich in den siebziger Jahren gegen die Entwicklung von Nuklearwaffen. Er glaubte, Iran könnte seine Interessen in der Region sehr gut mit konventionellen Waffen verteidigen.» Unterdessen habe sich die Lage in der Region verändert, und auch der Schah hätte womöglich den Befehl zur Produktion von Nuklearwaffen gegeben. Ob Irans Herrscher, die den Schah vor einem Vierteljahrhundert stürzten, Nuklearwaffen produzieren? Nach Meinung Etemads kauft sich das Regime in Teheran vielleicht Komponenten und Expertise für die Bombenherstellung, ohne diese aber zu beginnen.
Als Iran in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie begann, geschah das unter dem Eindruck endlicher Ölreserven im Land, die bei der Fördermenge von 6 Millionen Fass am Tag nur bis 1994 gereicht hätten. Die Sorge, den Anschluss zu verpassen, habe das Regime veranlasst, Verhandlungen mit der Siemens-Tochter Kraftwerke-Union aufzunehmen, erinnert sich Etemad. «Wir rechneten mit 30 bis 50 Jahren, bis wir Nuklearenergie würden nutzen können.» Nach der Revolution verlangsamte sich das Nuklearprogramm: Wissenschafter gingen ins Exil, und die Industrialisierung kam nicht voran.
Suche nach Schutz
Ein friedlicher Machtwechsel in Teheran könnte zu mehr bürgerlichen Freiheiten führen. Das würde aber wenig am Bedürfnis - auch eines amerikafreundlichen Regimes - ändern, sich gegen ein - als feindlich empfundenes Umfeld zu schützen.Irans Bedürfnis nach Schutz hat Gründe: Vor dem Ersten Weltkrieg hatte es russische und britische Besatzungen gegeben, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ministerpräsident Mossadegh gestürzt und mit Hilfe der CIA Schah Reza Pahlewi eingesetzt. Als Ayatollah Khomeiny an der Macht war, zog der Irak unter Saddam - mit Duldung der USA - Iran in einen verlustreichen Krieg. Auch die Auflösung der UdSSR und die Taliban in Afghanistan bereiteten Teheran Sorge.
Der Krieg der USA gegen Saddam Hussein in diesem Jahr wurde von den Mullahs nicht verurteilt, schliesslich ging es um die Befreiung der schiitischen Glaubensbrüder in Mesopotamien. Grosszügig wurde darüber hinweggesehen, dass manche alliierte Rakete versehentlich auf iranisches Gebiet einschlug. Dennoch sind die Amerikaner für Teheran eine Bedrohung, da es ihnen nach iranischer Ansicht in der Region nur um den Schutz Israels geht.
Die Parallelen zur Auseinandersetzung um den Irak vor einem Jahr sind augenfällig: Inspektoren der IAEA kommen ins Land; es wird nur so viel zugegeben, wie gerade von den Experten aufgedeckt wird; Ultimaten werden gestellt, Sanktionen drohen.
In Iran geht es aber nicht um das Ego eines Potentaten, sondern um die Sicherheitsinteressen einer Führung, die sich von aussen und von innen bedroht fühlt. Solange der israelisch-palästinensische Konflikt nicht beigelegt ist, wird Iran sich bedroht fühlen. Dass die Welt sich vor der möglichen Entwicklung iranischer Nuklearwaffen fürchtet, passt da in das Konzept der Abschreckung.