Das liegt wohl sehr daneben

Geschrieben von franke43 am 12. September 2003 06:41:27:

Als Antwort auf: Re: Beliebt ist gar kein Ausdruck geschrieben von JeFra am 11. September 2003 22:12:14:

Hallo

>Ich bin eigentlich immer der Meinung, wenn jemand sich selber als der Mann mit >dem goldenen Herzen und der eisernen Schnauze tituliert,

Anna Lindh hat sich niemals irgendwie tituliert. Die Bezeichnung als
"unsere Anna" ist meine Zusammenfassung der Stimmung hier im Volk.

>sollten bei jedermann gleich 1000 Warnleuchten blinken. Schon allein aus >diesem Grund bin ich sehr mißtrauisch, wenn ein Politiker einen Ruf als "unser
>(e) xyz" haben soll.

Warum sollte ein volksgewähltter Politiker - besonders wenn er
die Bodenhaftung und den Kontakt zum Volk behält - bei seinen
Wählern nicht beliebt sein dürfen ? MUSS man die gewählten
Volksvertreter hassen ? MÜSSEN sie alle korrupt sein ?

Wie soll ich Anna Lindh beschreiben ? Sie war - uneingebildet.
Ihr schneller Aufstieg ist ihr nie zu Kopf gestiegen. Sie war
praktisch immer ohne Leibwachen unterwegs - genau deshalb hat
man sie so leicht erstechen können. Ich bin ihr mehrmals im
OBS-Einkaufszentrum in Nyköping begegnet. Ausser ihrem kleinen
Sohn hatte sie niemand dabei. Ihr ganzes Auftreten - das einer
ganz normalen Mutter mit Kind beim Einkaufen. Einmal stand sie
in der Schlange an der Kasse genau hinter uns, 2 m entfernt.
Einmal habe ich sie sogar angesprochen und gefragt, wie ich
einen Brief an die Regierung so schicken kann, dass der den
zuständigen Ressortminister auch wirklich erreicht.

>Ich glaube, in diesem Fall gibt es auch gute inhaltliche Gründe für diese >Haltung. Ich kann schwedische Texte leider nur grob überfliegen und habe die >Euro-Debatte daher nur am Rande verfolgt, aber einige der href="http://www.svd.se/dynamiskt/naringsliv/did_5881517.asp">hanebüchenen >Argumente, mit der die langfristige Aufgabe der Souveräntität zugunsten >kurzfristiger angeblicher Verbesserungen (die sich jedenfalls in Deutschland >nicht eingestellt haben), sind mir so unangenehm aufgestoßen, daß ich mir die >URL notiert habe.

Die Sachargumente (!) sind auch mir unangenehm aufgestossen.
Ich habe bereits per Briefwahl abgestimmt - gegen den Euro.
Aber Sachfrage und Person muss man auseinanderhalten können.

>Über diese Art der Volksbeglückung wird dann eben mehrfach abgestimmt, solange >bis das Volk sagt, daß es sich auf diese Weise beglückt fühlt.

Ganz falsch. Regierungschef Göran Persson hat wiederholt klargemacht,
dass das Ergebnis der Abstimmung respektiert wird und innerhalb der
absehbaren Zukunft ("inom överskådlig framtid") gelten wird.

>Und eine Politikerin, die dafür steht, ist unsere Anna?

Sie ist nicht deswegen "unsere Anna", sondern wegen ihrer
natürlichen, ehrlichen und uneitlen Art. Verglichen mit
ihr sind praktisch alle kontinentalen Politiker arrogante
A-----löcher. Sogar unser "Bundesjoschka".

>Durchweg auch für diejenigen Schweden, die den Euro ablehnen, aber nicht so >radikal sind wie Info14?

Ja, denn die Sachfrage ist eine Sache, die Person Anna
Lindh eine andere. Viele teilen in der Sachfrage ihre
Meinung nicht (wird die Abstimmung auch zeigen), schätzen
und mögen aber trotzdem die Person.

>Es tut mir leid, aus so einem Anlaß so etwas schreiben zu müssen, aber wenn es >um eine so wichtige Angelegenheit geht, sollte man sich nicht an das de >mortuis nil nisi bene halten und sagen, daß Biskop Mynster eben kein >Wahrheitszeuge war.

Wer war Biskop Mynster ?

>Es ist auch recht interessant, Ihre Meinung in diesem Fall (wo Ihnen die >politischen Ansichten des Opfers passen) mit Ihrer Meinung im Fall Pim Fortuyn >vor einem reichlichen Jahr zu vergleichen.

War Pim Fortuyn - abgesehen von seiner politischen Richtung - auch
nur annähernd so ein netter Kerl und so volksnah und volksverbunden
wie unsere Anna ?

Und noch eine Frage, weil ich so ein Elend wie das von Pim
Fortuyn am Rande auch im Nachbarland Dänemark mitverfolge:

Sind bzw. waren alle politischen Ziele von Pim Fortuyn zu 100%
mit der Europakonvention für Menschenrechte vereinbar ? Kann
man "Rechter" sein, ohne politische Ziele zu verfolgen, die
im Falle ihrer Verwirklichung Menschenrechte verletzen ?

Übrigens: Sie lesen gut niederländisch und auch einigermassen
schwedisch. Ich verstehe beide Sprachen. Wenn Sie mir Material
zum Fall fortuyn zur Verfügung stellen, kann ich mir also
eine eigene Meinung bilden. Schliesslich habe ich den Roman
"Doctor Vlimmen" von Roothaert im Original gelesen.

>Damals hat sich ja die Tat gelohnt, wenn sie als Anschlag auf die politische >Bewegung des Opfers gedacht war.

Wir wissen nicht, welche Ziele der Attentäter von vorgestern
verfolgt hat.

>Heute hingegen könnten Zyniker auf Ihre Frage `Was bleibt uns' antworten, daß >es noch dutzendweise andere Politiker gibt, die dieselbe Politik mit demselben >Talent vertreten.

Dieselbe Politik - ja

Mit demselben Talent - fraglich

Mit demselben Charisma - garantiert NEIN. Persson ist ein
ungeschlachter Büffel, verglichen mit Anna Lindh, nicht
nur äusserlich und weil er Mann ist, sondern auch innerlich
von der Persönlichkeit her.

>Ebenfalls interessant ist Ihr Bekenntnis zur Todesstrafe und zu der von Ihnen >in diesem Fall bevorzugten Exekutionsmethode, wenn man sie damit vergleicht,

Das war in der ersten Aufwallung geschrieben. Was man in
dieser Stimmung schreibt, ist nicht judizierbar.

>was der linke mainstream sonst so zu diesem Thema von sich gibt (daß Sie nicht >uneingeschränkt links sind, ist mir klar, aber Sie gehören doch ziemlich >eindeutig in diese Ecke).

Für Sie ist die Welt offenbar immer noch nach dem veralteten
Schema "links-rechts" eingeteilt. Für mich schon lange nicht
mehr. Die politische Karte des späten 19. Jahrhunderts stimmt
nicht mehr mit der heutigen Wirklichkeit. Ich befürworte
politisch Ziele nach dem Kriterium, ob sie dem dienen, was
ich als "Humanitas" bezeichnen würde, also der gute Umgang
der Menschen untereinander. Kern dabei ist die Auffassung,
dass alle Menschen von Grund auf den gleichen Menschenwert
haben. Das sehe ich nicht als eine linke Position, sondern
als eine humane Grundposition, die jeder zu vertreten hat,
der als Demokrat und als guter Mensch gelten will. Anna
Lindh war genau auf dieser Linie. Bei Pim Fortuyn habe ich
den Verdacht (kein sicheres wissen), dass er NICHT auf
dieser Linie war. Der Berichterstatter, der sich über Pim
Fortuyn in der zitierten Weise geäussert hat, ebenfalls
nicht.

Manche Positionen, die ich vertrete, hat man früher als
"links" eingestuft. Manch andere Positionen, die ich
ebenfalls vertrete, würde man eher "rechts" einordnen.
Das hat damit zu tun, dass ich mir meine Haltung nicht
danach aussuche, ob sie als "links" oder "rechts" gilt,
sondern in jeder Einzelfrage danach, ob sie mir einleuchtet
und mir gut und vernünftig erscheint.

>MfG
>JeFra

Ebenso

Franke


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