Nordkorea feiert sich heute selbst - Kim Jong Il lässt neue Rakete bauen
Geschrieben von Subman am 09. September 2003 17:11:45:
Als Antwort auf: NACHRICHTEN (owT) geschrieben von Johannes am 09. September 2003 11:23:41:
55 Jahre Unberechenbarkeit
Nordkorea feiert sich heute selbst - Kim Jong Il lässt neue Rakete bauenvon Sophie Mühlmann
Singapur - Heute vor genau 55 Jahren hat Nordkoreas Staatsgründer Kim Il Sung die "demokratische Volksrepublik Nordkorea" ausgerufen. Traditionell feiert sich der stalinistische Staat seitdem am Nationalfeiertag stets mit einer gigantischen Militärparade in Pjöngjang, bei der die neuesten Errungenschaften der Armee dem Volke präsentiert werden. Die Regierung um Kim Jong Il, den Sohn des einstigen Landesvaters, hat offenbar auch diesmal wieder einen Höhepunkt eingeplant: Südkoreanischen Informationen zufolge hat Pjöngjang heimlich im vergangenen Jahr eine neue Mittelstreckenrakete entwickelt. Diese habe eine Reichweite von bis zu 4000 Kilometern. Möglicherweise wird diese Rakete heute vorgeführt.
Mit ihrer Reichweite sei die neue Rakete in der Lage, so die südkoreanische Tageszeitung "Chosun Ilbo", die US-Pazifikinsel Guam zu treffen. Sie könne weiter fliegen als die "Taepodong-1"-Rakete, die Nordkorea bei ihrem Test vor fünf Jahren quer über japanisches Territorium abgeschossen hat. Dies hatte damals für heftige Spannungen in der Region gesorgt.
Die Nachricht von der neuen Mittelstreckenrakete kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Nordkoreas Anrainerstaaten und die USA bemühen sich gerade fieberhaft um eine diplomatische Lösung aus der Krise, in die Pjöngjang die Region durch die Offenlegung seines geheimen Atomwaffenprogramms gestürzt hat.
Seit einigen Tagen haben sich die gemäßigten Stimmen in Washington, so scheint es, gegen die Hardliner durchgesetzt. Amerika hat seine bisher unbeugsame Haltung gegenüber Kim Jong Il und seinem Regime für den Moment ad acta gelegt und kommt Nordkorea entgegen. Inzwischen sind die USA offenbar sogar bereit, Pjöngjang tatsächlich die geforderten Sicherheitsgarantien anzubieten. Vor der kommenden Verhandlungsrunde über Nordkoreas Atomprogramm würde Amerika mit seinen Verbündeten darüber abstimmen, "welche Arten von Sicherheitsgarantien für uns akzeptabel sind, mit denen die Nordkoreaner zufrieden gestellt werden können", so US-Außenminister Colin Powell am Sonntag.
Hardliner in den USA, wie etwa Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, hatten stets jegliche Zugeständnisse an Nordkorea abgelehnt. Wenn es nach ihnen ginge, dann fehlt nur noch ein weiterer falscher Ton von Kim Jong Il, um mit Gewalt einen Regimewechsel einzuleiten. Doch der "geliebte Führer" sitzt erstaunlich fest im Sattel. Sein Regime hat bisher große Überlebensfähigkeit bewiesen. Immer wieder hat Kim in der Vergangenheit Verträge gebrochen und Versprechen geleugnet. Er ist darin unberechenbar.
Seit er im Oktober die Karten auf den Tisch gelegt und sein heimliches Uran-Anreicherungsprogramm zugegeben hatte, hat er in vielen kleinen Schritten die Krise eskalieren lassen. Ein Höhepunkt war die Bekanntgabe im vergangenen Monat, Nordkorea habe bereits seine sämtlichen verbrauchten Plutonium-Brennstäbe wieder aufbereitet. Damit konnte er sich der allgemeinen Aufmerksamkeit wieder sicher sein.
Vor allem die USA haben zurzeit andere Sorgen. Irak und Afghanistan fordern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit - das macht sie im Umgang mit Nordkorea gerade überaus duldsam. China und Russland aber, die alten Verbündeten Pjöngjangs, sind angesichts des Risikos in ihrem eigenen Vorgarten sehr stark daran interessiert, die Krise schnellstmöglich zu entschärfen. Kim Jong Il sieht sich also in der angenehmen Lage, Forderungen stellen zu können, anstatt Sanktionen fürchten zu müssen.
Nach den Sechsparteiengesprächen in Peking und der neuen Diplomatieoffensive der USA steht der geliebte Führer nun noch besser da als zuvor. Dort hatte er seine Delegation mit einem Atomwaffentest drohen lassen. Und statt damit die Geduld seiner Gegner endgültig zu überreizen, hat er wieder Erfolg. Er wird nun weiter einen amerikanischen Nichtangriffspakt als Gegenleistung für einen Atomwaffenstopp fordern. Außerdem wird er Öllieferungen für seine Erlaubnis verlangen, Waffenkontrolleure ins Land zu lassen. China, Russland und Südkorea, deren größte Sorge die Existenz von Atomwaffen auf der koreanischen Halbinsel ist, werden weiter und noch vehementer für eine friedliche Lösung plädieren. Wenn Kims Pläne aufgehen, wird er nicht für seine Versäumnisse und Verfehlungen bestraft, er wird für guten Willen belohnt.
Im Gegensatz zu Saddam Hussein verfügt Kim Jong Il tatsächlich über Atomwaffen. Und die, so sein Plan, werden letztlich verhindern, dass Washington militärisch aktiv wird. Der Widerstand der wichtigen Nachbarländer - vor allem China und Russland - wäre zu groß. Den zu ignorieren werden sich die USA kaum leisten. Bisher hat Nordkorea sich noch nicht offiziell zur Nuklearmacht erklärt - die größt-mögliche Provokation. Einige Experten vermuten, dass Kim Jong Il dies heute, am Jahrestag der Staatsgründung, tun könnte. Doch der "geliebte Führer" ist eben unberechenbar.