Re: III. Weltkrieg als Folge einer Depression?
Geschrieben von Marco am 27. Juni 2003 18:36:53:
Als Antwort auf: III. Weltkrieg als Folge einer Depression? geschrieben von Marco am 27. Juni 2003 17:06:36:
Und noch ein lesenswerter Text, der eine Erklärung bieten würde, warum im Falle eines Krieges die "USA mit sich selbst beschäftigt" sein könnten, wie es in verschiedenen Prophezeiungen heißt:
"Ihren Artikel 'Dead Men Talking' im Investor's Daily vom 23. Juni habe ich mit Interesse gelesen. Ein exzellentes Essay. Ich kann mich auch nur fragen, was zukünftige Historiker über die jetzige verrückte Ära sagen werden – und besonders über Bush, Greenspan und Bernanke. Wird Greenspan mit Rudolf Havenstein verglichen werden – dem Präsidenten der Deutschen Reichsbank, der in den 1920ern für die Explosion der Geldmenge verantwortlich war, die zu der deutschen Hyperinflation von 1923 führte?"
"Ich denke, dass US-Präsident Bush sich völlig im Dunkeln befindet. Wie der Führer – der davon überzeugt war, dass 'Alles' nur durch einen Akt des Willens erreicht werden konnte – scheint Bush zu denken, dass alles gut ist, so lange er es für gut erklärt. Könnte er der 'Führer' der USA werden?"
"In seinem Buch 'Before The Deluge' hat Otto Friedrich der deutschen Inflation zwischen 1919 und 1923 ein ganzes Kapitel gewidmet. Er nannte dieses Kapitel 'A Kind of Madness' – eine Art Wahnsinn. Es ist eine faszinierende Studie. Sie ist es wert, kurz zitiert zu werden:"
"Eine 75jährige alte Dame erzählte vor kurzem einem Journalisten (Anmerkung: Dieses Buch ist schon einige Jahre alt): 'Ja, die Inflation war das bei weitem wichtigste Ereignis dieser Periode. Sie zerstörte die Ersparnisse der gesamten Mittelschicht, aber das sind nur Worte. Sie müssen realisieren, was das bedeutete. Es gab nicht ein einziges Mädchen in der gesamten deutschen Mittelschicht, die mit einer Mitgift heiraten konnte. Das galt auch für die Hausmädchen – von denen viele nie einen Pfennig ihrer Löhne ausgegeben hatten. Sie hatten gespart, um heiraten zu können. Als das Geld wertlos wurde, wurde auch das ganze System des Heiratens zerstört, und so wurde auch die ganze Idee des jungfräulich in die Ehe Gehens zerstört."
"Die Reichen lebten natürlich nach ihren eigenen Standards, und die Armen hatten natürlich wieder ganz andere Standards. Aber die Mittelklasse war so ungefähr die einzige, die sich an die Regeln hielt. Nicht jedes Mädchen, das heiratete, war noch Jungfrau – aber es war in der Mittelklasse allgemein akzeptiert, dass sie es eigentlich sein sollte. Die Inflation führte dazu, dass die Mädchen lernten, dass Jungfräulichkeit nicht mehr wichtig war. Die Frauen waren befreit worden."
"Louis Lockner, ein Journalist in den 1920ern, berichtete 1923, dass die Cafés mit sehr modisch und extravagant gekleideten Frauen überfüllt waren. Aber abseits der Straßen der großen Boulevards entdeckte er bald eine ganz andere Story. Er sagte später: 'Ich besuchte eine typische Wohlfahrtstation für die Jugend. Die Kinder, die aussahen, als seien sie 8 oder 9 Jahre alt, waren 13. Ich erfuhr, dass es damals in Berlin 15.000 Kinder gab, die an Tuberkulose litten; und dass 23 % der Kinder, die von öffentlichen Ärzten untersucht wurden, unterernährt waren.' Auch die Alten waren vergleichbar hilflos. Ein alter Schriftsteller, Maximilian Bern, hob auf der Bank seine gesamten Ersparnisse ab – mehr als 100.000 Mark –, und gab sie für eine U-Bahn-Fahrkarte aus. Deren Preis war so hoch gestiegen. Bern fuhr einmal mit der Bahn durch Berlin und schloss sich dann in seinem Apartment ein, wo er zu Tode hungerte."
"Das Barbarentum hat gesiegt", sagte ein anderer alter Einwohner Berlins, George Grosz. Die Straßen wurden gefährlich ... wir huschten von Türeingang zu Türeingang, denn es gab Leute, die von den Dächern aus auf alles schossen, was sie sahen. Einmal wurde einer dieser Heckenschützen gefasst, und als er mit einem Mann konfrontiert wurde, dem er in den Arm geschossen hatte, war seine einzige Erklärung: 'Aber ich dachte, er sei eine große Taube.'"
"Die fundamentale Qualität von diesem Desaster war ein kompletter Vertrauensverlust in die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft. Geld ist nicht nur als Mittel des Austausches wichtig, sondern auch als Standard, mit dem die Gesellschaft unsere Arbeit und damit auch uns selbst bewertet. Wenn alles Geld wertlos wird, dann werden auch die Regierung und die gesamte Gesellschaft und alle Standards wertlos. Im Wahnsinn von 1923 war die Arbeit eines Arbeiters wertlos, die Ersparnisse einer Witwe waren wertlos, alles war wertlos."
"Der englische Historiker Alan Bullock schrieb in seinem Buch 'Hitler: A Study In Tyranny": 'Der Kollaps der Währung bedeutete nicht nur das Ende des Handels, bankrotte Geschäfte und Nahrungsmittelknappheit in den großen Städten sowie Arbeitslosigkeit: Sondern dieser Kollaps hatte auch den Effekt – was die einzigartige Qualität dieser wirtschaftlichen Katastrophe ausmacht –, jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft zu erreichen, auf eine Art und Weise, wie es das kein politisches Ereignis geschafft hätte. Die Ersparnisse der arbeitenden Klasse waren einfach ausgelöscht worden – mit einer Kraft, die keine Revolution erreichen konnte. Gleichzeitig war die Kaufkraft der Löhne auf Null reduziert worden. Selbst wenn ein Mann bis zum Umfallen arbeitete, konnte er nicht genug Kleider für seine Familie kaufen – und Arbeit konnte man ohnehin fast gar nicht finden.
Das Ergebnis der Inflation war, dass die Fundamente der deutschen Gesellschaft so untermauert worden waren, wie das weder die Revolution des November 1918 noch der Versailler Vertrag geschafft hatten. Die wirkliche Revolution in Deutschland war die Revolution, denn sie zerstörte nicht nur Besitz und Geld, sondern auch das Vertrauen in Besitz und die Bedeutung des Geldes.'"
Quelle: Investor's Daily