Negativ-Motivation / russische Mobilmachung

Geschrieben von Swissman am 01. Juni 2003 23:57:30:

Als Antwort auf: Die desolate russische Armee geschrieben von King Henry am 01. Juni 2003 02:25:24:

Hallo Henry,

>Ich denke, die einfachen Truppen sind auch tatsächlich so. Doch wenn die einmal losgelassen werden, wie wüten und toben die dann?

Die im Bericht angesprochene "Dedowtschina" ist an sich ja nichts neues - diese Unsitte ist so alt wie die Rote Armee, nur hat man halt früher nicht offen darüber gesprochen. Ohnehin wurde (und wird) in der Roten Armee überwiegend mit Negativ-Motivation gearbeitet, was mich im Grunde auch nicht weiter erstaunt: Der Rotarmist sollte ja idealerweise ein überzeugter Kommunist und Atheist sein.

Dass ein Atheist, der ja davon überzeugt ist, dass mit dem Tod alles vorbei ist, sein Leben freiwillig opfert, selbst wenn er damit vielleicht viele andere Leben rettet, wäre wahrhaftig zuviel verlangt. - Der fanatische Atheist wird im Gegenteil danach trachten, sein Leben möglichst lange zu behalten und es zu geniessen, solange er noch kann (Machen wir uns nichts vor: Der Atheist taugt nicht zum Märtyrertum - dies ist eine Spezialität des Gläubigen!).

Ein "Gegenmittel" besteht darin, die Lebensumstände derart miserabel zu gestalten, dass der Tod im Vergleich zum Leben gar nicht mehr so unattraktiv ist, wie er es unter anderen Bedingungn wäre. Das andere Mittel sind die Sperrverbände: Im Kriegsfall gehen diese einige hundert Meter hinter den regulären Truppen vor und töten jeden, der sich ihrer Meinung nach feige verhält - egal wie hoch die Verluste der Roten Armee auch sein mögen, die Aussicht, mit dem Leben davonzukommen, ist auf dem Schlachtfeld immer noch grösser, als wenn man den Sperrverbänden in die Hände fällt.

Dies war denn auch der Grund, weshalb an der Ostfront selbst Schwerverwundete sich weiter nach vorn schleppten und, nicht selten unter Hurra-Rufen auf die deutschen Stellungen zuliefen.

Übrigens ist die "Dedowtschina" keine rein russische Spezialität - der türkischen Armee, die allgemein als sehr kampfstark eingestuft wird, werden bisweilen ganz ähnliche Praktiken nachgesagt. Und auch die an manchen französischen Elite-Universitäten immer noch praktizierte Unsitte des bizutage geht in dieselbe Richtung.

>Das mit den "Homosexuellen" (welch unschönes Wort!) macht bedenklich: Wo werden die dann ihren Frust abladen? An unseren Mädchen und Frauen! (Sollen sie es doch besser mit sich selber machen, wie die alten Griechen --- von uns aus gesehen wäre das doch ganz gut oder???)

Im Umkerhschluss heisst dies nichts anderes, als dass man Schwule bislang durchaus rekrutiert hat. Tatsächlich haben Menschenrechtsgruppen in Tschetschenien mehrere Fälle dokumentiert, in denen auch männliche Gefangene vergewaltigt wurden! - Ein Grund mehr, wenn nötig bis zum letzten Atemzug zu kämpfen, und der Roten Armee auf gar keinen Fall in die Hände zu fallen.

>Am besten ihr klickt den Link an, das ist komplett und leichter lesbar.

Wie Du ja bereits angemerkt hast, werden die wirklich interessanten Waffengattungen gar nicht erst angesprochen - der Artikel befasst sich so gut wie ausschliesslich mit der Infanterie, die in Russland eigentlich immer schon als Kanonenfutter angesehen wurde. - Hingegen wird in den Kommentaren der Leserschaft teilweise gegengesteuert.

Lachen musst ich aber an dieser Stelle:

"Dabei ist die Fähigkeit zu einer Generalmobilmachung angesichts der Knappheit von Waffen und Munition nur noch ein Hirngespinst."

Die Dame scheint von der Materie keine Ahnung zu haben - wo sind wohl ihrer Meinung nach die Berge von Waffen und Kriegsmaterial hingekommen, die die Rote Armee 1990 nachweislich gehabt hat? - Verschrottet wurde davon ja so gut wie gar nichts... Vermutlich wurden sie auf Nibiru gebeamt... *lol*

Kein Wort auch von den vielen Neuentwicklungen, die die russische Rüstingsindustrie Jahr um Jahr präsentiert. Man fragt sich überdies, warum Russland der weltgrösste Waffenexporteur ist, wenn seine Produkte doch angeblich allesamt Sch@*##@ sind...

Bedeutsam ist hingegen folgendes:

"Lediglich elf Prozent der Jugendlichen im wehrfähigen Alter leisten nach Angaben von Verteidigungsminister Sergej Iwanow ihren Wehrdienst ab."

Ich behaupte, dass wir damit einen entscheidenden Mechanismus (und einen ausgezeichneten Indikator!) aufgedeckt haben, der es der Roten Armee ermöglichen wird zu gegebener Zeit mobilzumachen, ohne Verdacht zu erregen - Der Kreml muss nichts weiter tun, als die künftige Einhaltung geltender Gesetze zu verlangen: "Bislang haben sich aus verschiedenen Gründen 90% der Wehrpflichtigen vor dem Dienst gedrückt, und der Staat hat dabei zugesehen. Dies hat von nun an ein Ende, denn vor dem Gesetz sind alle gleich. In Zukunft werden wieder sämtliche Männer im wehrfähigen Alter eingezogen. Zudem werden dieses Jahr, aus Gründen der Fairness gegenüber ihren Jahrgängern, zusätzlich auch diejenigen Angehörigen der letzten fünf Jahrgänge, die sich bisher gedrückt hatten oder freigestellt worden waren, eingezogen."

Auf diese Weise kann Russland, ohne deswegen unangenehme Fragen beantworten zu müssen (es ist ja schliesslich nur vorübergehend, und wer würde bestreiten, dass die Gesetze für alle in gleicher Weise gelten?!), seine Truppenstärke mit einem Schlag vervielfachen. Nachdem die Truppen ein oder zwei Jahre lang gedrillt worden sind, hat der Westen ein gewaltiges Problem!

Stalin hat das Problem seinerzeit ganz ähnlich gelöst, indem er die zuvor abgeschaffte allgemeine Wehrpflicht wieder einführte, weil die Krise in Westeuropa dies erfordere...

mfG,

Swissman


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