Und noch einmal: Je größer die Lüge, desto eher wird sie geglaubt
Geschrieben von Arkomedt am 29. August 2002 01:20:20:
Als Antwort auf: Jahreszusammenfassung "WTC Conspiracy " geschrieben von Martl am 28. August 2002 21:41:04:
Je größer die Lüge, desto eher wird sie geglaubt!
Die Tür schlägt mit einem dumpfen Knall auf, die Herren erheben sich von ihren Plätzen am ovalen Tisch.
„Guten Tag, meine Herren, setzen Sie sich bitte.“ Der Zivilist geht zum freien Platz an der Stirnseite des Tisches, einer seiner drei Begleiter rückt ihm den Stuhl zurecht. Ohne einen Blick darauf setzt sich der Präsident der Unglaublichen Staaten von Arkanien. Ein zweiter Begleiter legt eine dünne rote Mappe vor ihn auf den Tisch.
Im Raum ist es so still wie vor einem Unwetter, sehr leise haben sich die fünf Männer, fast alle in Uniform, gesetzt. Sie vermeiden jeden Laut, solange der Präsident das erste Blatt der Mappe liest.
Der Präsident ist mit dem Lesen fertig, langsam hebt er seinen Blick, um der Reihe nach jeden der Anwesenden zu mustern. Es sind qualvoll lange Sekunden, bis er beim letzten, dem links fast neben ihm Sitzenden, angekommen ist.
Diesen spricht er nun direkt an. „Sie wissen, warum ich Sie alle hier versammelt habe?“
Niemand antwortet, auch der scheinbar direkt Angesprochene nicht.
„Hier liegt vor mir das Ergebnis der letzten Umfrage. Der Titel ist ‚Wen würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre’. Ich will es nicht beschönigen, hinter meinem Namen steht eine 11, danach ein Prozent-Zeichen. Was glauben Sie, was Ihre Pflicht ist? Wer von Ihnen, meine Herren, hält sich für unersetzbar?“ Seine Stimme, erst gefährlich leise, hatte sich bei den letzten Sätzen zum Brüllen gesteigert.
Ein älterer General, im Dienst für viele Herren ergraut, wagt eine Antwort. „Herr Präsident, diese Umfragen sind doch so leicht zu beeinflussen! Das Volk wählt immer den Stärkeren, den Besseren! Deshalb sind Sie es, der dieses Amt bekleidet! Und die nächste Wahl ist erst in drei Jahren.“ Er hielt dem Blick des Präsidenten stand.
Dieser hatte sich wieder unter Kontrolle. „Das ist richtig. Trotzdem zeigt das Umfrageergebnis eine latente Unzufriedenheit im Volk. Und mein Gegenkandidat, der bei der letzten Wahl fast mit seiner Unverschämtheit, seinem Wahlbetrug, durchgekommen wäre, gewinnt an Beliebtheit! Es muß etwas geschehen.“ Er nahm das zweite Blatt zur Hand.
„Hier habe ich eine andere Sache, die Anfrage des Herren Wilde, einem engen Freund unserer Partei. Herr Wilde, bitte tragen Sie Ihr Anliegen doch den Anwesenden direkt vor.“
Herr Wilde stand auf, aktivierte mit einer Fernbedienung einen Großbildschirm am anderen Ende des Raumes, gleichzeitig verdunkelte sich die Beleuchtung.
„Wie Sie sicherlich alle wissen, vertrete ich die Belange der Totcomp Corp., größtem Mineralölkonzern der Freien Erde. Bis vor einigen Jahren gab es kaum Schwierigkeiten, die Freie Erde war Lieferant fast aller größeren kriegführenden Staaten. Und nicht nur mit Öl!“ er lächelte in die Runde, „Jetzt ist unser größter Gegner besiegt, hat Schwierigkeiten, sein eigenes Volk ruhig zu halten und zu ernähren. Es ist richtig, wir haben für einige Nebenschauplätze gesorgt, aber das sind Peanuts! Wir sitzen auf unseren Erzeugnissen, auf Hubschraubern, Kampfjets, Panzern und Schiffen. Die Leute in den Unruhegebieten können unsere HiTec nicht kaufen, sie kämpfen stattdessen mit dem Plunder den sie noch irgendwo billig auftreiben können. Und wenn’s nicht anders geht, mit Keulen!“
Auf dem Bildschirm, der bisher in loser Folge Bilder zur Unterstützung des Vortrages gebracht hatte, waren zwei zerlumpte Männer zu sehen, die sich mit Kalaschnikows prügelten, offenbar war ihnen die Munition ausgegangen. Ein Kichern ringsum.
„Gleichzeitig mehren sich die Zeichen dafür, dass einige unserer ehemaligen Verbündeten sich von uns abkehren. Das wäre nicht weiter schlimm, nur sitzen sie zum Teil auf wichtigen Ressourcen.“
Er wurde unterbrochen von einem Admiral. „Das ist doch alles nichts Neues! Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn endlich mal davon abgegangen wird, an irgendwelche Staaten besseres Material zu liefern, als wir selbst es bekommen! Unsere U-Boot-Flotte stagniert, es wurden alle meine dringenden Anforderungen abgelehnt! Der Haushalt gäbe es nicht her! Die kleinsten Diktatoren sind ja schon besser ausgerüstet als wir, wenn sie nur auf einer Ölquelle sitzen! Und wir kaufen ihnen das Öl ab! Unglaublich!“
„Sehr richtig, Herr Admiral! Und genau damit muß Schluß sein!“ Herr Wilde lächelte dem Admiral zu. „Wir müssen uns in die Lage versetzen, über die wichtigsten Ressourcen, seien es nun Ölquellen oder Uranminen, frei und ungehindert zu verfügen! Hier sehen Sie eine der Hauptquellen unseres ehemaligen großen Gegners. Er würde uns liebend gern für sehr wenig Zugeständnisse die Exklusivrechte an dieser Lagerstätte einräumen, wir haben nur momentan nicht die Möglichkeit, das Öl von dort auszuführen. Die alten Pipelines führen alle durch sehr unsichere Gebiete, sind zu lang und zu marode. Die einzige annehmbare Möglichkeit wäre der Bau einer neuen Pipeline, hier, quer durch dieses Land, zu diesem Hafen.“
Jetzt sprach der Präsident. „Und warum tun wir es dann nicht? Warum bauen wir diese Pipeline nicht?“
„Weil sie, Herr Präsident, durch einen dieser Unruheherde, der Nebenschauplätze, führt. In diesem Land hat sich die Räterepublik, unser Gegner von gestern, zehn Jahre lang militärisch engagiert, mit dem Erfolg, dass dort kaum noch ein Stein auf dem anderen ist, aber die Räterepublik an diesem Kampf kaputtging. Heute gibt es dort nur noch eine ernstzunehmende Macht, übrigens diejenige, die wir damals unterstützten, die sich nun aber verräterisch gegen uns gewendet hat. Mit diesen Leuten ist nicht mehr zu verhandeln!“
„Dann finden wir einen Grund, besetzen diese Land und bauen diese besch... Pipeline. War das jetzt alles, Herr Wilde?“
„Im Grunde ja, Herr Präsident. Nur, leider ist die Sache etwas komplizierter. Die ganze Gegend da unten gleicht einem Pulverfaß. Wenn wir dort einfach so einmarschieren, riskieren wir die Feindschaft der ganzen mosrabischen Welt. Und diese Mosrabs sind nun einmal mit fast 40 Prozent der Weltbevölkerung nicht zu unterschätzen. Auch in unserem Land glauben sehr viele Leute an diese Religion. Nein, so einfach ist es nicht! Aber ich habe mit einigen Leuten über eine mögliche Lösung gesprochen. Sie ist eigentlich sehr einfach, nur ist sie nicht für diesen Kreis geeignet. Nur soviel, Herr Präsident, wenn Sie uns in dieser Sache freie Hand geben, lösen sich Ihre und unsere Probleme in Luft auf.“
„Und Sie, Herr Wilde, finanzieren die Sache selbst?“
„Die Sache wird von uns finanziert. Mehr sollten Sie alle nicht wissen. Wenn Sie mir in dieser Angelegenheit Ihr Vertrauen aussprechen, Herr Präsident, versichere ich Ihnen, dass Sie in vier Wochen der Präsident sind, der sein Volk und alle Völker der Freien Erde geschlossen hinter sich hat. Allerdings sollten alle Anwesenden dieses Gespräch vergessen.“
Der Präsident erhob sich, alle anderen Herren erhoben sich daraufhin ebenfalls.
„Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Ich war heute auf meinem Landsitz, beim Angeln. Sie, Herr Wilde, wollen sich zukünftig nur noch direkt mit dem Direktor des Geheimen Dienstes“ er nickte dem zweiten Zivilisten am Tisch zu „beraten. Auf Wiedersehen, meine Herren!“Ein Vierteljahr später saßen zwei ältere Männer auf einer Bank im Park, sie fütterten die Enten und unterhielten sich.
„Es ist ja alles wirklich gut gelaufen. Wenn man bedenkt, dass wir noch weit unter den befürchteten zehntausend geblieben sind...“ Herr Wilde hielt mit einer Hand den Regenschirm, mit der anderen kramte er aus der Tüte zwischen seinen Beinen einige Brotkrümel und warf sie ins Wasser. „Was sagtest Du, Henry, wie viele wissen jetzt noch alles?“
Henry, der Direktor, zögerte mit seiner Antwort. Er sah seinen langjährigen Freund kurz an, dann schaute er wieder zu den Enten. „Gestern waren es noch drei. Einer meiner besten Männer hatte gestern einen Unfall, jetzt sind es nur noch wir beide, die alle Einzelheiten kennen. Und wir beide haben uns ja wohl ausreichend abgesichert, oder?“
„Aber Henry, mein Freund! Das war jetzt aber nicht nötig! Die Sache war zu groß, niemand würde einem von uns irgendetwas glauben! Die Idee mit diesem Ben Aschrab war einfach Klasse! Wegen seiner Vergangenheit traut ihm jeder diese Ungeheuerlichkeit zu. Ausliefern werden ihn seine Glaubensbrüder nicht, das verbietet ihnen ihre blöde Religion. Und außerdem steckt er ja wirklich bis zum Hals in der Sache, schon wegen der Piloten.“ William Wilde grinste vor sich hin. „Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, ihn sauber zu erledigen. Und natürlich dieses Land besetzen...“Henry nickte vor sich hin, den Blick auf die ungewohnte Silhouette der Skyline gerichtet, wo zwei der höchsten Türme seit einigen Tagen fehlten.
© Klaus Dietrich Kuhlmann, September 2001
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Freundlichst erinnert Akomedt.
- Re: richtig Guerrero 30.8.2002 00:43 (0)