Iran und Syrien, die Brandstifter
Geschrieben von H.Joerg H. am 01. August 2002 15:27:32:
Tag zusammen!
Der folgende Artikel entstammt der "Zeit" von heute, und erschien im Original
im "Wall-Street-Journal 2002". Der Autor ist ein gewisser Dennis Ross, Direktor des Washingtoner Institute for Near East Policy; zuvor war er Nahost-Beauftragter der Regierung Clinton.Iran und Syrien, die Brandstifter
Es ist nicht überraschend, dass der israelische Luftangriff auf den Hamas-Führer Salach Schehade in der vergangenen Woche international Aufsehen erregte. Es war ein drastischer Akt, der den scheinbar endlosen Kampf zwischen Israelis und Palästinensern noch einmal allen in Erinnerung rief. Vor kurzem musste ich auf einer Reise in den Nahen Osten feststellen, dass unterdessen eine andere Bedrohung entsteht, die von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet wird: Die Hisbollah baut sich mit stetiger Unterstützung aus dem Iran und Syrien ein formidables Arsenal hoch mobiler Raketen. Sie stützt sich dabei hauptsächlich
auf Katjuschas mit längerer Reichweite, aber die Syrer vervollständigen das Arsenal mit eigenen 270-Millimeter-Raketen.Das besonders Destabilisierende an diesen Raketen ist ihre Reichweite. Die Waffen der Hisbollah bedrohten bisher nur das nordisraelische Grenzgebiet. Schlimm genug - aber die neuen Waffen haben Reichweiten von über 70 Kilometern. Israels Industriegebiet südlich von Haifa ist nun in Zielweite der Raketenschützen von Hisbollah. Glaubt jemand, Israel würde solch einen Angriff tolerieren? Zweifelt einer, dass Israel in diesem Fall nicht nur gegen die Hisbollah, sondern auch gegen Syrien vorgehen würde?
Der frühere syrische Präsident Hafis Assad hatte nie Hemmungen, Israel zu bedrohen. Aber er kontrollierte den Fluss iranischer Waffen an die Hisbollah, und er ließ ihnen nie direkt syrische Waffen zukommen. So vermied er es, sich in einen Krieg mit Israel hineinziehen zu lassen. Sein Sohn und Nachfolger, Baschar Assad hat anscheinend weniger Gefühl für seine Grenzen. Als seien Waffenlieferungen an die Hisbollah noch nicht genug, vermittelt er auch noch militärische Ersatzteile aus Osteuropa an den Irak. Damit betritt er Neuland: Sein Vater wollte Husseins Untergang, nicht etwa seine Stärkung.
Was denkt sich wohl Assad Junior? Seine Logik wird erst nachvollziehbar, wenn man seine stetig enger werdenden Beziehungen zur Hisbollah und dem Iran betrachtet. Beamte der iranischen Regierung machen auf ihrem Weg zu dem Hisbollah-Führer Sayyid Hasan regelmäßig Halt in Damaskus. Iran wiederum übt auf die Hisbollah zunehmend Druck aus, in ihrem Krieg gegen Israel mit der Hamas zusammenzuarbeiten.
Gleichzeitig drängt die iranische Regierung die Hamas dazu, die Selbstmordattentate in Israel fortzusetzen. Von Israelis wie von Palästinensern
habe ich gehört, dass Versuche der Palästinensischen Autonomiebehörde in Gaza, die Hamas vom Terror abzubringen, erfolgreich waren - bis die Hamas-Oberen in Gaza von ihrer auswärtigen Führung (mit beträchtlichem Druck aus dem Iran dahinter), die Angriffe fortzusetzen. Gleiches galt für den islamischen Dschihad, dessen Führer Ramadan Schallah in Damaskus lebt und die Fortsetzung der Angriffe fordert.Iran und Syrien wollen ersichtlich, dass der Nahost-Konflikt weiter brodelt. Vielleicht glauben sie, dass Israel zermürbt und zum Kollaps gebracht werden kann. Jedenfalls scheinen sie bereit zu sein, zu diesem Zweck auch noch den letzten Palästinenser aufzubieten. Womöglich fürchten sie, nach einem Sturz Saddams durch die USA als nächste dran zu sein. Und ihre Kalkulation könnte lauten, dass die Chancen eines Angriffs auf den Irak sinken, je mehr der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern die Region beschäftigt.
So plausibel das klingt, es erklärt noch nicht die Raketenaufrüstung im Südlibanon. Doch auch dies könnte mit der Angst vor einem Militäreinsatz gegen den Irak zu tun haben. Saddam hat schon 1991 im Golfkrieg versucht, den Konflikt zwischen der internationalen Gemeinschaft und dem Irak zu einem arabisch-israelischen Krieg zu machen. Möglich, dass Iran, Syrien und die Hisbollah glauben, eine zweite Front eröffnen zu müssen, sobald die USA gegen Saddam vorgehen. Selbst wenn sie den Krieg nicht verhindern können, hoffen sie vermutlich, die Amerikaner mit einer zweiten Front in Bedrängnis zu bringen.
Wie kann dies - und die damit verbundenen Eskalationsgefahren - vereitelt werden? Die Gefahr zu erkennen und auf sie aufmerksam zu machen ist ein guter Anfang. Im Libanon könnte das besonders hilfreich sein. Als Israel 1982 den Südlibanon besetzte, erhielt die Hisbollah dort beträchtliche Unterstützung. Als die Israelis sich zurückzogen, dankte man im Libanon dafür der Hisbollah. Das dürfte sich ändern, wenn sie die Israelis zu Angriffen provoziert, unter denen alle Libanesen leiden würden. Im Gegenteil: Die Hisbollah könnte schnell ihre Gunst im Libanon verspielen, wenn sie nun den Eindruck erweckt, nicht libanesische Interessen zu vertreten. Der libanesische Premierminister Rafik Hariri hat die Hisbollah bereits kritisiert; Europäer, Ägypter und Saudis könnten dazu einiges beitragen.
Mit Assad ist es schwieriger. Er scheint gern auf sich aufmerksam zu machen. Zuallererst sollte ihm jedoch auf diplomatischen Kanälen klar gemacht werden, dass er mit dem Feuer spielt und sich dabei verbrennen kann. Er sollte sich nicht darauf verlassen, dass eine zweite Front auf den Libanon beschränkt bliebe, wenn das industrielle Kernland Israels angegriffen würde. Und er sollte nicht darauf vertrauen, dass ihm der Rest der Welt zu Hilfe kommt, wenn er in Schwierigkeiten gerät.
Im Umgang mit dem Iran sind stille und öffentliche Initiativen ratsam. Die Europäer sollten diskret klar machen, das sie ihre Politik des verstärkten Engagements beenden, wenn die Iraner nicht sofort etwas tun, um sowohl die Aufrüstung als auch die Versuche von Hisbollah und Hamas, den Konflikt mit Israel auszuweiten, zu unterbinden. Die USA müssen ihrerseits begreifen, dass im Iran derzeit große Unruhe herrscht. In den vergangenen beiden Wochen demonstrierten Tausende Iraner in der Hauptstadt Teheran. Erst vor drei Wochen trat ein fühernder Mullah - Ayatollah Jalaluddin Taheri - zurück, nicht ohne die rücksichtslose Herrschaft der Mullahs und ihre Gleichgültikeit gegenüber der wirtschaftlichen Misere des Landes zu geißeln.
Nun, da die Iraner gegen ihre armseligen Arbeitsbedingungen protestieren, wäre es an der Zeit, sie auch mit Fakten zu bestärken: Das Regime des religiösen Führers Ali Chamenei erdrückt jegliches Reformbestreben und bringt nicht einmal das Geld für notwendige Investitionen auf. Dagegen hat es keine Skrupel, die wenigen vorhandenen Mittel darauf zu verwenden, Tod und Zerstörung in der Region zu verbreiten. Dieses gefährliche Spiel offen zu legen wäre eine Möglichkeit, die Reformer im Iran zu stützen und den Mullahs ihr verantwortungsloses Treiben zu erschweren. Das wäre jedenfalls besser, als darauf zu warten, das eine zweite
Front eröffnet wird.