Warum sah niemand den WTC-Anschlag voraus?

Geschrieben von Torsten am 23. März 2002 11:26:45:

Liebe Leute,

trotz einiger Spekulationen, z.B. über Nossi und den Waldviertler, ist es mehr als fragwürdig, ob der WTC-Anschlag gemeint war.

Prophezeiungen sind meines Erachtens Wahrnehmungen vergangener oder zukünftiger kollektiver menschlicher Empfindungen, zumeist negativ geprägt.

Vielleicht sollten wir uns die Frage stellen, ob es tatsächlich so negativ erlebt wurde. Natürlich müssen Politiker hinterher von "großem Entsetzen des ganzen Deutschen Volkes", "tiefer Erschütterung" und Ähnlichem faseln, aber in den Medien hatte man einen anderen Eindruck.
Die Bilder zeigten, daß die Menschen auf der Straße in Manhattan dem Ereignisort zustrebten, nicht etwa, um zu helfen, sondern um besser sehen zu können. Selbst als der erste Turm einstürzte, sah man Leute, welche noch im Wegrennen ab und zu zögerten; ich hatte den Eindruck, sie wollten vermeiden, zu weit zu rennen, weil sie dann ja etwas verpassen könnten.
Ich kann mich noch deutlich an den Schrei einer Frau erinnern: "Oh my God!", bei welchem ich mich fragte, ob der Tonfall beim Auspacken eines schönen neuen Kleides anders wäre.
Die ständigen Wiederholungen der Flugzeugeinschläge auf verschiedenen Sendern vermittelten auch eher den Eindruck der Sensationsgeilheit als der wahren Bestürzung und Trauer.

Kurz und gut, so negativ gefärbt waren die Empfindungen aus meiner Sicht gar nicht, mal abgesehen von denen, die selbst in der Todesfalle saßen. Wir sehen jeden Tag so viele schreckliche Bilder, daß sich das WTC dort ziemlich nahtlos einreiht.

Etwas Anderes wäre es, wenn tatsächlich New York in großen Teilen plattgemacht wird. Dann wäre wohl eher eine Massenpanik zu erwarten.

In dem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche der vergangenen Ereignisse der jüngeren Geschichte überhaupt vorausgesagt wurden. Die beiden Weltkriege recht sicher. Bezüglich der Titanic gibt es auch konkrete Hinweise (wenn auch nicht seitens der Standard-Propheten). Was ist aber mit:

-Hiroshima/Nagasaki
-der Mondlandung
-dem großen Erdbeben in Indien in den 90ern mit 100000 Opfern
-dem Tod von Lady Diana (nicht, daß ich den als so wesentlich sehe, aber da wurden doch weltweit Millionen Taschentücher vollgeheult)
-der Estonia?

Andere Prophezeiungen (weltweit: indianisch, indisch, europäisch; Nossi und die Offenbarung gehören auch dazu), welche kollektive Verhaltensmuster betreffen, sind dagegen sehr allgemein gehalten, aber dennoch deutlich: der fortschreitende Werteverfall, die Zerstörung der Umwelt, die materielle Orientierung, die zunehmende soziale Isolation trotz zunehmender Menschendichte, Massenverarmung.

Was also sind Ereignisse, welche eine "Prophezeiung wert sind"? Zum Ausgangspunkt zurück: war der WTC-Anschlag ein solches Ereignis? Ich glaube, eher nicht. Oder war der Film "Flammendes Inferno" (Zwillingstürme, Feuer in der Mitte des Gebäudes, darüber eingeschlossene Menschen) so etwas wie das Buch über die "Titan" bezüglich der Titanic? Ich glaube, in unserer jetzigen Welt der Katastrophenfilme und Sensationsgeilheit kann sowieso nichts mehr passieren, was nicht in sehr ähnlicher Form literarisch oder filmisch umgesetzt wurde.

Je satter wir werden, umso abwegigere Ereignisse müssen her, um das Gähnen kurzzeitig zu unterdrücken. Die Offenbarung (als Drehbuch) würde doch keinen Filmproduzenten mehr vom Hocker reißen: hatten wir schon, ist nicht neu, mit Gott brauchste heute keinem mehr kommen, bringt doch keinen Dollar in die Kinokassen, schlechte Geschichte, kommen Sie wieder, wenn Sie eine zentrale tragische Liebesgeschichte eingearbeitet haben. Johannes könnte wieder abziehen, wenn er überhaupt am Pförtner vorbeikäme.

Wenn also Prophezeiungen unsere Zeit betreffen, müßten es schon (neben den erwähnten Massenempfindungen/-verhaltensweisen richtige "Knaller" sein. So 'ne Invasion Europas mit Millionen Toten, Massenvergewaltigungen und Allem, was so dazugehört, das "große Beben" oder gar der Komet wären sicher geeignet, bei uns mal wieder paar echte Gefühle hervorzurufen, welche dann Stoff für Prophezeiungen hergeben (bzw. hergegeben haben).

Oder wir fangen an, uns zu fragen, was wir hier im Moment treiben.

Liebe Grüße

Torsten


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