Denn man muss sich einfach mal fragen, was Langzeitarbeitslose nach Hartz IV ...

Geschrieben von Justice am 04. August 2004 12:11:24:

Denn man muss sich einfach mal fragen, was Langzeitarbeitslose nach Hartz IV noch zu verlieren haben?


Stimmung: Agressiv verharzt
Musik: Lieb Vaterland magst ruhig sein .....


It goes loose!

Dieser, wohl fälschlicherweise unserem ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke zugeschriebene Satz, zuckt mir spontan durch den Kopf, wenn ich in der Sueddeutsche Zeitung vom 7 Juli 2004 den Bericht über Langzeitarbeitslose in den neuen Bundesländern lese.

Um gleich irgendwelchen dummen Kommentaren über faule Ossies, die mental noch nicht im Westen angekommen sind, vorzugreifen – ICH bin Wessie und halte dennoch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, egal ob Ost oder West, für eine NATIONALE KATASTROPHE mit einem erheblichen Gefährdungspotential für unser Land und seine Bürger.

Denn man muss sich einfach mal fragen, was Langzeitarbeitslose nach Hartz IV noch zu verlieren haben?

Es wäre nicht zum ersten Mal in der Geschichte, auch in der europäischen, dass Massenarbeitslosigkeit und stetig zunehmende soziale Armut breiter Bevölkerungsschichten zu politischen Veränderungen ungeahnten Ausmaßes geführt hat. Zerstörte Volkswirtschaften mit Millionen von Toten waren die Folge.

Seit Jahrzehnten werden in unserem Land immer mehr Menschen ins gesellschaftliche Abseits und die Armut verschoben. Gleichzeitig wird ihnen gesagt, dass sie daran selber schuld sind.

Doch seit vielen Jahren geschieht das mit Menschen die eben nicht mehr selbst schuld sind.
Menschen, die meinten ihren Platz und ihre Existenzberechtigung in unserer Gesellschaft sicher zu haben. Aber dann mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und ohne die Möglichkeit sich selbst ernähren zu können trotz teurer sozialen Sicherungssysteme stetig nach unten in die staatsverwaltete Vormundschaft durch gemahlen wurden. Ohne Aussicht auf Besserung.
Wer zweihundert Bewerbungen geschrieben hat und unzählige Vorstellungsgespräche mit teils entwürdigendem Seelenstriptease über sich ergehen lassen musste, der hat keine Hoffnung mehr. Der resigniert und entspricht dann genau dem Bild vom faulen Sozialschmarotzer, das unseren Politikern und Wirtschaftsführern, die einschneidenden Maßnahmen zur "Reform" der Sozialsysteme so leicht begründen lässt.

Der noch amtierende Bundeskanzler Gerhard Schröder ist 1998 mit den folgenden Worten in seiner Regierungserklärung angetreten:
"Vor uns liegen gewaltige Aufgaben. Die Menschen erwarten, daß eine bessere Politik für Deutschland gemacht wird. Wir wissen: Ökonomische Leistungsfähigkeit ist der Anfang von allem. Wir müssen Staat und Wirtschaft modernisieren, soziale Gerechtigkeit wiederherstellen und sie sichern, das europäische Haus wirtschaftlich, sozial und politisch so ausbauen, daß die gemeinsame Währung ein Erfolg werden kann. Wir müssen die innere Einheit Deutschlands vorantreiben; und vor allem und bei allem: Wir müssen dafür sorgen, daß die Arbeitslosigkeit zurückgedrängt wird, daß bestehende Arbeitsplätze erhalten bleiben und neue Beschäftigung entsteht"

Und heute scheut er sich nicht mit dem Satz "Was wir jetzt tun ist die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe und diejenigen, die davon betroffen sind, erwerben sich den Anspruch in Arbeit vermittelt zu werden. Und das ist doch ein großer Erfolg." in den Medien präsent zu sein.
Dieser Satz ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die seit sechs Jahren darauf warten und hoffen, dass eine bessere Politik in Deutschland gemacht wird, bestehende Arbeitsplätze erhalten bleiben und neue Beschäftigung entsteht. Diesen Satz vor der letzen Bundestagswahl und die Wähler hätten anders entschieden.
Den ANSPRUCH auf Arbeit kann man nicht essen, das ist VERSAGEN auf der ganzen Linie!


Wenn die ersten Menschen wieder zu den Montagsdemonstrationen gehen, dann wird es keine friedliche Lösung dieses Konflikts mehr geben, denn diese Menschen haben keine Chance und NICHTS mehr zu verlieren.
Was glauben sie wohl, was vier oder noch mehr Millionen Menschen, auch wenn sie nur mit Stöcken und Steinen bewaffnet sind, aus dieser Republik machen werden?
Sie werden nicht nur die Verantwortlichen aus ihren Bungalows zerren und die Parlamente stürmen, sondern auch die Wirtschaftsbosse und Bankdirektoren aus ihren Hochhäusern holen.

Selbst einem Strafgefangenen geht es im Knast mit geheizter Zelle, regelmäßigem Essen und ärztlicher Versorgung immer noch besser als einem von Harz IV zwangsverwalteten und in die Armut gedrückten Billiglohnarbeitssklaven.

Wer nichts mehr hat, noch nicht einmal mehr Hoffnung – der hat NICHTS zu verlieren. Außer seinem Leben, das NICHTS mehr wert ist.
Diesen Gedanken sollten sich die Verantwortlichen mal unters Kopfkissen legen und in ihren gebetsmühlenartig wiedergekäuten Schwachsinn aufnehmen.

BEVOR es zu spät ist.




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