"Armenarmee" in Berlin! (Spiegel)

Geschrieben von SoL333 am 24. April 2004 10:01:49:

Als Antwort auf: Narichten 24.04.2004 (o.T.) geschrieben von Acedcool am 24. April 2004 04:46:56:

BERLINER SOZIALATLAS

Ein Armenviertel so groß wie Hannover

Von Matthias Gebauer

Berlin wird zur Hauptstadt der Armen. Doch die rot-rote Regierung, die heute einen Bericht zur Lage der Stadt vorlegte, verklausulierte die unangenehmen Fakten mit Formulierungen wie "soziale Disparitäten". Zudem wurde die Veröffentlichung des Sozialatlas immer wieder verzögert - denn sie blamiert den SPD/PDS-Senat.


In dem "Sozialatlas", den Knake-Werner vor sich und der Öffentlichkeit ausbreitete, sind vor allem tiefrote Schaubilder abgebildet. Die Zahlen und Fakten, die sie aus einem 350-seitigen Reader vortrug und auf einer Pressekonferenz präsentierte, sprechen eine klare Sprache: Berlin wird zur Hauptstadt der Armen.

Trotzdem mühte sich Knake-Werner, die Untersuchungsergebnisse erst einmal kräftig zu loben. Endlich habe man ein Zahlenwerk produziert, mit dem man nun politisches Handeln steuern könne - als ob der Senat erst seit kurzem wüsste, dass die Stadt in eine gefährliche Schieflage gerutscht ist.

Für den Atlas haben die Statistiker des Senats in akribisch die sozialen Grunddaten der Stadt zusammengestellt: Haushaltseinkommen, Arbeitslosigkeit, Lebenserwartung, Todesfälle. Die Tabellen ergeben dann schließlich einen "Sozialindex" - und, man ahnt es schon: Der fällt im Moment vor allem nach unten.

Im Gegensatz zur letzten Erhebung Ende der neunziger Jahre geht es den Berlinern im Durchschnitt aller Werte vier Prozent schlechter. "Da ist eine enorme Dynamik im Gange", versuchte einer der Statistiker den rasanten sozialen Abstieg der Hauptstadtbevölkerung möglichst wertfrei zu erklären.

Die Zahlen aus dem Bericht stellen dem rot-roten Senat von Klaus Wowereit (SPD) ein miserables Zeugnis aus. Demnach ist nicht nur das Land Berlin nach Bankenskandal und Wirtschaftsflaute bettelarm. Insgesamt 533.000 Berliner müssen laut dem Zahlenwerk mit weniger als 600 Euro im Monat auskommen und leben unterhalb der Armutsgrenze. Mitten in der Millionen-Metropole Berlin hat sich demnach in den letzten Jahren eine Armenarmee mit der Einwohnerzahl von Hannover oder Dortmund gebildet - und sie wächst ständig weiter. (interessante Formulierung, nicht?)


Für die Stadt-Regierung sind die Zahlen nicht gerade angenehm. Gern stellen Regierungsmitglieder wie Bürgermeister Wowereit Berlin als glitzernde Metropole dar, in der sich die Glamour-Welt zu Filmfestspielen oder in Fünf-Sterne-Hotels trifft - und in der Champagner aus Pumps getrunken wird. Dass die Realität vieler Hauptstädter eher zwischen Arbeitsamt, Schuldnerberatung und der Trinkhalle stattfindet will so gar nicht in dieses Bild passen.

Wohl auch aus diesem Grund hatte der Senat die Vorstellung des Sozialatlas immer wieder verzögert. Intern lag der Bericht bereits seit Monaten vor. Als einer der Statistiker aber das Horror-Szenario kurz vor Ostern in einer vertraulichen Runde vor dem Kabinett vorstellte, verging selbst Wowereit seine Party-Laune.

Nach der achtstündigen Sitzung entschied sich der Senat zu einer Zwischenlösung. Geheimhalten konnte man den Bericht nicht, da dieser bereits angekündigt worden war. Deshalb sollten die Schreiber aber zumindest den Wortlaut weniger dramatisch klingen lassen und eine Version entwickeln, die den Inhalt etwas entschärft.

So ist in dem Werk nicht mehr von "schlechter" Sozialstruktur die Rede, sondern nur noch von "ungünstiger". Und die Situation in Berlin "verschärft" sich auch nicht, die Stadt leidet lediglich an "sozialen Disparitäten" - ein Vokabelpaar, das die ehemalige Klassenkämpferin Knake-Werner, einst Mitglied der westdeutschen DKP, am Freitag besonders gern verwendete. Die Verelendung Berlins ging letztlich in einem Schwall von Soziologennebel unter.

Beunruhigend an dem neuen Bericht ist vor allem, wie sehr sich die sozial Schwachen in einzelnen Bezirken konzentrieren. Wie ein Ring legen sich die armen Bezirke Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain Kreuzberg, Neukölln und Tiergarten rund um den Sitz der Berliner Regierung, die im Roten Rathaus mehr Notstandsverwaltung als aktive Politik betreibt. Hinzu kommen die Problembezirke im Osten wie Marzahn oder Hellersdorf, die sich nahezu in Ghettos verwandelt haben.

Nicht nur Pessimisten befürchten nun eine erneute Teilung der Stadt. Fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer ist es aber nicht mehr Beton, sondern Geld, das die Menschen trennt.

Ein Beispiel für die allgemeine Verelendung ist der Bezirk Marzahn. Hier zogen junge Leute massenhaft aus und suchten sich eine Bleibe in besseren Wohngegenden, oft auch im Reihenhaus vor den Toren Berlins. Übrig blieben Alte, Arbeitslose und sozial Schwache, die leer stehenden Wohnungen übernahmen oft mittellose Ausländer. So wohnt auch in Berlin bald wohl jeder nur unter seinesgleichen, wie das in Hamburg oder München schon lange üblich ist: Die Reichen zwischen Nobel-Italiener und Boutiquen in renovierten Altbauwohnungen - und die Armen in immer dreckigeren Vierteln mit ansteigender Kriminalität.

Knake-Werner betonte pflichtschuldig, dass eine Änderung der Situation "aus eigener Kraft derzeit nicht möglich" sei. Wie auch, schließlich sind die Kassen der Hauptstadt so leer, dass der Senat an allen Ecken und Enden sparen muss. Nur mit euphemistischen Wortklaubereien wie am Freitag ist die Koalition aus PDS und SPD immer noch sehr freizügig.



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