Der zweifache Tod

Geschrieben von Elias Erdmann am 18. März 2004 19:42:51:

Als Antwort auf: Re: Transformation geschrieben von HotelNoir am 17. März 2004 10:03:34:

Hallo HotelNoir

> Von der initiatorisch-alchemistischen Sichtweise her betrachtet, entspricht die Kreuzigung der Auflösung des > gemeinen Goldes (Ego) und die Auferstehung dem künstliche geschaffenen, "wahren" Gold der Könige.

Ich bin nun nicht so exakt mit dem Symbolsystem der Alchimie vertraut, kenne aber trotzdem den Hintergrund für diese Deutung. Letztendlich geht es ja auch nicht um das Symbolsystem, sondern um die geistige Wahrheit, die mit der Symbolik ausgedrückt wird.

Die unterschiedliche Bewertung der Kreuzigung entsteht, weil der Begriff vom „zweifachen Tod“ anders gedeutet wird.

Die von Dir dargestellte Sichtweise basiert auf folgender Interpretation:
Zunächst einmal gibt es den ersten Tod, den wir gestorben sind, INDEM wir in die materielle Welt kamen. Hier stirbt unser „wahres Ich“ und unser Ego wird geboren. Ziel ist nun der zweite Tod, dass also unser Ego stirbt, damit unser wahres Ich wieder geboren wird.

Mit dem „irdischen Tod“ unseres physischen Körpers hat das alles nix zu tun.
Der erste „Tod“ ist quasi unsere „leibliche Geburt“.
Der zweite „Tod“ ist die Auferstehung unseres wahren Ichs.

Ich kenne diese Interpretation, komme aber selbst zu einem anderen Ergebnis.

Der zweifache Tod ergibt sich nach meiner Deutung direkt aus dem 3-Ebenen-Schema.

Der erste Tod ist der Abstieg von der geistigen zur seelischen Ebene.
Der zweite Tod ist der Abstieg von der seelischen zur materiellen Ebene.

Entsprechend gibt es natürlich auch wieder zwei „Aufstiege“:
In der Bibel finden wir diese beiden Stufen z.B. in der Taufe mit Wasser und in der Taufe mit Feuer.

Im normalen Leben bedeutet der erste Aufstieg, dass man sich etwas von der rein-materialistischen Sichtweise löst und dass man sich den „seelischen“ Themen zuwendet. Man entwickelt sich vom materie-fixierten Menschen (der nur die Hülle sieht) zu einem Menschen, der das Seelische betrachtet. Es geht nun im Leben nicht mehr nur um die materiellen Dinge, sondern auch um Beziehungen, um Moral und Ethik.

Auf dieser Entwicklungsstufe lernt man die heilige Schrift moralisch-ethisch zu deuten. Man sieht in Jesus ein Vorbild für unser Leben.

In unserer Kultur ist es üblicherweise die Kirche, durch die dieser Prozess begleitet und gefördert wird.

Das äußere Symbol für diese Wandlung ist die Taufe mit Wasser. Optimal wäre das Ritual natürlich, wenn es von Erwachsenen praktiziert würde, die im Gegensatz zu Kindern zumindest wissen was sie da gerade tun und wenn für dieses Bad tatsächlich die „Hülle“ abgelegt würde.

Der zweite Aufstieg bedeutet, dass man nun das Geistige erfassen kann. Man entwickelt sich zum Pneumatiker/Gnostiker/Esoteriker, oder wie man auch immer diese Stufe nennen mag.

Auf dieser Stufe lernt man die Heilige Schrift symbolisch-esoterisch zu deuten, als ein Gleichnis für eine höhere Wirklichkeit. Und man erkennt in Jesus eine geistige Kraft, die in uns wirkt.

Leider will und kann die Kirche die Menschen bei diesem Prozess nicht mehr begleiten und so muss man in unserer Kultur leider die Kirche verlassen, um diesen Weg gehen zu können. Das ist übrigens nicht in allen Kulturen so. Im Judentum beispielsweise gibt es auch heute noch eine fest verwurzelte esoterische Tradition: die Kabbala. So kann man sich im Judentum der Esoterik zuwenden, ohne sich vom allgemeinen Judentum abwenden zu müssen.

Ich heutigen „Christentum“ ist das leider anders. Hier wird einem der zweit Schritt versperrt.

Dadurch dass diese Taufe in unserer Kultur nicht öffentlich praktiziert wird, gibt es bislang auch kein typisches Ritual für diese Taufe. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Übergang von der Dunkelheit ins Licht eine passende Form für ein solches Ritual wäre, z.B. das Abnehmen einer Augenbinde oder wenn man nach drei Tagen in einer finsteren Höhle wieder ans Tageslicht kommt. (Drei Tage Finsternis) Auch das Eintauchen in einen „Funkenregen“ könnte diesen inneren Prozess angemessen unterstreichen, zumal viele Menschen dieses Motiv des „Funkenregens“ oder des „Sternenfalls“ auch aus ihren inneren Bildern kennen.

Wie man an diesen Andeutungen erkennt, hat das Ganze sehr viel mit der Symbolik der Prophezeiungen zu tun.

Es vergleichbares dreistufiges Konzept begegnet uns übrigens in der Gnosis, wo Hyliker, Psychiker und Pneumatiker unterschieden werden.

Siehe http://lyrik.ch/begriffe/gnosis.htm und http://wwwuser.gwdg.de/~rzellwe/nhs/node39.html.

Viele Grüße

Elias








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