Anmerkungen zu Opfer und Sünde

Geschrieben von Elias Erdmann am 16. März 2004 23:36:45:

Als Antwort auf: Re: es lebe das heidentum, thor sei mit dir geschrieben von Napoleon am 16. März 2004 20:28:19:

Hallo Thorshammer

>das heidentum ermöglicht wie bei atheisten ein leben ohne sünde zu leben .
>... verstehe aber das symbol des opfers das uns von der sünde befreit .


Ein paar Anmerkungen zu den Begriffen "Opfer und Sünde":

Es heißt, Jesus sei gestorben für unserer Sünden. Doch was bedeutet dieses?

Bei den heute üblichen Deutungen hat man den Eindruck, dass aus den Zeiten von Adam und Eva noch ein alter Strafzettel wegen Nichteinhaltung der paradiesischen Nahrungsmittelverordnung existierte, der durch ein Menschenopfer beglichen werden musste. Um diesen alten Strafzettel aus der Welt zu schaffen, hat also Gott sich selbst seinen eigenen Sohn geopfert und so sind wir nun diesen Strafzettel los.

Diese übliche Sichtweise – die ich hier natürlich etwas überspitzt zusammen gefasst habe - hat mich persönlich jedenfalls noch nie so richtig überzeugt und ich halte es schon für eine ziemlich seltsame Vorstellung, die man von Gott haben muss, um solche Ideen überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Gilt dieses Opfer eigentlich, wenn Jesus hinterher wieder auferstanden ist?
Bei der Aussage, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei, lohnt es sich, die zwei Worte „Sünde“ und „sterben“ etwas genauer zu untersuchen, um zu verstehen, was mit dieser Aussage wirklich gemeint war.

Im Alten Testamen kommen mehrere Begriffe vor, die im Deutschen mit dem Wort Sünde übersetzt werden:
chatha und seine Ableitungen deuten eine Bewegung in der falschen Richtung bzw. die »Verfehlung« des richtigen Zieles an.
pascha als Tätigkeitswort und das zugehörige Hauptwort drücken »Auflehnung« aus.
awah heißt zuerst »krümmen«. Das davon abgeleitete Hauptwort awon nimmt den Gedanken der »Schuld« mit in den Begriff der Sünde hinein.
schagah und das Hauptwort schegagah drücken das im menschlichen Sein begründete Irren, das »Abirren« aus.
(Quelle: http://www.fcg-giessen.de/themen/gs/gs7.html)

Auch das Neue Testament kennt mehrere Wörter, die wir mit Sünde übersetzen:
- hamartanno, hamartia = nicht treffen, verfehlen bzw. Verfehlung
- harmatema = bezeichnet nur die sündige Tat
- parakoae = Ungehorsam
- anomia = Gesetzlosigkeit
(Quelle: http://www.floflue.de/bconnected/suende.htm)

Hamartia ist das gebräuchlichste neutestamentliche Wort für Sünde. Im Griechischen hatte dieses Wort die Bedeutung von Fehler. Es bedeutete zunächst beim Speerwefen, "das Ziel verfehlen". Es konnte auch gebraucht werden, um das Verfehlen eines Weges auszudrücken ebenso wie fehlgeschlagene Pläne, Hoffnungen und Absichten.

(Quelle: http://www.lza.de/materialhilfen/bibel/bk-beichte.html)

Das deutsche Wort Sünde ist sprachlich verwand mit „Absondern“ und mit Sund (z.B. Fehmarn-Sund) und bezeichnet einfach nur eine Trennung.

In der Theologie wird damit die Trennung zwischen Mensch und Gott bezeichnet.
Dieser Aspekt kommt zwar bei den hebräischen und bei den griechischen Begriffen „chatha“ und „hamartia“ nicht so deutlich raus, aber wenn man mit einem Pfeil an der Scheibe vorbei schießt, so ist etwas, was daneben liegt, auch vom Ziel getrennt.

Von vielen Theologen wird der Begriff Sünde mit „Trennung“ übersetzt:

So schreibt der evangelische Theologe Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein: Der Sündenbegriff ist bei uns moralisch eingefärbt. Schuld ist ganz stark an die Moral geknüpft. - Wir können heute nicht mehr über Schuld und Sünde reden, weil wir den falschen Sündenbegriff haben. Alttestamentlich, und noch viel deutlicher und durchgängig im NT ist Sünde nicht, das was schlecht ist, nicht das, was verboten ist. Wenn man Gerechtigkeit als ganzheitliche Beziehung versteht, dann ist Sünde von ihrem Wesen her Trennung.
(Quelle: http://www.lza.de/materialhilfen/bibel/das_evangelium_neu_entdecken.htm)

So können wir die Aussage, dass Jesus für unser Sünde gestorben sei, in einem ersten Schritt übersetzen in:
Jesus ist gestorben, damit die Trennung überwunden wird.
Der „Strafzettel-Aspekt“, den wir heutzutage mit dem Begriff Sünde verbinden, ist damit schon verschwunden. Doch warum musste Jesus sterben, um diese Trennung zu überwinden?

Vor allem ist auch unklar, was wir davon haben, wenn ein anderer für uns stirbt.

In der Symbolik der Bibel wird auch der Weg in die materielle Welt als Tod bezeichnet. So hieß es beispielsweise vom Baum der Erkenntnis, dass man sterben müsse, wenn man von ihm isst. Auch vom verlorenen Sohn heißt es, er wäre tot gewesen. Tod bezeichnet häufig den Zustand der Trennung von der göttlichen Ebene, die wir erleben, wenn wir in die materiellen Ebene eintreten. Wir die wir hier auf der materiellen Welt leben und deren Denken auf die materiellen Dinge ausgerichtet ist, sind in der Symbolik der Bibel die „Toten“.

Konrad Dietzfelbinger schreibt hierzu im Buch „Mysterienschulen“ im Kapitel „Symbolik von Leben und Tod“:

Wenn der Geist im Menschen unbewußt und unwirksam ist, so ist der wahre Mensch "tot", wie sich die Mysterienschulen ausdrücken. Es kommt darauf an, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Das ist nur durch den Mysterienweg möglich: Einerseits muß die Kraft des Geistes auf diesen innerlich Toten" einwirken. Das Licht des Geistes muß einströmen und den inneren Menschen "erleuchten". Dadurch wird das Programm des Geistes bewußt und wirksam, und der wahre Mensch "ersteht auf". Andererseits muß der "unwahre" Mensch, der an der Sinnen- und Schattenwelt orientierte, ichbezogene Mensch weichen, damit der wahre Mensch "auferstehen" kann.

Damit können wir nun die Aussage vollständig übersetzen:
Jesus kam in die Welt und nahm die Trennung von Gott (=Tod) auf sich, damit für uns die Trennung überwunden wird.
Das könnte man vergleichen mit jemandem, der gemütlich im warmen Haus sitzt und sich freiwillig raus in einen Schneesturm begibt, um anderen Menschen den Weg zum warmen Haus zu zeigen. Auch dieser Mensch bringt ein Opfer, indem er die Trennung vom Haus auf sich nimmt, damit andere diese Trennung überwinden können.

Diese Sichtweise wird durch folgende Stelle bestätigt: Mk 2,17 Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Die Idee, dass man sich freiwillig in die Materie begibt, um anderen Wesen bei ihrem Weg zu helfen, findet sich übrigens auch im Buddhismus (Bodhisattva-Gelübte).

In den Evangelien gibt es nacheinander etliche Symbole, die diese Trennung von der geistigen Ebene darstellen:
Es beginnt beim Abendmahl.
1) Trennung vom Geist
Mk 14, 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes.
Wein enthält Alkohol bzw. Weingeist bzw. Spiritus. Jesus trennt sich vom Geist
2) Trennung von der Wachheit
Mk 14,37 Und er kam und fand sie schlafend.
Müdigkeit ist ein Verlust an Bewusstsein
3) Trennung vom Geistkörper
Mk 14, 51: Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.
Es geht hier nicht um irgendeinen Mann, sondern um den geistigen Anteil. Das Gewand ist der irdische Anteil. Bei der Gefangennahme durch die irdische Macht entflieht der geistige Anteil.
Sicherlich ist es kein Zufall, dass nun nach drei Trennungen die dreifache Verleugnung durch Petrus erfolgt.
4) Trennung vom Licht
Mk 15,33 Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
Die Finsternis ist eine Trennung vom Licht.
5) Trennung vom Vater
Mk 15,34 Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
6) Trennung vom Leben - Der Tod.
Mk 15, 37 Aber Jesus schrie laut und verschied.
7): In der Materie begraben
Mk 15, 46 Und der kaufte ein Leinentuch und nahm ihn ab und wickelte ihn in das Tuch und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür.

Es geht aber hier nicht um einen Menschen, der vor 2000 Jahren in ein Grab gelegt wurde, sondern diese Geschichte aus den Evangelien ist ein Gleichnis für den göttlichen Funken, der in jedem von uns „begraben“ ist und der in jedem von uns wieder auferstehen kann. Denn in jedem von uns ist ein Teil bzw. ein Sohn Gottes Mensch geworden und weist uns mit der Stimme der Inspiration den Weg.

Die Stimme der Inspiration, die wir selbst in uns hören, kann unsere Trennung vom Göttlichen überwinden. Aber wenn jemand vor 2000 Jahren diese Stimme hörte, so haben wir davon nichts.

Viele Grüße
Elias







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